Alles nur Theater?

Kein Kind eignet sich die Muttersprache an, indem es Vokabeln liest, abschreibt und auswendig lernt. Vielmehr hört es die Begriffe immer und immer wieder, erfasst Gegenstände mit allen Sinnen und verknüpft diese mit Bewegungen, zum Beispiel indem die Mutter Apfel sagt, während das Kind in einen solchen beißt. Gerade bei Kleinkindern können wir beobachten, wie sie in Als-ob-Spielen ihre Umgebung erkunden und rasend schnell neue Wörter lernen – und das alles nebenbei. Warum also wollen wir unseren Schülern das Abschreiben und Lesen unbekannter Wörter aufoktroyieren? Weshalb lassen wir sie nicht in Rollen schlüpfen und lehren ihnen neues Vokabular spielerisch mit vielen Sinnen?

In der fünften Klasse des Sonderpädagogischen Förderzentrums in Riem ist wieder viel los. Die Lernenden stampfen durchs Klassenzimmer, brüllen oder wetzen ihre Krallen – und versuchen so, ihre Partner zu finden. Wir sind weder in der Turnhalle noch bei den Proben fürs Schultheater, sondern im Englischunterricht beim Erlernen neuer Wörter. Die Worteinführungen in meinem Unterricht erfordern demnach viel Bewegungseinsatz. Besonders wichtig sind zudem ein hoher Redeanteil von der Lehrkraft und von den Jugendlichen. Das Lesen und Schreiben spielt in der ersten Stunde bei Worteinführungen keine Rolle.

Meine Klassen erarbeiten sich per Ausschlussverfahren neue Begriffe selbst. Dabei werden zunächst Begriffe genannt, die dem Deutschen vom Klang ähnlich sind, beispielsweise elephant oder penguin. Wenn von sechs neuen Wörtern fünf bereits bekannt sind und die Lehrkraft das neue Wort mit den Worten Show me the monkey einführt, wird die Bedeutung verstanden. Als zusätzliche Hilfestellung macht die Lehrkraft erklärende Bewegungen und Geräusche. Sind die Farben gesichert, lassen sich auch diese nutzen, um Wortbedeutungen zu erschließen, etwa The tiger is orange and black.

#Vokabelnlernen im #Förderunterricht mit #Theaterpädagogik: Tipps von Julie Christel

Beispiel: Animals in the Zoo

Neu eingeführt werden die Vokabeln elephant, tiger, penguin, crocodile, lion, monkey. Ziel der Stunde ist es, diese sechs Begriffe einzuführen und zu sichern. Dazu wird ein Sandkasten mit Tierfiguren bzw. -bildern vorbereitet. Dekoriert mit Steinen und Gräsern wird daraus eine ansehnliche Zoolandschaft. Ein Teich kann mit blauer Kreide, die durch ein Sieb gestrichen wurde, angedeutet werden.

Die Präsentationsphase findet im Sitzkreis statt. Dazu werden die und Schüler geordnet nach vorne gebeten: Come into the circle if your hair is brown. Selbst wenn der Begriff hair noch nie genannt wurde, verstehen alle, was gemeint ist, wenn die Lehrkraft sich dazu in die Haare greift. Es ist also grundsätzlich immer viel Bewegungseinsatz gefragt.

Die Lehrkraft zeigt auf die Zoolandschaft und fragt: What do you see? Nun äußern sich alle auf Deutsch oder auf Englisch. Dies kann so klingen: I see the colour blue oder I see three … Affen. Die Lehrkraft greift das deutsche Wort auf und übersetzt: Yes, I see three monkeys! Look, here are three monkeys! Let’s count – one, two, three. The monkeys are brown! So werden den Jugendlichen die neuen Wörter mehrfach präsentiert oder anders ausgedrückt: Sie werden in ein Sprachbad getaucht. Anschließend werden sie von allen gemeinsam und einzeln wiederholt. Dies wird mit entsprechenden Bewegungen begleitet, die sich die Schülerinnen und Schüler gerne auch selbst überlegen können.

Dieser Phase folgt stets das Spiel What‘s missing? Meist wenden die Lernenden die Fragestellung selbstständig an: Close your eyes – Alle schließen die Augen und ein Schüler entfernt ein Tier – Open your eyes. What‘s missing? Dieser stets gleichbleibende Einstieg gibt Sicherheit und ermöglicht einen hohen Redeanteil. In der nächsten Phase werden die Wörter in verschiedenen Spielen mit Bewegungen verknüpft und so mehrfach wiederholt.

Stand, sit, lie down

Diese Übung aus der Theaterpädagogik schult das periphere Sehen und die Konzentration. Es geht darum, die vereinbarten Bewegungen in drei Ebenen sehr langsam auszuführen: stehend, sitzend und liegend. Wenn alle liegen, ruhen die Zootiere. Die Lehrkraft nennt ein Tier, zum Beispiel monkey. Die Schüler bewegen sich an ihrem Platz wie das Tier, aber in Zeitlupe und ohne Geräusche. Wenn jemand beschließt sich aufzusetzen (und später aufzustehen), setzen sich alle auf, sobald sie die Bewegung bemerken. Wichtig hierbei ist, dass es kein Kommando oder keine Anführenden gibt. Vielmehr achten alle aufeinander und wechseln – im besten Fall gleichzeitig – ihre Ebene. Falls der Wechsel zwischen den Ebenen zu schnell geschieht, kann vereinbart werden, dass jede Ebene mindestens zehn Sekunden ausgespielt werden muss. Das Spiel lässt sich beliebig fortsetzen. Die Teilnehmenden bewegen sich wie das genannte Tier langsam im Raum, bis jemand beschließt, sich hinzusetzen, sich zu legen, wieder zu setzen usw.

Walk like a … Material: Bildkarten, Musik

Die Lehrkraft spielt Musik ab und gibt eine Anweisung: Walk like a monkey! Alle bewegen sich entsprechend. Wenn die Musik stoppt, zeigt die Lehrkraft ein Bild und macht eine Aussage: This is an elephant! Je nachdem ob die Aussage stimmt oder nicht, halten alle ihren Daumen nach oben oder unten. Gemeinsam wird das Wort wiederholt. Bei den Bewegungen kann variiert werden: Walk backwards! Gehe rückwärts! Walk backwards! Walk slowly! Gehe langsam! Walk slowly! Die deutschen Phrasen werden zwischen die englischen eingebettet und durch Bewegungen illustriert.

Find somebody …

Die Schüler ziehen Zettel, auf denen Tiere abgebildet sind, wobei jedes Tier zwei- oder dreimal vorkommt. Die Lehrkraft gibt die Arbeitsanweisung: Find somebody with the same animal and stand together! Auf ein Kommando hin gehen alle mit entsprechenden Bewegungen – mit oder ohne Geräusche – im Raum umher und versuchen, ihr Gegenüber zu finden. Wenn sie glauben, ihre Partner ausgemacht zu haben, stellen sie sich gemeinsam auf. Erst wenn alle Grüppchen stehen, gibt es die Auflösung: I am a tiger/crocodile oder We are tigers/crocodiles … Es ist spannend zu sehen, ob alle Tiere zueinander gefunden haben oder doch ein Krokodil bei den Schlangen steht. Bewegungen für ähnliche Tiere müssen vorher geübt werden, etwa hat ein Löwe eine große Mähne, die angedeutet werden kann, ein Tiger dagegen nicht.

Listen and act

Bei dieser Übung erfindet die Lehrkraft eine Geschichte, die zum neuen Wortschatz passt. Dies kann ein Spaziergang durch den Zoo sein. Jeweils zwei bis drei Jugendlichen wird ein Tier zugeteilt. Wird dieses genannt, führen sie passende Bewegungen aus.  Sagt die Lehrkraft „Zoo“, sind alle gleichzeitig dran, ihr Tier darzustellen. Falls die Gruppe Spaß an einem kleinen Improvisationstheater hat, lassen sich zusätzliche Rollen wie ein Tierpfleger einbauen. Im Deutschunterricht kann eine fantasievolle Geschichte geschrieben werden. Die Lehrkraft übersetzt diese, und die Schüler führen sie vor.

Die Abschlussphase findet im Sitzkreis statt. Die Lehrkraft stellt Fragen, zum Beispiel What do you remember?, What is your favourite animal? oder This animal is big and grey. What is it? Nach einigen Wiederholungen sind die Fragen bekannt und die Lernenden stellen sie sich gegenseitig. Bis zum Ende einer Stunde haben die Schüler so jedes Wort mindestens 40-mal gehört bzw. gesprochen. Werden die Übungen zu Beginn der Folgeeinheit wiederholt, sind die Wörter bei vielen weitgehend gesichert. Nun kann mit Lese- und Schreibübungen begonnen werden.

Ein Kommentar zu “Alles nur Theater?”

  1. Gisela Ehlers Antworten

    Ein toller Artikel, der zeigt, dass man mit Kreativität und einem soliden Wissen um die Fachdidaktik nachhaltige Kompetenz aufbauen kann – und die Schüler dabei gar nicht müde werden, in immer wieder neuen Varianten den Stoff zu trainieren! Toll, und vielen Dank!


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