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Bilingual: „die“ Chance für alle

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Bilingualer Unterricht für alle? Ein Dossier beleuchtet das Verhältnis von englischsprachigem Sachfachunterricht und regulärem Englischunterricht. Teil eins.

Die Anfänge

Die Anfänge des bilingualen Unterrichts fallen auf den Be­ginn der 1960er-Jahre und sind vor­rangig als Auswirkung der deutsch-französischen Aussöhnung nach dem 2. Weltkrieg zu verste­hen. Der Élysée-Vertrag (1963) führte zur Gründung mehrerer deutsch‑französischer Gymnasien in grenz­nahen Gebieten und wurde durch die Etablierung deutsch‑fran­zösischer Züge an Gymnasien ergänzt. Hier wurde neben Französisch als 1. Fremdsprache mit erhöhter Stundenzahl in mindestens einem weiteren Sachfach die Partnersprache auch als Unter­richts­sprache benutzt. Nordrhein‑Westfalen folgte  zu Beginn der 1970er-Jahre mit der Einrichtung bilingualer Gymnasialzweige. Die Sachfächer waren meistens Erdkunde und Ge­schichte.

Die Einführung bilingualer Züge wurde 1991 massiv durch die Resolution der euro­päischen Erziehungsministerkonferenz über ‘Die Stärkung der europäischen Dimension im Bildungswesen: Unterricht und Lehrplaninhalte’ unterstützt. Um nach Ziffer 16 dieser Resolution möglichst vielen Menschen die Chance zum Erwerb fremder Sprachen zu geben, wird der Beginn einer Fremdsprache in der Grundschule ebenso gefordert wie die Einrichtung bilingualer Klassen an Sekundarschulen forciert. Dementsprechend ist vor allem in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Zahl der bilingualen Züge für die englische Sprache weiter angestiegen. Seitdem hat sich der bilinguale Unterricht quantitativ wie qualitativ weiterentwickelt und stark verändert:

Bilingualer Unterricht selektiv

Die Kultusministerkonferenz hat die bilingualen Züge anfangs als Beitrag zur Begabtenförderung im sprachlichen Bereich verstanden. In ihrem Beschluss zu einem Grundkonzept für den Fremdsprachenunterricht vom 07.10.1994 hat sie den bilingualen Unterricht zu den Förderinitiativen für Begabte gezählt und die Frage gestellt, „in welchem Ausmaß (…) sich eine Ausweitung des bilingualen Unterrichts insgesamt verwirklichen lässt und durch welche Maßnahmen (…) eine Erweiterung der Sprachen und Sachfächer für dieses Angebot erreicht und unterstützt werden“ kann. (KMK 2013)

Erfreulicherweise hat sich diese elitäre Position nicht lange halten können, ganz abgesehen davon, dass sie die Bestrebungen und Forderungen des Europarates konterkarierte, der die Integration und die Kommunikation innerhalb Europas über seine Sprachenpolitik befördern will. Danach soll jeder Bürger und jede Bürgerin – und nicht nur ein ausgewählter Kreis – über mindestens drei Sprachen verfügen: die eigene Muttersprache, zwei Fremdsprachen, eine davon möglichst Englisch als ‚lingua franca’, und die andere eine oder die Sprache des Nachbarn.

Ausweitung der Angebote: Schularten, Unterrichtsfächer, Fremdsprache, Organisationsformen
1. Schularten

So weitet sich das bilinguale Angebot stetig auf andere Schularten aus. Alle Bundesländer bieten bilingualen Unterricht an Gymnasien an, in der Sekundarstufe I wie II. Bis auf Sachsen-Anhalt wird in allen Bundesländern bilingualer Unterricht in Grundschulen unterrichtet und in 13 Bundesländern (außer Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und Thüringen) gibt es bilingualen Unterricht auch an Schulen mit mehreren Bildungsgängen. Hier breitet sich bilingualer Unterricht allerdings nur zögerlich aus.

Das Gymnasium bleibt führend, weil das Image leider weiterhin besteht, dass bilingualer Unterricht sich nur oder vor allem an die besser und schneller Lernenden wendet, also etwas Elitäres hat. Das wird dadurch bestätigt, dass Schülerinnen und Schüler für den bilingualen Unterricht nach bestimmten Kriterien, die von Schule zu Schule variieren können, ausgewählt werden. So zählen etwa die Leistungen in den Sachfächern. Zudem sollten die Lernenden mündlich aktiv sein und sich trauen zu reden. Ferner ist Belastbarkeit aufgrund der etwas erhöhten Stundenzahl auch ein Punkt, der für eine Auswahl zum bilingualen Unterricht eine Rolle spielt. Die Eltern, so zum Beispiel in NRW, werden dahingehend beraten, dass ihre Unterstützung für den Lernprozess ihrer Kinder garantiert ist. Es handelt sich damit um einen schulintern erzeugten Creaming-Effekt, der nicht zuletzt durch die hohe Übergangsquote in die Sekundarstufe II belegt ist.

1.2 Unterrichtsfächer

Prinzipiell eignen sich inzwischen alle Unterrichtsfächer für den bilingualen Unterricht. Dennoch werden nach wie vor die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer bevorzugt gewählt; gefolgt von Biologie, den musischen Fächern Kunst und Musik sowie Sport und den übrigen Fächern.

1.3 Fremdsprache

Englisch und Französisch sind die am meisten gewählten Fremdsprachen für den bilingualen Sachfachunterricht. Aber auch Spanisch und Italienisch werden in fast der Hälfte der Bundesländer eingesetzt. Vereinzelt spielen auch Sprachen eines Nachbarlandes eine Rolle, etwa Polnisch, Niederländisch oder Dänisch.

1.4 Organisationsformen

Auch hier hat sich der bilinguale Unterricht weiterentwickelt und ausdifferenziert. Die anspruchsvollste Umsetzung ist die Vollform des bilingualen Unterrichts, d.h. die Schule richtet einen Zug, einen Bildungsgang ein, der aufbauend vom 7. bis 10. Schuljahr läuft. Er kann ein oder zwei Sachfächer beinhalten, die gleichzeitig oder auch versetzt beginnen. Ein solcher Zug ist im Allgemeinen an einen Vorlauf mit ein oder zwei zusätzlichen Englischstunden im 5./6. Jahrgang gekoppelt. Und für den bilingualen Sachfachunterricht gibt es eine zusätzliche Unterrichtsstunde, um die Zielerreichung im Sachfach zu garantieren. Manche Schulen lassen indes nur einen Jahrgang mit bilingualem Sachfachunterricht laufen; alternativ auch zwei, zum Beispiel im 7./8. oder 9./10. Jahrgang.

Denkbar sind auch bilinguale Module, d.h. zeitlich und thematisch begrenzte, also phasenhaft durchgeführte Angebote. Die Fremdsprache als Arbeitssprache wird hier oft nur rezeptiv eingesetzt, nach Möglichkeit aber mit produktiven Anteilen. Es ist auch denkbar, dass Fremd- und muttersprachliche Unterrichtsphasen innerhalb eines Moduls abwechseln.

Bilinguale Module sind flexibel einsetzbar, können auf die jeweilige Lerngruppe zugeschnitten werden und passen in viele Situationen im Lehr- und Lernprozess. Sie sind nicht an bestimmte Schuljahre und Fächer gebunden. Die Erfahrungen einzelner Länder belegen, dass die Planung bilingualer Module über ein Schuljahr pro Klassenstufe unter Beteiligung verschiedener Sachfächer möglich und sinnvoll ist.

Viele Schulen mit einer teilweise extrem heterogen zusammengesetzten Schülerschaft fürchten, dass bilingualer Unterricht ihre Schülerinnen und Schüler überfordert. Gleichwohl sehen sie die Notwendigkeit fremdsprachlicher Bildung auch für ihre Klientel. Sie versuchen deshalb mit flexibel gestalt- und einsetzbaren Modulen zu arbeiten. Das könnte ein Weg zu einer ersten Form des bilingualen Unterrichts für alle sein.

2. Der bilinguale Unterricht wird vom regulären Englischunterricht instrumentalisiert

Das anfängliche Konzept des bilingualen Unterrichts richtet sich auf ein in einer Fremdsprache unterrichtetes Sachfach. Die ist meist Englisch. Die Lernziele, die erreicht werden müssen, sind jedoch die curricular vorgegebenen Lernziele des jeweiligen Faches. Im Vordergrund steht wiederum der Anwendungsaspekt der Fremdsprache. Zunächst kamen deshalb vorrangig die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer wie Geschichte, Erdkunde, Politik für den bilingualen Unterricht in Frage. Schließlich haben sie eine besonders hohe Affinität zum Diskutieren und Kommunizieren, also zum Üben der Fremdsprache.

Diese Fächer legen es außerdem nahe, dass die Themen durch die Originaltexte aus englischsprachigen Ländern auch unter anderen als deutschen Perspektiven behandelt werden können. Bilingualer Unterricht öffnet damit den Horizont zu multiperspektivischer Betrachtung und leistet einen wichtigen Beitrag zur interkulturellen Kompetenz. Aus der DESI-Studie (2006) stammt der Befund, dass in Klassen mit bilingualem Sachfachunterricht ethno-relative interkulturelle Orientierungen signifikant häufiger zu beobachten sind als in der Vergleichsgruppe.

Damit entsprechen die Zielsetzungen des bilingualen Unterrichts denen des regulären Englischunterrichts, wie sie die KMK 2011 festgelegt hat: „Erweiterung der sprachlichen Bildung zur Mehrsprachigkeit“ und „Stärkung der kulturellen Vielfalt Europas“ – mehr noch: Dem bilingualen Unterricht wird für die Erreichung der Ziele des regulären Unterrichts ein besonderer Stellenwert beigemessen. Man kann auch sagen, dass der bilinguale Unterricht für den Englischunterricht instrumentalisiert wird.

3. Die Dominanz der Fremdsprachendidaktik

Wegen der Herausbildung fremdsprachlicher Kompetenzen standen die wissenschaftlichen Begleituntersuchungen Mitte der 1980er- bis Mitte der 1990er-Jahre nur unter dem Aspekt der Fremdsprachendidaktik. Bilingualer Unterricht galt als Gegenentwurf zu einem in die Krise geratenen Fremdsprachenunterricht. Auf der Suche nach Wegen, wie die Fremdsprachenkompetenz verbessert werden könnte, wurde die Notwendigkeit erkannt, den Bedeutungsaspekten in einem kommunikativen Kontext mehr Beachtung zu schenken. So wurde bilingualer Unterricht in den späten 1990er-Jahren in die Kontroverse um das Scheitern der Kommunikativen Wende einbezogen. Denn mit dem Sachfach in der Fremdsprache war der Idealtyp des kommunikativen Fremdsprachenunterrichts gegeben, authentisch von den fremdsprachlichen Materialien und Quellen her, interessant und herausfordernd von den echten Inhalten her.

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Teil 2 des Dossiers klärt den Begriff CLIL und wirft einen Blick auf die Erfolgsbilanz von Bili

Teil 3 des Dossiers fragt, inwiefern der traditionelle Englischunterricht noch Bestand haben wird

Quellen:

Bilingualer Unterricht an Gesamtschulen, Erfahrungsbericht, Ministerium für Schule und Weiterbildung, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen,  Oktober 1999

Klippel, Friederike, Fremdsprachenunterricht (19./20. Jahrhundert), in: Historisches Lexikon Bayerns

„Konzepte für den bilingualen Unterricht – Erfahrungsbericht und Vorschläge zur Weiterentwicklung“, Bericht des Schulausschusses vom 10.04.2006, kmk.org

„Konzepte für den bilingualen Unterricht – Erfahrungsbericht und Vorschläge zur Weiterentwicklung“, Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 17.10.2013, kmk.org

Lohmann, Christa, 2008. Bilingualer Unterricht, in: schulmanagement, Heft 4, S. 8ff.

Lohmann, Christa, 2009. Ein Erfolgsmodell, in: Praxis Englisch, Heft 6, S. 46ff.

 


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