Die Zukunft des Englischunterrichts als Dystopie

Foto: 123RF-Wolfgang Zwanzger

Eine Zukunftsvision:

All human situations have their inconveniences. We feel those of the present but neither see nor feel those of the future; and hence we often make troublesome changes without amendment, and frequently for the worse. (Benjamin Franklin, 1706-1790, competent in five languages)

Wir befinden uns im vierten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Auf Drängen von Wirtschaft und Politik erwerben alle Schüler die Allgemeine Hochschulreife. Dieser Schritt, dekretiert im BMSK-Beschluss vom Rosenmontag 2024, war letztlich unumgäng­lich geworden, da sich zahlreiche Handwerksinnungen, mittelständische Betriebe und Automobilkonzerne geweigert hatten, Jugendliche mit Se­kundarstufe-I-Abschluss weiterhin in die berufliche Ausbildung zu übernehmen. Auch hatten viele Eltern Sorge um die Zukunft ihres Kindes, sollte es im Sinne von Inklusion und Gleich­berechtigung nicht die Möglichkeit erhalten, Abitur zu machen. Mittlerweile ist das Problem weitgehend entschärft, zumal 90 Prozent eines Schülerjahrgangs ein Studium beginnen und sich vor­zugsweise in einen der mittlerweile 98.123 BA-Studiengänge einschreiben.

Die Abkehr vom #Englischunterricht ... #Digitalisierung #Übersetzung #AR #Sinnkrise #Herabstufung

Englisch ist nach dem Berliner Abkommen vom Tulpendienstag 2025 allerdings kein Haupt­fach mehr. Es ist zwar noch Teil der Abiturprüfung, lässt sich jedoch nicht mehr als erstes oder zweites Abiturfach wählen. Das BMSK reagierte damit auf die di­gitale Revolution. Längst ermöglichen uns die modernen Informations- und Kommunikations­technologien per maschineller Spracherkennung und simultaner Übersetzung den Austausch mit Menschen, die Englisch (und andere Sprachen) sprechen. Speisekarten werden mittler­weile per App automatisch in alle Sprachen übersetzt. Augmented Reality erläutert zudem touristische Sehenswürdigkeiten wenn gewünscht auch mit allen interkulturellen Details. Der Englischunterricht war in den ersten drei Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts ohnehin mit immer neuen Ansprüchen und Kompetenzanforderungen überfrachtet worden. Da sich diese kaum exakt messen und vergleichen ließen, setzte das BMSK mit der Herabstufung des Faches Englisch in der Abiturprüfung ein klares Zeichen: Fremdsprachenunterricht muss Fremdsprachenunterricht bleiben.

Laut Beschluss des BMSK vom Aschermittwoch 2026 gibt es auch keinen Englischunterricht in der Grundschule mehr. Einflussreiche Bildungswissenschaftler und ein bis zwei empirische Studien in der Fremdsprachendidaktik hatten zuvor bereits darauf bestanden, dass der mess­bare Ertrag des frühen Englischlernens nicht der Rede wert sei. Stattdessen lernen heute alle Grundschüler Deutsch als Zweitsprache. ‚Deutschstämmige‘ bzw. deutschsprachige Eltern kön­nen ihre Kinder jedoch vom Deutsch als Zweitsprache-Unterricht auf Antrag (und selbstver­ständlich nach entsprechendem Test) freistellen. Die Kinder werden dann alternativ im Nach­mittagsbereich von Lehramtsstudenten im Blockpraktikum betreut, unterstützt von angehen­den Sonderpädagogen und Sozialarbeitern.

Dystopie: Elitäre Kinder genießen Privatkurse

Alle Englischlehrkräfte, die Englisch fachfremd unterrichtet hatten, können nun endlich wieder diejenigen Fächer unterrichten, für die sie eine Ausbildung haben. Für das BMSK ist die Abschaffung des frühen Englischunterrichts ein kon­sequenter Schritt. Nach der Rückstufung das Faches Englisch im Abitur sei die Notwendigkeit des Englischlernens in der Grundschule nicht mehr gegeben. Gut situierte Eltern könnten aber nach wie vor privat finanzierte Englischkurse für ihre Kinder in Anspruch nehmen. Diese werden in den hervorragend ausgestatteten Superior Child Care Centers in friedlichen Vororten angeboten, für die sich die Bundesregierung bereits vor fünf Jahren stark gemacht hatte.

Das Selbstverständnis der Fremdsprachendidaktik hat sich parallel dazu grundlegend gewan­delt. An den Universitäten und Hochschulen sind die Fremdsprachendidaktiken jetzt Unterab­teilungen der bildungswissenschaftlichen Institute. Diese begreifen sich als bildungspolitische und bildungsökonomische Dienstleistungsagenturen. Die breite Masse der Fremdspra­chendidaktiker hat sich dem Drittmitteldiktat unterworfen und erforscht in erster Linie das, was politisch und ökonomisch gewollt ist. Die universitären Zentren für Lehrerbildung kontrollieren dies. Im Mainstream der fremdsprachendidaktischen Diskussion mitzuschwimmen ist ohnehin bequemer und sicherer, oder besser gesagt: The trend is your friend. Man muss sich nicht exponieren und der Kritik der Masse, des Mainstreams oder der Universitätsleitung aussetzen.

Konsequenz: Fremdsprachendidaktik in der Sinnkrise

In der Englischlehrerbildung war zu Beginn des 21. Jahrhunderts bereits kaum mehr Wert auf die sprachpraktische Ausbildung der Studierenden gelegt worden. Mit der Kürzung des Studi­ums auf vier Semester bei gleichzeitiger Ausdehnung des Berufsfeldbezugs im 14-monatigen, finanziell nicht vergüteten studentischen Blockpraktikum, ist die sprachpraktische Ausbildung im Sinne von Outsourcing an private Anbieter vergeben worden. Diese verfügen über die erforderlich ge­wordene Akkreditierung. Und die Kosten trägt der Staat. Standardisierte Testinstrumente stellen sicher, dass alle Studierenden gegen Ende ihres Studiums etwas besser Englisch verstehen und sprechen als die Apps auf ihren Mobilgeräten. Kritiker und Störenfriede sprechen von einer „Schnellbleiche“.

Nun allerdings befinden sich Fremdsprachendidaktik und Fremdsprachenunterricht in einer ge­waltigen Sinnkrise. So sind zwar die fremdsprachlichen Leistungen der heutigen Schülergene­ration durch flächendeckend eingeführtes und konsequentes teaching to the test im internatio­nalen Vergleich deutlich besser geworden als noch vor etwa eineinhalb Jahrzehnten, auch im Vergleich mit Ländern, die sich gar nicht mit Deutschland vergleichen lassen. Jedoch gilt dies in erster Linie für die mittlerweile unkompliziert zu messenden, funktional kommunikativen Kompetenzen, vor allem die rezeptiven zielsprachlichen Lernsegmente (Hör- und Leseverstehen). Genau diese werden jedoch kaum mehr benötigt. Der Grund: Zahlreiche Apps verschiedener amerikanischer und asiatischer Hersteller erkennen schriftliche und mündliche Sprache in Echtzeit und übersetzen die Inhalte maschinell.

Heutige Schüler zweifeln jedenfalls zunehmend an der Sinnhaftigkeit des schulischen Lernens der englischen Sprache. Warum und wozu, so fragen sie sich, sollen sie noch fremde Sprachen in der Schule lernen. Weshalb nur den Nachweis über funktionale fremdsprachliche Kompetenzen in mittlerweile monatlichen nationalen Vergleichsarbeiten und wöchentlichen Kompetenztests erbringen, die durch den technologischen Fortschritt in vielen Bereichen obso­let geworden sind? Unlängst äußerte sich ein schon etwas älterer Fremdsprachendidaktiker zur gegenwärtigen Situation: „Das haben wir so nicht vorhersehen können und auch nicht gewollt.“

Im weiteren Verlauf kristallisiert sich heraus, wie sehr sich der Mainstream-Diskurs der Fremdsprachendidaktik in den vergangenen Jahrzehnten im Hier und Jetzt gefiel. Hoch­trabend war von einem unterrichtlichen Paradigmenwandel die Rede, von evidenzbasierter Un­terrichtsentwicklung und von Outcome-Orientierung. Der Begriff der ‚Unterrichtsqualität‘ war in aller Munde. Doch kann man heute wirklich von einem produkt- und prozessbezogenen Qualitäts­gewinn im Englischunterricht sprechen? Wie viel Wunschdenken steckte im damaligen Diskurs? Und wie viel Emanzipation gegenüber der bis heute alles überlagernden neoliberalen Bildungsideologie? Es bleibt die Frage: Woher bezieht der Englischunterricht im vierten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts seine Existenzberechtigung? Der etwas ratlose, ältere Fremdsprachendidaktiker wird in Kürze in den Ruhestand gehen.

Das BMSK (Bundesministerium für Standardisierte Kompetenzentwicklung) trat im Jahre 2022 bekanntlich die Nachfolge der KMK (Kultusministerkonferenz) an.

Hintergrund: TEA-Talk kontrovers

Mitglieder von The English Academy diskutierten 2017 beim TEA-Talk während des DGFF-Kongresses in Jena mögliche Zukunftsszenarien für den Englischunterricht. Prof. Dr. Torben Schmidt (Leuphana Universität Lüneburg) stellte eine Utopie vor. Prof. Dr. Jürgen Kurtz (JLU Gießen) übernahm in der Debatte die dystopische  Perspektive. Prof. Dr. Konrad Schröder (em. Universität Augsburg) band die Perspektiven zurück an die Geschichte des Englischunterrichts und seine gegenwärtige Funktion als Gateway to languages.

 


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