Ob ich besser kommunizieren kann, das ist die Frage!

5 Leitsätze für den produktiven Umgang mit Fehlern

Seien Sie viel gelassener
im Umgang mit Fehlern. Das rät Prof. Dr. Konrad Schröder Lehrern im Gespräch über Sprachrichtigkeit und kommunikative Kompetenz.
Das Interview

Sündhafte Verstöße
sind Fehler nicht. Sie gehören zum Lernen. Das zu akzeptieren, fällt gerade Fremdsprachenlehrern schwer, meint Prof. Dr. Werner Bleyhl.
Sein Kommentar

Ein Gespräch mit TEA-Mitglied Otfried Börner über Sprachrichtigkeit und das Üben in heterogenen Lerngruppen:

Lieber Herr Börner, welchen Stellenwert hat eigentlich die Sprachrichtigkeit in der kommunikativen Didaktik?

Otfried Börner: In der kommunikativen Didaktik ist das Kriterium für Sprachkompetenz das Gelingen des kommunikativen Akts: Erfüllt das, was ich sage oder schreibe, die kommunikative Absicht? Die Frage, ob richtig oder falsch stellt sich primär in dieser Schärfe nicht, weil es darum geht, ob das klappt, was ich sprachlich erreichen will. „Welche Sprachnorm lege ich zugrunde?“ oder „Welches ist eigentlich das ‚richtige’ Englisch?“ fragt die kommunikative Didaktik erst an zweiter Stelle.

„Der Weg führt nicht von der #Grammatik zur #Sprache, sondern von der Sprache zur Grammatik.“
Und aus Ihrer Erfahrung: an welchem Englisch orientiert sich der Unterricht in der Sekundarstufe I?

Börner: Der orientiert sich zunächst am BBC-English oder Standard-English. Aber wie in jeder anderen Sprache gibt es Soziolekte und Dialekte und Ausprägungen, mit denen man auch zurechtkommen muss. Für die Grundanforderungen lautet das Ziel, ich muss kommunikativ sein und mit Sprache meine Absicht erreichen. Darauf geht ein zeitgemäßer Englischunterricht ein.

Es gibt weitere Kriterien, zum Beispiel Register: ein Englisch, das situationsabhängig ist. Schaffe ich es, mit einem seriösen alten Herrn vernünftig zu kommunizieren ebenso wie mit einem Jugendlichen oder wie mit einem Kind? Dann gibt es lauter richtige Englische, oder besser gesagt: angemessene Englische.

Ein falsches Englisch ist mit Sicherheit das, bei dem die Kommunikation abbricht. Das viel zitierte Beispiel von Herrn Schröder „I get a beer!“ in einer englischen Kneipe gesagt, führt möglicherweise zum Abbruch der Kommunikation. Wenn ich zu oft nur mit „Yes“ oder „No“ antworte oder meine Äußerungen durchgängig sehr direkt formuliere, so kann dieses bei Engländern als unfreundlich wahrgenommen werden.

Kommunikation kann auch abbrechen oder zu schlimmen Missverständnissen führen, wenn ich zum Beispiel kein richtiges „th“ spreche, wie in dem berühmten Video, in dem ein Schiff untergeht, weil jemand von der Küstenwache unter „sinking“ „thinking“ versteht. Und dann ist das in der Tat an dieser Stelle falsches Englisch und führt zu Problemen.

Welche Rolle spielt denn neben der Lexik die Grammatik bei der Verständigung?

Börner: Meine Auffassung lautet: wenn ich spreche, wende ich Grammatik an, und deshalb muss ich Grammatik nicht isoliert lehren. Das ist sehr einfach zu beschreiben. Im Anfangsunterricht muss ich Personalpronomen benutzen, wenn ich mit den Kindern kommuniziere. Und dann führe ich „you“ oder „I“ oder „they“ oder auch die Possessivbegleiter eigentlich nicht ein, sondern ich benutze sie einfach. Und das ist Grammatik. Die Grammatik hat eine dienende Funktion und ist in der Regel nicht Unterrichtsgegenstand.

In einem höheren Jahrgang kann linguistische Sprachbetrachtung dann wie, andere Themen auch, Unterrichtsgegenstand sein. Aber Grammatik explizit zu einem entscheidenden Punkt im Curriculum bei der Einführung neuer Sprachphänomene zu machen, ist mit Sicherheit überholt und zu überholen, weil Sprache, sprachliches Können sich eben nicht aus der Addition von Teilsystemen zusammensetzt. Im Vordergrund steht die soziale Funktion von Sprache.

Was halten Sie von „übenden Grammatikaufgaben“, repetitive Aufgaben, die grammatische Phänomene wie Formeln einüben?

Börner: Üben verstehe ich als etwas sehr Geschlossenes, wo es durchweg nur richtig oder falsch gibt, wo gerade grammatische Phänomene trainiert werden. Üben ist unbedingt erforderlich, aber wir dürfen nicht die Illusion haben, dass dann Sprache gekonnt wird. Zu einem kompetenten Sprecher oder Schreiber werde ich erst durch Anwendung und durch das, was wir meaningful nennen, also durch bedeutsames Umgehen mit der Sprache.

Dieses erreiche ich mit tasks, mit activities und in Projekten, beim Verstehen und Produzieren relevanter, authentischer Texte, Übungssettings, die wir in unseren Diesterweg-Lehrwerken besonders zahlreich anbieten.

Dem Irrglauben, dass die Schülerinnen und Schüler neue Phänomene isoliert präsentiert bekommen, sie üben und dann beherrschen, widerspricht jeglicher Erfahrung. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Ich verwende zum Beispiel eine Passivformulierung, weil es thematisch-inhaltlich und pragmatisch notwendig ist. „I was born in Turkey.“ Dabei handelt es sich eindeutig um eine Passivformulierung, wo ich nicht erklären muss, dass es sich um Passiv handelt und ich nicht erklären muss, wie ein Passivsatz gebildet wird. Die Lerner greifen es auf, und sie können es in dieser Formel.

Und sie können es vielleicht sogar transferieren in „I was born in December.“ und in anderen Passivformen benutzen: „My mother was born in China“. In einem spiralig verstandenen Lernprozess kommt es nach mehrfachen sinnvollen Anwendungen dieser „Grammatik“ irgendwann zur Bewusstmachung und Kognitivierung.

Im baden-württembergischen Bildungsplan ist dieses sehr schön formuliert: „Der Weg führt nicht von der Grammatik zur Sprache, sondern von der Sprache zur Grammatik.“

Sie unterscheiden also zwischen einer sinnvollen Anwendung einerseits und dem dann verfestigenden Üben. Wie muss ich mir Anwenden und Üben im binnendifferenzierenden Unterricht vorstellen?

Börner: Grundsätze zur Individualisierung des Lernens sind für mich, dass ich auf jeden Fall nicht erwarte, dass alle dieselbe Aufgabe in der gleichen Zeit mit derselben Methode lösen. Auch nicht, dass alle jede Aufgabe gleichermaßen gut lösen, sondern sie können sie akzeptabel lösen, sie können auch Fehler machen, denn aus Fehlern wird gelernt.

Zum Lernen gehört auch, dass die Lerner auswählen können, mit welcher Aufgabe sie am Besten zu diesem Ziel kommen. Hier setzt das Geschick der Lehrkräfte ein und die Qualität von Lehrwerken: gelingt es, angemessene Aufgaben zu geben für individuellen Lernfortschritt? Es muss gewährleistet werden, dass die Schülerinnen und Schüler selbst erfahren: So lerne ich am Besten. Damit kommen wir zur Portfolio-Bewegung, in der die eigene Lernbiographie eine große Rolle spielt.

Also nicht: wer noch Schwierigkeiten hat, muss mehr üben und alle anderen bekommen herausfordernde tasks?

Börner: Genau umgekehrt. Die Dinge, die meaningful, relevant und authentisch sind, die müssen möglichst von allen Lernern geleistet werden. Und da sind wir wieder bei der Ausgangsfrage: Welches Kriterium legen wir an, um kommunikative Kompetenz zu beurteilen? Das Kriterium für ein Mindest-Sprachniveau kann nur sein, dass die Kommunikation gelingt. Auf höheren Sprachniveaus gibt es eigentlich weniger Probleme: hier lernen die Schüler schnell und gut, wenn sie die Möglichkeit erhalten, selbstverständlich sich zu größten Höhen aufzuschwingen.

Der Vorstellung, dass ich durch ständiges Üben eine größere Sicherheit bekomme, kann ich – was das sprachliche Können angeht – nicht folgen. Es ist wichtig, dass ich Vokabeln und die unregelmäßigen Verben lerne, damit ich eine gewisse Sicherheit bei ihrer Verwendung bekomme, aber ob ich mit diesem Wissen besser kommunizieren kann, das ist die Frage. Hier zitiere ich gerne Goethe: „Es ist nicht genug zu wissen, man muss auch anwenden.“

Vielen Dank!

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