Home | The English Academy | News/ Englischdidaktik | CLIL: sprachensensibler Fachunterricht

CLIL: sprachensensibler Fachunterricht

Teil zwei unseres Dossiers zum Thema bilingualer Unterricht beschäftigt sich mit der tieferen Bedeutung des Begriffes und rückt CLIL in den Vordergrund.

In Deutschland wurde von Anfang an der Begriff bilingualer Unterricht verwendet. Darunter versteht man in den deutschen Ländern grundsätzlich einen Fachunterricht in den nichtsprachlichen Fächern, in dem überwiegend eine Fremdsprache für den fachlichen Diskurs verwendet wird“ (KMK 2013, S. 3). Allerdings stand der Begriff bilingual nicht selten in der Kritik. Denn der Unterricht wurde zunächst konsequent monolingual, also nur in der Fremdsprache durchgeführt. Gerechtfertigt blieb der Begriff mit dem Hinweis auf das Ergebnis, dass Schüler durch den in einer Fremdsprache erteilten Sachfachunterricht später zweisprachig, bi-lingual, sprachhandeln können. Da inzwischen das code-switching zwischen der Fremdsprache und der Schulsprache etabliert ist, behält der Ausdruck bilingualer Unterricht seine Berechtigung.

„Content and language integrated learning“, kurz CLIL, wie das Sprachenprojekt bei der Europäischen Kommission und in der internationalen Forschung und Literatur heißt, wird nicht vorrangig als Fremdsprachenunterricht in erweiterter Form, sondern als integrierter Sachfach- und Fremdsprachenunterricht verstanden. CLIL „refers to the teaching of a current subject other than foreign languages in more than one language“. […] “It seeks to develop proficiency in both the non-language subject and the language in which it is taught, attaching the same importance to each. Underlying […] is the belief that young people should be more effectively prepared for the (multi)lingual and cultural requirements of a Europe in which mobility is expanding”. (Eurydice)

Der sachfachliche Gewinn

Der bilinguale Unterricht hat sich nicht zuletzt durch die Diskussionen mit den Fachdidaktiken und mit CLIL dahingehend weiterentwickelt, dass der Fokus seit einigen Jahren verstärkt, wenn nicht überwiegend auf den sachfachlichen Aspekt gelenkt wird, weil Sprachlichkeit und Sachlichkeit gleichgewichtige Elemente von CLIL sind. So sind auch die Erfolge in den Sachfächern beachtlich, ohne dass es schon wissenschaftlich nachweisbar ist. Aber Lehrkräfte wie Schülerinnen und Schüler melden zurück, dass das Interesse am Fach wachse, wenn es in einer Fremdsprache unterrichtet wird. Dies hat mit der erhöhten Aufmerksamkeit zu tun, die den Lernenden während des bilingualen Unterrichts für das Sachfach abverlangt wird. In den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern wie Geschichte und Erdkunde kommen die authentischen fremdsprachlichen Materialien hinzu, die sich die Schüler auch über das übliche Angebot hinaus aus dem Internet holen können. Das erhöht ihre Motivation und steigert ihre Fähigkeiten zum selbstständigen Lernen.

Bei den bilingual unterrichteten Schülern konnte laut KMK sogar eine veränderte Einstellung zum Fach Englisch nachgewiesen werden. Die eigene erworbene höhere Fremdsprachenkompetenz wertet den reinen Englischunterricht auf. Folglich erscheint seine Existenz legitimiert, weil das Sprachenlernen durch den erfahrenen Anwendungsbezug mit einem Mal an Bedeutung gewinnt. Aber auch die Fächer Physik, Chemie und Biologie profitieren von englischsprachigem bilingualen Unterricht; zum einen, weil die Terminologie im Englischen einfacher ist, zum anderen, weil inzwischen fast alle relevanten Publikationen auf dem Gebiet der Naturwissenschaften auf Englisch erscheinen. Hier sorgt der bilinguale Unterricht sozusagen für einen akademischen Nutz- und Mehrwert.

Auf die Vermittlung der fremden Sprache fällt immer dann der Fokus, wenn es im Sinne des Verstehens der Sachfachmaterie sinnvoll ist. Von daher leitet sich eine Art neue zusätzliche Beschreibung von bilingualem Unterricht und CLIL ab: Sachfachunterricht in der Fremdsprache  als sprachensensibler Fachunterricht. Diese Diskussion geht inzwischen aber weit über den fremdsprachlichen Sachfachunterricht hinaus und ist eine Forderung für das gesamte Curriculum geworden – nicht zuletzt unter dem Eindruck nachlassender Deutschkompetenzen, und das nicht nur bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

Schlussfolgerungen  

Im Bericht des Schulausschusses der KMK vom 10.04.2006 „Konzepte für den bilingualen Unterricht“ heißt es, dass die besondere Qualität und Effektivität des bilingualen Unterrichts inzwischen durch Untersuchungen allgemein anerkannt sei. Den signifikantesten Beleg für diese Behauptung liefert die Studie „Deutsch Englisch Schülerleistungen International“ (DESI): In einer Stichprobe wurden 38 Schulen mit 958 Schülerinnen und Schülern mit einem bilingualen Unterrichtsangebot gesondert evaluiert. Die Vergleichsgruppe ohne bilingualen Bezug wurde nach denselben Hintergrundvariablen ausgesucht.

Fazit: Die mittleren Leistungen der Schüler in bilingualen Programmen liegen in vier Bereichen auf einem höheren Niveau als die der Vergleichsgruppe: im Hörverstehen, Leseverstehen, in der Textrekonstruktion und in ihrer Schreibkompetenz. „Schüler in bilingualen Klassen haben einen sehr deutlichen Kompetenzvorsprung in allen Bereichen. Insbesondere kommen sie im Hörverständnis fast doppelt so schnell voran wie andere Klassen“ (DESI, S. 59f.). Die Studie bestätigt allerdings auch die Selektivität von bilingualem Unterricht. Die Schüler verfügten auch im Deutschen über höhere sprachliche Kompetenzen, sie hatten einen höheren sozialen Status, und es sind Mädchen, die überproportional häufig an bilingualen Unterrichtsprogrammen teilnehmen.

Sprachgewandtere SchülerInnen

Ähnliche Befunde gab es in einzelnen Bundesländern auch schon früher. In einem Bericht aus NRW über Gesamtschulen mit bilingualen Versuchen aus dem Jahr 1999 heißt es zum Beispiel: „Die Leistungen der bilingualen Schüler liegen höher als die der Schüler in den Kerngruppen“, sie seien „schneller bei der Erledigung der Hausaufgaben, lernfreudiger, sicherer in der Anwendung von Strukturen, und der aktive und passive Wortschatz“ sei „umfangreicher“. Zudem bezeichnete man die bilingualen Schüler als „experimentierfreudiger in Kommunikationssituationen“. Auch beim Abfassen eigener Texte sowie bei Aufgaben zum Hörverstehen seien sie „leistungsfähiger als die Schüler in den Kerngruppen.“

Mit anderen Worten: Die Erfolgsbilanz von bilingualem Unterricht lässt sich sehen. Über den englischsprachigen Gewinn hinaus erhöht der Ansatz die kommunikativen und interkulturellen Kompetenzen, leitet zu multiperspektivischer Betrachtung an und fördert Mobilität sowie Integration. Damit leistet bilingualer Unterricht auch einen wichtigen Beitrag zur Vorbereitung auf eine international geprägte Wirtschafts- und Arbeitswelt.

Lesen Sie weiter:

Teil 1 des Dossiers zeichnet Erscheinungsformen und die Geschichte des bilingualen Unterrichts nach

Teil 3 des Dossiers fragt, inwiefern der traditionelle Englischunterricht noch Bestand haben wird

Quellen:

Bilingualer Unterricht an Gesamtschulen, Erfahrungsbericht, Ministerium für Schule und Weiterbildung, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen,  Oktober 1999

Content and Language Integrated Learning (CLIL) at School in Europe, Eurydice 2006

„Konzepte für den bilingualen Unterricht – Erfahrungsbericht und Vorschläge zur Weiterentwicklung“, Bericht des Schulausschusses vom 10.04.2006, kmk.org

„Konzepte für den bilingualen Unterricht – Erfahrungsbericht und Vorschläge zur Weiterentwicklung“, Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 17.10.2013, kmk.org

Krechel, Hans-Ludwig. (1999). Sprach- und Textarbeit im Rahmen von flexiblen bilingualen Modulen. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterrich, abrufbar unter http://tujournals.ulb.tu-darmstadt.de/index.php/zif/article/viewFile/652/628

Mehisto, P., D. Marsh & M.J. Frigols, 2008. Uncovering CLIL, Content and Language Integrated Learning in Bilingual and Multilingual Education, Macmillan Books for Teachers

2 Kommentare zu “CLIL: sprachensensibler Fachunterricht”


Diesen Artikel...

Teilen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Über welche Themen möchten Sie hier mehr lesen?

Ergebnisse einsehen

Loading ... Loading ...