Sag mir, was du suchst

… und ich sage dir, wer du bist“:

Wir leben in einer digitalisierten Welt, in der gilt: „Was du suchst, bestimmt darüber, was du findest.“

Trotz allgegenwärtigem medialen Overload, dem sich die Schülerinnen und Schüler des 21. Jahrhunderts täglich ausgesetzt sehen, erscheinen viele bei genauerem Hinsehen erstaunlich naiv im Hinblick auf einen „aufgeklärten“ Umgang mit Neuen Medien. Wie Medienkompetenz im kommunikativ ausgerichteten Englischunterricht angebahnt werden kann, war Leitgedanke meiner Unterrichtseinheit über den Google-Algorithmus.

Der #Google-Algorithmus kann die #Medienkompetenz im #Englischunterricht fördern.

Lehrplanmodul mit Leben füllen

Das vom Hessischen Lehrplan für die 11. bzw. 12. Klasse (G8/9) vorgesehene Modul „Science and Technology“ erweist sich erfahrungsgemäß als eher „trockene“ Angelegenheit. Hier werden oft sehr spezialisierte, entsprechendes Fachvokabular voraussetzende Sachverhalte verhandelt, deren Verständnis manchen Lernenden schon in ihrer Muttersprache Probleme bereitet. Doch die vorgeschriebenen Themen in dieser Modulreihe sind keineswegs weltfremd. Die Herausforderung, vor die ich mich gestellt sah, lautete: Wie kann ich diese spezialisierten Themen meinen Schülern einerseits attraktiv und spannend näherbringen, ihnen andererseits aber auch den Lebensweltbezug transparent machen?

Von wegen abstrakt!

Dies erweist sich als gewagtes Unterfangen – handelt es sich bei einem Algorithmus doch um ein sehr abstraktes Phänomen. Es könnte sich ebenfalls als ein eher sperriges Thema für den Unterricht erweisen. Und doch bestimmen diese abstrakten Algorithmen unser digitales Leben wie kaum etwas anderes. Denn ob wir im Internet etwas suchen, bestellen oder über soziale Netzwerke teilen: Stets arbeiten im Hintergrund automatisierte Programme. Deren Algorithmen sind darauf spezialisiert, ein möglichst genaues Bild des Nutzers zu entwerfen. Unternehmen nutzen diese Informationen, um dem Nutzer beispielsweise personalisierte Werbung zu präsentieren. Um den Lernenden diese Macht der Algorithmen deutlich zu machen, entschloss ich mich, die Lerngruppe selbst zum personifizierten Algorithmus werden zu lassen. So konnten sie dessen Funktionsweise durch eigenes Handeln nachvollziehen und schließlich verbalisieren.

Suchen, filtern, clustern

Dazu mussten die Schülerinnen und Schüler zunächst mit den Daten „gefüttert“ werden, die auch dem als Computerprogramm implementierten Algorithmus zur Verfügung gestellt werden. Im Falle des Google-Algorithmus sind dies insbesondere die Suchanfragen, die ein Nutzer über die Eingabemaske des Google-Internetauftritts stellt. Die Aufgabe des Algorithmus ist es nun, aus den Suchbegriffen möglichst viele Informationen über denjenigen zu filtern, der die Suchanfragen gestellt hat. Genau diese Aufgabe stellte ich daher auch meinen Schülern: Anhand eines Arbeitsblattes mit vorgegebenen Suchbegriffen sollten sie Rückschlüsse auf die Person des fiktiven Nutzers ziehen. Als Leitkategorien gab das Arbeitsblatt age, sex, health, interests, place of residence, preferences and distastes sowie political and religious views vor. Die Lernenden arbeiteten in Zweiergruppen. Als Herangehensweise empfahl ich ihnen, sich mit ihrem Partner zunächst über die vorgegebenen Daten auszutauschen und sie anschließend in Form eines Cluster-Diagramms bestimmten Themengebieten zuzuordnen (z. B. Musikgeschmack oder politische Einstellung).

Fehler im System?

Als Englischlehrer gilt ein Hauptaugenmerk meiner Unterrichtsvorbereitung der Suche nach möglichst authentischen Kommunikationsanlässen. Die Konzeption des Arbeitsblattes habe ich daher vor allem diesem Anspruch unterstellt. Um hier möglichst viele Kommunikationsanlässe zu schaffen, finden sich unter den Suchanfragen auch einige Begriffe, die anscheinend nicht so recht zu den übrigen Angaben passen wollen. So sucht der fiktive Nutzer beispielsweise nach „Robbie Williams“ ebenso wie nach history of gangsta rap. Dieser bewusst gestreute Gegensatz konnte in der Partnerarbeitsphase sein volles Diskussionspotenzial entfalten: So erklärte sich ein Schüler den Gegensatz dadurch, dass die betreffende Person vielleicht nur ein Referat über die Geschichte des Gangsta-Rap halten musste. Andere mutmaßten, die Person suche vielleicht Konzertkarten für eine Freundin. Es entsponnen sich aber auch grundsätzlichere Diskussionen, zum Beispiel darüber, dass Menschen als Individuen niemals einfach in eine bestimmte Kategorie einzuordnen seien – eine Erkenntnis, die den Lernenden gleichzeitig auch die Grenzen des Algorithmus verdeutlicht.

Die perfekte Anzeige

In einem zweiten Schritt galt es dann, die perfekte Anzeige für den nur durch seine Suchbegriffe bekannten Internetnutzer entwickeln und so die Arbeitsweise des Google-Algorithmus zu imitieren. Die Schüler sollten das Angebot möglichst genau auf die individuellen Interessen des fiktiven Nutzers zuschneiden und so viele Suchbegriffe wie möglich miteinbeziehen. Aus Zeitgründen erstellten meine Schüler die Anzeigen in Textform. Grundsätzlich bieten sich aber auch hier handlungs- und produktorientierte Arbeitsformen an. So können die Schülerinnen und Schüler beispielsweise ein Online-Werbebanner oder ein Poster erstellen.

Daten in der Bank

Schließlich stellten die Schüler ihre Arbeitsergebnisse vor und sollten dabei auch die Konzeption ihrer Anzeige begründen. Als Leitfaden für die Argumentation war das Prinzip der probability vorgegeben: Wie wahrscheinlich ist es, dass eine Person, die „Joanne K. Rowling“ sucht, sich zum Beispiel auch für „Stephenie Meyer“ interessiert? In diesem Kontext lässt sich auch die Funktionsweise einer Datenbank einführen: Die Schüler realisieren, dass Suchbegriffe letztlich nur als starting point dienen können.

Für die perfekte Anzeige braucht es darüber hinaus komplexe Verknüpfungen, die erst eine umfangreiche Datenbank ermöglicht. Sie kann den Suchbegriff „Joanne K. Rowling“ mit weiteren Attributen wie „Schriftstellerin“, „21. Jahrhundert“, „Jugendliteratur“, „Harry Potter“ usw. verbinden. Im Falle der Schüler fungiert deren aktives Wissen als Datenbank; der Google-Algorithmus kann freilich auf eine noch viel umfangreichere Datenbank zurückgreifen. Auch das Prinzip des Clusters, das die Schüler zuvor eingeübt haben, können sie nun für die Funktion einer Datenbank nachvollziehen: Informationen lassen sich quasi ad infinitum erweitern; bereits mit weniger als 30 vorgegebenen Suchbegriffen bestehen immense Möglichkeiten, Personen umfassend zu profilieren.

„Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten?“

Als letzten Arbeitsauftrag sicherten die Lernenden das erworbene Wissen: Sie verfassten eine Lehrbuchdefinition über die Funktionsweise des Google-Algorithmus. Zusätzlich formulierten sie persönliche Konsequenzen, die in einem Abschlussplenum gemeinsam reflektiert wurden. Fazit: „Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten?“ heißt es in einem berühmten Volkslied des 19. Jahrhunderts. Vom wirklichen Erraten der Gedanken ist die moderne Informationstechnologie zwar glücklicherweise noch weit entfernt. Sie kann aber – wie diese Unterrichtseinheit zeigte – schon mit wenigen Suchbegriffen eine recht detaillierte Profilierung der Nutzer vornehmen. Die Schülerinnen und Schüler für diese Problematik zu sensibilisieren und ihnen einen aufgeklärten Umgang mit Sozialen Netzwerken wie Google und Facebook zu ermöglichen, muss daher fester Bestandteil schulischer Medienerziehung sein. Und: Solche Lerneinheiten eignen sich ausgezeichnet für einen kommunikativ ausgerichteten Englischunterricht.

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