Englischunterricht und Bildung für nachhaltige Entwicklung

Die Bildung für nachhaltige Entwicklung (BND) ist eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, der sich die Schule uneingeschränkt stellen muss. Es handelt sich um Kompetenzen, Haltungen und Einstellungen, die sich fachspezifisch wie fächerübergreifend erarbeiten lassen. Die folgenden Überlegungen gehen der Frage nach, welche Rolle der Englischunterricht in diesem Kontext spielen kann.

Was die Corona-Pandemie an Missständen im Bildungswesen aufgedeckt hat, ist ungeheuerlich – zweifellos gibt es Mängel und Irrwege nicht erst seit gestern, jedoch hat es diese Krise geschafft, die Schattenseiten des Schulsystems wie durch ein Brennglas zu vergrößern und ans Tageslicht zu rücken. Fast alle großen sowie kleineren Verbände und Organisationen, die Verantwortung für das Bildungswesen tragen, haben mit entsprechenden Appellen, Memoranda, Pressemitteilungen und kritischen Stellungnahmen Hinweise gegeben und Konzepte vorgelegt, wie die Schule nach der Coronakrise aus den Fehlern lernen und sich positiv weiter entwickeln könnte. 

Wenn es gelingen sollte, auf den genannten Feldern Reformschritte zu erzielen, wäre es für die Schülerinnen und Schüler ein Gewinn. Diesen könnten sie dringend gebrauchen – heute und mittelfristig. Allerdings ist die Schule langfristig noch keineswegs zukunftstauglich: Seit 1992 existiert die Agenda 21, ein Aktionsprogramm zur Umsetzung des Prinzips der nachhaltigen Entwicklung. Es wurde von der UNESCO unter dem Titel Education for Sustainable Development (ESD) befördert, von 178 Regierungen verabschiedet und läuft in der BRD unter dem Namen Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Derzeit existieren viele sozusagen kleine lokale Agenden 21, die dem Motto „Global denken – lokal handeln“ zu folgen versuchen. Darüber hat die KMK  2017 mit einem Schwerpunkt auf länderspezifischen Maßnahmen berichtet.

Kompetenzen und Lernziele laut ESD

In der Veröffentlichung der UNESCO von 2017 ist „Education … a key instrument“ (S. 7), für die eine Reihe von „key competencies for sustainability“ formuliert werden:

  • Systems thinking competency: … to analyse complex  systems …
  • Anticipatory competency: … to create one’s own visions for the future …
  • Normative competency: … to negotiate sustainability values, principles, goals, and targets …
  • Strategic competency: … to … develop … actions that further sustainability at the local level and further afield.
  • Collaboration competency: … the abilities to learn from others …
  • Critical thinking competency: … the ability to question norms, practices and opinions …
  • Self-awareness competency: … the ability to reflect on one’s own role in the local community and (global) society …
  • Integrated problem-solving competency: … promote sustainable development, integrating the above mentioned competences….(S. 10).

Diese Kompetenzen sind nur teilweise fachspezifisch zu erreichen, wenngleich alle Fächer ihren Teil dazu beitragen. Konkreter und komprimierter, auf spezifische Lernziele ausgerichtet,  beschreibt die UNESCO kognitive, sozial-emotionale und auf Verhalten / Einstellungen bezogene Bereiche.

  • The cognitive domain comprises knowledge and thinking skills necessary to better understand the SDG and the challenges in achieving it.
  • The socio-emotional domain includes social skills that enable learners to collaborate, negotiate and communicate to promote the SDGs as well as self-reflection skills, values, attitudes and motivations that enable learners to develop themselves.
  • The behavioural domain describes action competencies (S. 11).
Kompetenzen und Lernziele laut BNE

In der Agenda 21 werden die Ziele nach sozialen, ökologischen und ökonomischen Aspekten gegliedert. Sie werden in den Lehr- und Bildungsplänen der Bundesländer unterschiedlich interpretiert. Es gibt Länder, die die Ziele und Kompetenzorientierung für die Bildung für nachhaltige Entwicklung in einzelnen Fächern wie Sachunterricht, Biologie, Physik und vor allem Geographie ansiedeln. Es gibt andere Ansätze, nach denen die Kompetenzen „in allen Fächern, in Form von übergreifenden Themen, als Teil fächerübergreifender Kompetenzentwicklung bzw. als Grundorientierung für Unterricht“ zu verankern sind (KMK, S.4).

Englischunterricht ist kein Sachfach und deshalb auch nicht als solches für die Umsetzung der BNE-Lernziele prädestiniert. Er wird deshalb in den Bildungsplänen der Länder nirgends als Bezugsfach aufgeführt und steht auch nicht für eine fächerübergreifende Kompetenzentwicklung zur Verfügung. Als Sprachfach bedient das Englische allerdings zwei Schwerpunkte, die eine wesentliche Voraussetzung für ein globales Verständnis sind, ohne die weltweite Nachhaltigkeit nicht wirksam werden kann, nämlich die kommunikative Kompetenz in einer weltweit gesprochenen Sprache und die interkulturelle Kompetenz als Voraussetzung für das Verstehen und Akzeptieren anderer Kulturen.

Der Englischunterricht kann darüber hinaus dann eine Rolle spielen, wenn sich die Themen der Englischlehrwerke an den Zielsetzungen für die Bildung nachhaltiger Entwicklung orientieren. Zu dem Zweck müssen die sehr komplexen Ziele, wie sie die UNESCO und die KMK formuliert haben, heruntergebrochen werden auf Kleinziele, die dem Jahrgang entsprechen. Die in einigen Bereichen bereits vorhandenen Ansätze lassen sich deshalb gezielt erweitern und vertiefen. Die folgenden Beispiele (als Auswahl) stammen aus dem Lehrwerk Camden Market. Allein schon die vier Kinder aus England, Indien und den Bahamas, die durch das Buch führen, spiegeln ihre Welt als „global village“ wider.

Camden Market 5 (2020)

Erweiterung / Vertiefung

Problembereiche lt. BNE

Sozial, ökologisch, ökonomisch

Target task:

Your dream classroom, p.31

Who has/ which children have no classroom? Where/in which countries?

Kinder ohne Unterricht / Bildung in der Welt

Target task:

A breakfast survey, p.53

Children without breakfast

Hunger in der Welt

Ökonomisch, ökologisch, sozial

Target task:

Our dream town, p.85

Which are good towns? What is bad in towns?

Umwelt

ökologisch

Target task:

Jobs at home in your family, p. 93

Do you have to work at home? Many children must work. Why?

Kinderarbeit / Kinderarmut

ökonomisch

Target task:

YOUR free time, p. 115

Which children have no free time, no hobbies. Why? Where?

Kinderarbeit / Kinderarmut / Kindesmißbrauch

Sozial, ökonomisch

Target task:

A market in YOUR classroom, p. 149

Shopping for need, shopping for pleasure.

Hunger in der Welt, Umwelt, Konsum

Ökologisch / ökonomisch

Target task:

Holiday at home, p. 179

YOUR trip. P.185

Who doesn’t go on holidays? Where? Why?

 

Armut / Reichtum in der Welt

Ökonomisch

 

 

 

Camden Market 6 (2020)

Erweiterung / Vertiefung

Problembereiche lt. BNE

Sozial, ökologisch, ökonomisch

Target task:

YOUR holidays, p. 19

Who didn’t have holidays?

Who has no money for holidays?

Kinderarmut / Hunger

Probleme des Reisens,

ökologisch, ökonomisch

Target task:

YOUR  school, p.25

Are there children without a school? Where?

Let’s ask Jasmine.

 

Target task:

YOUR future, p. 79

What about India, Sandeep?

 

Target task:

YOUR favourite festival, p. 113

Die Unit greift die Globalisierung des Themas auf

 

 

 

 

Camden Market 6 (1o. Jahrgang (2018)

Der Band greift inhaltliche Aspekte laut ESD wie Südafrika oder der Naturkatastrophen in komplexer Thematik auf.

 

Die Rolle des Englischunterrichts übermorgen

Solange die Schule an den traditionellen Vorstellungen eines curricularen Fächerkanons festhält, wird die Umsetzung der Ziele von ESD/BNE weiter in den eben beschriebenen Bahnen verlaufen. Dabei könnte die Erweiterung und Vertiefung der einzelnen Aspekte in den englischen Lehrwerken durchgängig berücksichtigt werden. Es verlangt nur den Mut der Lehrwerksautoren und der Lehrkräfte, nicht sklavisch davon auszugehen, dass die Schülerinnen und Schüler nur das können, was grammatikalisch schon ‚dran‘ war.

Viele Kinder und Jugendliche können sehr viel mehr auf Englisch verstehen und kommunizieren als wir ihnen zutrauen. Hinzu kommt, dass die heutige Schülergeneration über ein beachtliches Weltwissen verfügt, das ihnen das Verständnis für globale Probleme erleichtert. Bilingualer Unterricht, der englischsprachige Sachfachunterricht, hat in den letzten Jahren zwar deutlich zugenommen, spielt freilich im Vergleich zum regulären Englischunterricht, dem das Erlernen der englischen Sprache, nur eine untergeordnete Rolle. Wenn er durchgeführt wird, ist er sehr erfolgreich. Insgesamt betrachtet wird sein Potenzial jedoch (noch) nicht ausgenutzt.

Grundkompetenz für die globale Kommunikation sichern

Das Fernziel eines flächendeckend eingeführten bilingualen Unterrichts, Englisch als Arbeitssprache, könnte die Bemühungen um eine Zweitsprache für alle massiv unterstützen. Damit würde zugleich eine Grundkompetenz für die globale Kommunikation gesichert. Das würde den regulären Englischunterricht auf ein Minimum reduzieren und so curriculare Freiräume für fächerübergreifendes Lernen und Projekte schaffen, etwa für eine globale Simulation wie Hotel Relaxo. Der bilinguale Unterricht könnte dann schwerpunktmäßig, sozusagen cross-curricular, die ökonomischen und ökologischen Themen übernehmen, die das Fundament der Education for Sustainable Development darstellen.

Damit könnte zugleich verhindert werden, dass es zu Doppelungen in den Themenbereichen anderer Fächer kommt und die Lernenden mit einem Gefühl von fed up auf zu häufig wiederkehrende Fragestellungen reagieren. Schließlich sollen sie motiviert und befähigt werden, sich aktiv und konstruktiv für eine nachhaltige Ökonomie und Ökologie, das heißt für die Sicherung  ihrer eigenen Zukunft einzusetzen: to create one’s own visions for the future.


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