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Grundschulenglisch

Was können Kinder am Ende der vierten Klasse?

Seit 2005/2006 wird verbindlich Grundschulenglisch unterrichtet, mit Ausnahme des Saarlandes. Im Gegensatz zu den beiden weiteren Kernfächern, Deutsch und Mathematik, liegen noch keine Bildungsstandards vor. Flächendeckende Studien zum Thema Grundschul­englisch fehlen bisher auch. Demzufolge ist es möglich, in den einzelnen Bundesländern den Unterricht auf der Grundlage je­weils eigener Bildungspläne anzulegen. Andererseits lassen sich die erreichten Ergebnisse in Medien und weiterführenden Schulen sehr subjektiv wahr­neh­men respektive interpretieren.

Vor diesem Hintergrund liefert eine bundesweit durchgeführte Studie des sogenannten BIG-Kreises über den „Lernstand im Englischunterricht am Ende von Klasse 4“ hilfreiche Ergebnisse. Diese dienen der Versachlichung der Diskussion. Zudem lassen sich Hinweise auf oft übersehene Chancen, aber auch auf zu bewältigende Herausforderungen erkennen. An der im Jahr 2013 durchgeführten Erhebung nahmen 2.148 Kinder in 80 Schulen aus den 15 Bundes­ländern teil, in denen Grundschulenglisch erteilt wird.

Im Rahmen der Studie haben die Experten Hörverstehen und Leseverstehen in Anlehnung an das bewährte Testformat der nordrhein-westfälischen Evening-Studie (Engel et al. 2009) sowie Schreiben und Sprechen getestet. Außerdem füllten die Kinder einen Fragebogen aus. Bei diesem äußerten sie sich unter anderem zu ihrer Herkunft und zu ihrer Einstellung zum Englischunterricht. Um einen Einblick in die unterrichtlichen Voraussetzun­gen und das didaktisch-methodi­sche Vorgehen zu bekommen, bat man die Lehrkräf­te, einen entsprechenden Frage­b­­o­­gen zu bearbeiten.

Auch wenn die Studie nicht den Anspruch einer groß angelegten Untersuchung erheben kann, so lassen sich aus den Erkenntnissen durchaus signifikante Impulse für die weite­re Entwicklung gewinnen. Aus der umfangreichen Fülle des vorliegenden Daten­ma­terials stelle ich im Folgenden einige Ergebnisse vor, die geeignet sind, ein empirisch ermitteltes Bild vom Lernstand im Fach Englisch am Ende der Jahrgangs­stufe 4 und einen Einblick in die Situation des Englischun­ter­richts in der Grundschule zu bekommen.

Schülerfragebogen: Grundschulenglisch ist „cool“

Fast ausnahmslos ergibt sich das Bild von hoch motivierten Schü­lern, die Grundschulenglisch sprichwörtlich „cool“ finden. Die Kinder mögen besonders gerne neue Wörter lernen (88 Prozent), in Tests ihr Können unter Beweis stellen (82 Prozent), die Sprache hören (80 Prozent), Spiele spielen (92 Prozent) und lesen (72 Prozent). Aspekte wie Auswendiglernen (55 Prozent) und Schreiben (63 Prozent) sind vergleichsweise weniger beliebt. Im Fach Englisch erzielen die Kinder durchschnittlich bessere Noten als in Deutsch, Mathematik und im Sachunterricht. Mädchen werden in Englisch, im Gegensatz zu Mathematik, tendenziell besser beurteilt. Kinder mit Migrationshintergrund erhalten in allen Fächern, so auch in Englisch, eher schlechtere Noten.

Eine Forschungsaufgabe dürfte sein, unter Berück­sichtigung der sozioökonomischen Bedingungen zu ermitteln, inwiefern die bereits vorliegende  Sprachlernerfahrung dieser Gruppe sich nicht doch positiv auswirkt. Voraussetzung hierfür wäre ein konsequent einsprachig durchgeführter Englischun­ter­richt. Die Lehrkraft sollte dabei gar nicht oder nur in geringem Maße auf die deutsche Sprache zurück­greifen.

Erfreuliche Verstehensleistungen

Der Test in Sachen Hörverstehen setzte sich aus den zwei Teilen „Verstehen auf der Satzebe­ne“ und „Verstehen auf der Textebene“ zusammen (BIG-Keis 2015: 35-40). Etwa drei Viertel der Schüler zeigte hierbei, dass es am Ende der Jahr­gangs­stufe 4 über ein Sprach­ni­veau verfügt, das im Bereich A1 des Gemeinsamen europäi­schen Referenzrahmens für Sprachen liegt. Der Test, der sich dem Aspekt Leseverstehen widmet, setzte sich ebenfalls aus zwei Teilen zusammen. Hier ging es um das Ver­ste­hen von Einzelsätzen und einer Geschichte, die die Schüler aus den Einzel­texten einer Bildergeschichte zusammensetzen sollten (ebd. 40-44). Mit einem Durch­schnittswert von 80 Prozent haben die Lernenden sogar ein ausgesprochen gutes Ergebnis erzielt.

Mit der Erhebung von Schreibleistungen betrat der BIG-Kreis Neuland. Denn zu diesem Zweck musste das Team eigens einen vierstufigen Test entwickeln (vgl. BIG-Keis 2015: 44-50 und Schlüter 2016):

  1. Zunächst steht die Fähigkeit im Zentrum, drei Einzelwörter aus einer vorgegebenen Liste von sechs Wörtern orthografisch korrekt unter die passende Abbildung abzuschreiben.
  2. Im zweiten Aufgabenteil geht es darum, Wortgestalten von drei hochfrequenten Wörtern aus der Lebenswelt der Kinder orthografisch korrekt unter das vorgegebene Bild zu schreiben.
  3. Der dritte Bereich untersucht, wie gut Kinder häufig verwendete Wörter aus ihrer Lebenswelt frei in Englisch aufschreiben können.
  4. Im vierten Teil geht es um die Kompetenz, sich nach einem Impuls schriftlich zusammenhän­gend verständlich zu äußern. (ebd.: 45)
Mit Kreativität die Phonem-Graphem-Problematik bewältigen

Da die einzelnen Bundesländer das Schrei­ben in den Bildungsplänen unter­schiedlich gewichten und dieser Aspekt in der Regel im Unterricht eine untergeordnete Rolle spielt, war dieser Testteil einerseits für viele Kinder eine erhebliche Heraus­forderung, andererseits weisen die Ergebnisse folglich eine große Bandbreite auf. Erfreulich ist die Tatsache, dass sich nahezu alle Schüler auf die Testaufgaben eingelassen haben. Ihre vorgelegten Lösungen zeugen von erheb­licher Kreativität bei der Bewältigung der schwierigen Phonem-Graphem-Problematik, die während des Erwerbs der englischen Sprache auftritt. Andererseits lässt ein genauerer Blick auf die einzelnen Schreibergebnisse der Kinder deutliche Ansätze von Sprachbewusstsein, Hypothesenbildung und Nutzung von Regeln erkennen (vgl. ebd.: 48f.).

All diese Befunde machen den Bedarf deutlich, besonders dem Schreiben im Fremd­­spra­chenunterricht der Grundschule in Zukunft eine größere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Folglich ist es dringend erforderlich, die tendenzielle Zurückhaltung beim Schreiben auf der Grundlage neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse bundesein­heit­lich zu relativieren.

Mit dem Sprechen haben die Kinder weniger Schwierigkeiten

Für den aufwändigen Sprechtest entschloss sich der BIG-Kreis für eine deutliche Weiterentwicklung des Evening-Tests von 2007 (vgl. Kessler 2009). Es wurden pro Klasse drei Schülerpaare gebildet, von leistungsstark bis mittelstark zu schwach. Die Lehrerin hat die Paare auf der Grundlage von Aktionskarten in fünf Schritten mit ansteigender Schwierigkeit zum Sprechen gebracht (BIG-Kreis 2015: 50-67):

  1. Aufwärmgespräch zwischen Lehrkraft und Schülerpaar
  2. Nachsprechen
  3. auf Fragen antworten
  4. Aussagen über ein Bild machen (deskriptiv)
  5. über sich (monologisch) und mit Personen sprechen (dialogisch) (ebd. 51)

Das Aufwärmgespräch mit der Lehrerin über den Schüleralltag bereitete den Kindern keine großen Schwierigkeiten, weder in Bezug auf die sprachliche (88,9 Prozent) noch auf die inhaltliche Angemessenheit (92 Prozent) der Äußerungen. Beim Nachsprechen zeigte es sich, dass das sprachliche Vorbild entscheidend ist, wenn gut 60 Prozent der Schüler den vorge­sprochenen Äußerungen der Lehrkräfte exakt oder mit nur geringen Abweichungen entspricht. Wenn dies allerdings auf 40 Prozent nicht zutrifft, so ist es ein Hinweis darauf, dass Lehrer durch sorgfältiges Üben nachbessern müssen. Selbstverständlich sollten die sprachli­chen Vorbilder einwandfrei sein. Dies bedeutet, dass verstärkt authentische Sprache mittels Hörspielen und Lehrfilmen einzusetzen ist.

Kinder können sich verständ­lich frei äußern

Bei der dritten Aufgabe sollten die Kinder auf Nachfragen der Lehrkraft Einzelwörter auf einem Wimmel­bild benennen. Dieses gelang den Kindern durchweg recht gut; die Äußerungen waren allerdings zum Teil deutlich ein­geschränkt, wenn nur ein begrenzter Wortschatz zur Verfügung stand. In den Kompetenzbereichen beschreibendes, monologisches und dialogisches Spre­­­chen zeigte sich wiederum die erfreuliche deutliche Bereitschaft der Kinder, sich verständ­lich zu äußern. Die monologischen Äußerungen waren inhaltlich mit mehr als 90 Prozent und sprachlich mit mehr als zwei Drittel angemessen bis überwiegend angemessen.

Als anspruchsvollste Aufgabe erwies sich das dialogische Sprechen. Denn dabei geht es nicht allein um die sprachliche Leistung, sondern auch um Einfallsreichtum und die Bereitschaft, sich auf das Gespräch einzulassen. Gut 60 Prozent der Dialoge können als erwartungsgemäß bezeichnet werden, mit zum Teil sehr gelungenen Passagen. Andererseits weisen die erwartungswidrigen fast 40 Prozent darauf hin, dass das dialogi­sche Sprechen der Kinder miteinander offenbar nicht besonders gepflegt wird. Die Schüler sind im Unterrichtsgespräch an die Beantwortung von Fragen der Lehrerin ge­wöhnt, nicht aber an eigenständiges Fragen in einer freien Unterhaltung. Entscheidend für die Entwicklung der Sprechfertigkeit ist, die nachgewiesene Motivation der Kinder zu nutzen und sie immer wieder zu sprachlichen Äußerungen herauszufordern. Hierbei gilt die Devise „Lieber fehlerhaft reden als fehlerfrei schweigen“.

Lehrerfragebogen: Grundschulenglisch ist eine Bereicherung

Aufschlussreiche Erkenntnisse über den Unterricht zeigt die Auswertung des Lehrer­fragebogens. Alle 87 weibli­chen und elf männlichen an der Studie beteiligten Lehrkräften haben ihn bearbeitet. Fast die Hälfte hat Englisch studiert. 80 Prozent geben an, häufig bis regelmäßig an Fortbil­dun­gen teilgenommen zu haben (Börner et al. 2016: 41). Etwa ein Drittel der beteiligten Lehrkräfte unterrichtet ausschließlich Eng­lisch. Jedoch liegen laut der BIG-Studie gute Erfahrungen vor, wenn die Klassenlehrkraft gleichzeitig den Unterricht erteilt. Denn dieser setzt voraus, die Kinder gut zu kennen, „als Voraussetzung dafür, dass schwächere Schüler sowie Kinder mit Migrationshintergrund nicht vom Englischunterricht ausgeschlossen werden“ (ebd.). Einhellig halten alle Beteiligten Grundschulenglisch für sehr wichtig (73 Prozent) oder wichtig (22 Prozent). Lediglich vier Personen halten den Fremdsprachenunterricht für „mittelmäßig wichtig“. Für 91 Prozent ist das neue Fach eine Bereicherung, für 51 Prozent jedoch auch zugleich eine Herausforde­rung.

Der Befund, dass Lehrkräfte mit englischsprachigen Auslandsaufenthalten ihre eigene Sprachkompetenz besser einschätzen und die Wichtigkeit des Faches höher bewerten, „unterstreicht die Bedeutung sowohl regelmäßiger, institutionalisierter Fortbildungsangebote als auch die Stärkung des Faches durch ausgebildete Lehrkräfte mit hoher Sprachkompetenz“ (BIG-Kreis 2015: 21). Die glei­che Korre­lation ergibt sich auch im Bereich der Methodik: „Je wichtiger das Fach Englisch für die Grundschule eingeschätzt wird, desto wichtiger wird der Einsatz von authentischen Materialien, Lernerfolgskontrollen, Leseverstehen, Schreiben und Storytelling bewertet.“ (Börner et al. 2016: 21)

Schlussbemerkung

Mit einer Reihe empirisch ermittelter Befunde hat die BIG-Studie auf die aktuelle Situation in puncto Grundschulenglisch aufmerksam gemacht. Unter anderem bestätigt die Erhebung eines der wichtigsten Ergebnisse der Hattie-Studie eindrucksvoll: Der Lernerfolg hängt entscheidend von den Lehrkräften ab. Die vorliegenden Daten erlauben darüber hinaus durchaus eine vertiefende Analyse, beispielsweise unter welchen Bedingungen sich besonders erfolgreiche oder weniger erfolgreiche Ergeb­nisse erzielen lassen, wie sich erwar­tungs­widrige Ergebnisse in einzelnen Klassen und Schulen erklären lassen oder welchen Einfluss der Einsatz bestimmter Medien oder Unterrichtsverfahren auf den Lernerfolg hat.

Die Ergebnisse der Studie weisen auf ein erhebliches positives Sprachlernpotenzial hin. Die Resultate verdeutlichen zugleich aber auch, dass es für eine vollends zufriedenstellende Situ­­a­tion zu bearbeitende Herausforderungen gibt: etwa bezogen auf die Qualifizierung der Lehrkräfte, die Vereinheitlichung der Unterrichtsgrundlagen in den einzelnen Bundesländern auf der Grundlage verbindlicher Mindeststandards. Und die Studie untermauert, dass es Aufgabe der Bildungspolitiker ist, letztlich auch Ungleichheiten von Bil­dungs­chancen abzubauen (vgl. Börner et al. 2016: 38-43).

Literatur

BIG-Kreis der Stiftung LERNEN (2015): Der Lernstand im Englischunterricht am Ende von Klasse 4. Ergebnisse der BIG-Studie. München: Domino Verlag.

Otfried Börner, Heiner Böttger, Tanja Müller, Adelheid Kierepka, Inge Kronisch, Michael Legutke, Christa Lohmann & Norbert Schlüter (2016): „Der Lernstand im Englischunterricht am Ende von Klasse 4 − Erste Ergebnisse der BIG-Studie.“ In: Böttger, Heiner & Norbert Schlüter (Hrsg.): FFF − Fortschritte im Frühen Fremdspra­chenlernen.“ Tagungsband zur 4. FFF-Konferenz 2014 in Leipzig. Braunschweig: Westermann, S. 8-44.

Engel, Gaby, Bernd Groot-Wilken & Eike Thürmann (Hrsg.; 2009): Englisch in der Primarstufe − Chancen und Herausforderungen. Evaluation und Erfahrungen aus der Praxis. Berlin: Cornelsen.

Schlüter, Norbert (2016): „Monday, Monday, So Good to Me …“ In: Grundschule Englisch 56/2016, S. 36f.

Ein Kommentar zu “Grundschulenglisch”

  1. Krack-Schneider Antworten

    Lieber Herr Böttger, ich bin begeistert von Ihrer Untersuchung. Seit 1988 unterrichte ich Englisch an Grundschulen, bin an Mitarbeit in Ihrem Team interessiert. Meine Tochter studiert das Fach inzwischen und ist über die Ausbildung an der Uni entsetzt. Liebe Grüße Renate Krack-Schneider


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