Bilingualer Geschichtsunterricht

Entdeckendes Lernen durch anschaulichen Unterricht

In einer Pilotstudie zur Evaluierung des bilingualen Deutsch-Englisch-Unterrichts in Schleswig-Holstein schreibt die Autorin Maike Knust, dass zwei Drittel der Schüler angeben, am  bilingualen Geschichtsunterricht auf Englisch mehr Spaß zu haben als am Unterricht auf Deutsch. Diesen Befund bestätigen viele Lehrende und Lernende im Schulalltag: Sachinhalte über ein anderes Sprachmedium zu vermitteln respektive zu erschließen, kann zu einer gesteigerten Freude am Lernen und damit auch zu besseren Ergebnissen beitragen.

Freude am Lernen durch bilingualen #Geschichtsunterricht. #Englischunterricht

Eine erste Stufe im Prozess der Inhaltserschließung stellt das Verstehen der sogenannten Autorentexte dar. Im Schulbuch sorgen diese für die grundlegenden Informationen. Sie sind in der Neuauflage von Exploring History 1, dem Lehrwerk für bilingualen Geschichtsunterricht,  in einem relativ leicht zu verstehenden Englisch geschrieben. Sofern diese Texte weniger geläufige Ausdrücke enthalten, sind die Vokabeln auf Englisch erklärt. Die Bedeutung lässt sich also in der Zweitsprache selbst erarbeiten. Da es aber auch historische Fachausdrücke gibt, bei denen Missverständnisse auszuschließen sind, werden diese in der Neuauflage von Exploring History 1 als Historical Terms gesondert und mit deutscher Entsprechung ausgewiesen. Auf diese Weise ist zugleich sichergestellt, dass die bilingual Lernenden auch für deutsche Fachdiskussionen gewappnet sind.

 

Die Autoren legen Wert auf Medienvielfalt

Eine weitere Stufe der Inhaltserschließung erfolgt in Exploring History 1 durch den Umgang mit den Materialteilen, die integrale Bestandteile eines jeden Teilkapitels sind. Hier haben die Autoren insbesondere Wert auf Medienvielfalt gelegt: Die Quellentexte, Karten, Schaubilder, Rekonstruktionen, Darstellungen und Statistiken der Materialteile sind organisch miteinander verknüpft und sinnvoll aufeinander bezogen. Bei der Arbeit mit diesen Materialien werden selbstverständlich vielfältige Kompetenzen geschult.

Da es sich meist um englische, amerikanische oder sonstige auf Englisch vorliegende Materialien handelt, spielt hier die Multiperspektivität eine zentrale Rolle, die ein entscheidendes Qualitätsmerkmal des bilingualen Geschichtsunterrichts darstellt. Schon in der DESI-Studie von 2006 wurde festgestellt, dass in Klassen mit bilingualem Sachfachunterricht ethnorelative interkulturelle Orientierungen signifikant häufiger zu beobachten sind als in der Vergleichsgruppe. Zudem schärft die Thematisierung zeitgebundener Perspektiven altersadäquat das kritische und somit problemorientierte Verständnis von Geschichte.

Nicht nur erschließendes, sondern auch entdeckendes Lernen ist gefordert, wenn die Schüler sich mit dem Bildmaterial auseinandersetzen, das in der Neuauflage einen noch größeren Raum als zuvor einnimmt. Ein Bild zu betrachten heißt, Einzelheiten zu entdecken, diese in ein inhaltliches Gesamtgefüge einzuordnen und sie schließlich zu einer Aussage zusammenfassen. Je nach dem Blickwinkel, unter dem man ein Bild anschaut, ergeben sich unterschiedliche Erkenntnisse. Diese können wiederum eine reiche Diskussion zum gegebenen Thema auslösen.

Höhere Anforderungen an das entdeckende Lernen

Karikaturen stellen noch höhere Anforderungen an das entdeckende Lernen, weil sie doppelbödig beziehungsweise hintersinnig sind: Durch Übertreibung wird eine Person oder ein Ereignis – humoristisch oder satirisch – der Lächerlichkeit oder dem Spott preisgegeben. Die Lernenden haben die Aufgabe, die Aussage der Karikatur über einen historischen Sachverhalt herauszufinden und zu formulieren. Anschließende Diskussionen können ausloten, ob die Lernenden der Aussage zustimmen und inwieweit die Karikatur das Verständnis des Themas vertieft.

Das erschließende und entdeckende Lernen bezieht sich jedoch nicht nur auf Bilder und Karikaturen, sondern auch auf Landkarten, Statistiken, Grafiken und historische Denkmäler. Jede Quellenart verlangt ein eigenes methodisches Vorgehen, für das in Exploring History 1 sogenannte Workshops angeboten werden: Mithilfe gezielter Fragen lernen die Schüler, wie sie sich das jeweilige Medium erschließen können. Auf diese Weise gewinnt der bilinguale Geschichtsunterricht eine beachtliche methodische Vielfalt, die sich auch auf die möglichen Arbeitsformen auswirkt.

An die Stelle von lehrerzentrierten, instruktivistischen Verfahren treten Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit, Projekte, Präsentationen und vieles mehr. Mit dem vorliegenden englischsprachigen Geschichtsbuch lässt sich der communicative approach, den der „reine“ Englischunterricht noch oft verfehlt, vielfältig einlösen. Und wegen seiner Konzeption sowie seiner spezifischen Umsetzung und Präsentation der Inhalte können Lehrkräfte das Lehrwerk Exploring History damit zugleich auch als „ein Stück Lehrerfortbildung“ betrachten, an welcher für den bilingualen Unterricht leider nach wie vor Mangel herrscht.

Quellen:

Maike Knust: „Bili ist echt gut …“, Pilotstudie in der Reihe „Arbeitsberichte und Materialien zum Bilingualen Unterricht und Immersion“, hrsg. von Henning Wode, Nr . 3, Kiel 1994


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