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Bilingual: Kompetenzen für Gesellschaft und Beruf

Der dritte und letzte Teil unseres Dossiers zum Thema bilingualer Unterricht fragt, inwiefern der traditionelle Englischunterricht noch  Bestand haben wird.

Mit der Dominanz bilingualer Programme an Gymnasien und der kriterienorientierten Zusammensetzung von bilingualen Klassen scheint der Ausblick auf  den bilingualen Unterricht für alle zunächst wenig aussichtsreich. Immerhin zeichnen sich mit der Weiterentwicklung der Organisationsformen – Stichwort Module – erste Möglichkeiten ab. Außerdem kann ein Rückblick auf die Einführung des Englischunterrichts in den Sekundar- und Grundschulen eine ganz neue Perspektive eröffnen. Und Englisch ist nicht mehr die Fremdsprache von 1994, sondern als „lingua franca“ weitgehend etabliert.

Obligatorischer Englischunterricht erst seit 1964

Erst 1923 hat Englisch die bis dahin erste Fremdsprache, nämlich Französisch, abgelöst. Englisch entwickelte sich dann rasch zur dominierenden Fremdsprache vor Latein und Französisch. Der Fremdsprachenunterricht blieb aber noch eine sehr lange Zeit das Privileg der höheren Schulen. Erst mit dem Hamburger Abkommen von 1964 (von der KMK erarbeitet) wurde festgelegt, dass in allen Schularten von der 5. Klasse an eine Fremdsprache, überwiegend Englisch, gelehrt werden sollte. Viele Hauptschulen haben anfangs ausweichend reagiert. Sie haben Schüler vom Englischunterricht „befreit“, weil sie ihnen das Lernen einer Fremdsprache nicht zugetraut haben und ihnen lieber mehr Unterricht in Deutsch und Mathematik geben wollten. Diese Jahre sind vorbei. Inzwischen lernen alle Jugendlichen eine erste schulische Fremdsprache; und sie können es auch – wobei: Sie können es nicht nur, sie alle brauchen auch diese Kompetenzen für das gesellschaftliche und berufliche Leben in unserer heutigen Zeit.

Obligatorischer Englischunterricht in der Grundschule erst seit 2006

Nicht nur die Schüler der Sekundarstufe 1 lernen Englisch, sondern bereits die Kinder in der Grundschule. Dieselbe Resolution der Erziehungsministerkonferenz von 1991, die den entscheidenden Anstoß zur verstärkten Einführung des bilingualen Unterrichts gegeben hat, hatte auch die erste Fremdsprache in der Grundschule gefordert. Englisch in der Grundschule gab es schon in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, aber obligatorisch wurde es erst durch einen KMK-Beschluss von 2006. Mit dem Grundschulenglisch bringen alle Kinder heutzutage erste Voraussetzungen für einen konstruktiven Umgang mit dem Englisch in alle Sekundarschulen mit.

Englisch als „lingua franca“

Die jetzige Schülergeneration, wenn diese Verallgemeinerung erlaubt ist, fragt nicht mehr, weshalb sie Englisch lernen sollen, weil die englische Sprache für die meisten zum Alltag gehört durch den Umgang mit den digitalen Medien, internationale Kooperationen, Film, Sport und weil die Muttersprache der Einheimischen zunehmend mehr mit englischen Wörtern und chunks durchsetzt ist. Außerdem erleben sie im Umgang mit Jugendlichen aus nicht-europäischen Herkunftsländern, dass Englisch die Brücke zur Verständigung sein kann. In einer fremdsprachlich so vorgeprägten Schülerschaft dürfte sachfachlicher Unterricht in Englisch zunehmend leichter zu vermitteln sein.

Obligatorischer Bilingual-Unterricht?

Ist es realistisch, im Analogschluss zum regulären Englischunterricht und dem in der Grundschule, anzunehmen, dass es eines Tages bilingualen Unterricht für alle geben wird? Denn:

  • Es hat Jahrzehnte gedauert, bis der reguläre Englischunterricht für alle Lernenden obligatorisch wurde.
  • Von den allerersten Versuchen mit Englisch in der Grundschule bis zur verpflichtenden Einführung hat es ebenfalls Jahrzehnte gedauert.

Das könnte zu der Hoffnung berechtigen, dass auch bilingualer Unterricht eines Tages allen Jugendlichen, ganz gleich welche Schularten sie besuchen, angeboten wird. Hilfreich dafür ist die Argumentation einiger führender CLIL-Forscher wie Mehisto, Marsh and Frigols, die sich in ihrer Studie „Uncovering CLIL“ mit dem Missverständnis auseinandersetzen, dass CLIL nur ein Angebot für Begabte und Hochbegabte ist. Diese Position wird mit dem Hinweis entkräftet, dass es zahlreiche Nationen von Luxemburg bis Singapur gibt, in denen Mehrsprachigkeit ein nationales Ziel ist und Lernende in verschiedenen Sprachen erzogen und unterrichtet werden. Weshalb CLIL so erfolgreich ist, begründen sie, wie auch andere Verfechter des bilingualen Lernens, damit, dass Schüler die Sprache nicht um der Sprache und eines künftigen Gebrauchs willen lernen, sondern weil sie das soeben Gelernte unmittelbar umsetzen – sozusagen die Fremdsprache als Arbeitssprache. „CLIL is a just-in-time approach as opposed to a just-in-case approach“ („Uncovering CLIL“, S. 21).

Konsequenzen für den regulären Englischunterricht

Ob es die Forderung nach Mehrsprachigkeit ist, die Diskussion über Englisch in der Grundschule oder den bilingualen Unterricht, die Frage nach den formalen und inhaltlichen Konsequenzen für den regulären Englischunterricht steht immer häufiger im Raum. Solange es keine Standards für die Englischleistungen am Ende des 4. Schuljahres gibt, wird ein verringertes Stundenkontingent für den Englischunterricht bundesweit nicht in Betracht gezogen. Solange die Praxis von bilingualem Unterricht in den Ländern und Schulen großen Schwankungen unterliegt, können allenfalls die Länder, auf jeden Fall einzelne Schulen Konsequenzen ziehen, um ein Übermaß an Englisch zugunsten anderer Fremdsprachen zu reduzieren. So gibt es beispielsweise in  Nordrhein-Westfalen einzelne Schulen, die bei kontinuierlichem Arbeitssprachenunterricht den regulären Englischunterricht um eine Stunde kürzen und in der Sekundarstufe II ganz wegfallen lassen, sofern bilingualer Unterricht bis zum Abitur durchgezogen wird.

Damit dreht sich das Verhältnis von bilingualem Unterricht versus Englischunterricht um: Nicht mehr der Englischunterricht instrumentalisiert den bilingualen Unterricht, sondern dieser wird mittelfristig zu einer Reduzierung – langfristig vielleicht sogar zur Abschaffung – eines Englischunterrichts in der Sekundarstufe I führen, der die Sprache nur um der Sprache willen lehrt.

Lesen Sie hier den ersten Teil des Dossiers zu bilingualem Unterricht.
Lesen Sie hier den zweiten Teil des Dossiers zu bilingualem Unterricht.
Quellen:

Bilingualer Unterricht an Gesamtschulen, Erfahrungsbericht, Ministerium für Schule und Weiterbildung, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen,  Oktober 1999

Content and Language Integrated Learning (CLIL) at School in Europe, Eurydice 2006

„Konzepte für den bilingualen Unterricht – Erfahrungsbericht und Vorschläge zur Weiterentwicklung“, Bericht des Schulausschusses vom 10.04.2006, kmk.org

„Konzepte für den bilingualen Unterricht – Erfahrungsbericht und Vorschläge zur Weiterentwicklung“, Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 17.10.2013, kmk.org

Krechel, Hans-Ludwig. (1999). Sprach- und Textarbeit im Rahmen von flexiblen bilingualen Modulen. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterrich, abrufbar unter http://tujournals.ulb.tu-darmstadt.de/index.php/zif/article/viewFile/652/628

Mehisto, P., D. Marsh & M.J. Frigols, 2008. Uncovering CLIL, Content and Language Integrated Learning in Bilingual and Multilingual Education, Macmillan Books for Teachers

Unterricht und Kompetenzerwerb in Deutsch und Englisch. Zentrale Befunde der Studie Deutsch-Englisch-Schülerleistungen-International (DESI)


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