„Seien Sie viel gelassener im Umgang mit Fehlern!“

5 Leitsätze für den produktiven Umgang mit Fehlern

Besser kommunizieren können ist das entscheidende Kriterium im Englischunterricht, betont Otfried Börner im Gespräch über Sprachrichtigkeit und das Üben in heterogenen Lerngruppen.
Das Interview

Sündhafte Verstöße
sind Fehler nicht. Sie gehören zum Lernen. Das zu akzeptieren, fällt gerade Fremdsprachenlehrern schwer, meint Prof. Dr. Werner Bleyhl.
Sein Kommentar

Ein Gespräch mit TEA-Mitglied Prof. Dr. Konrad Schröder (Universität Augsburg) über Sprachrichtigkeit und kommunikative Kompetenz:

Lieber Herr Professor Schröder, es gibt die Auffassung, an Muttersprachlern orientierte Sprachrichtigkeit sei im Grunde viel weniger wichtig als Kommunikationsfähigkeit. Welchen Stellenwert hat Sprachrichtigkeit im kommunikativen Ansatz?

Prof. Dr. Konrad Schröder: Sprachrichtigkeit ist eine ganz wichtige Voraussetzung dafür, dass Kommunikation gelingt. Sie darf nicht unter ein gewisses Niveau absinken. Andererseits muss man sehen, dass Sprachrichtigkeit sehr viel mehr ist, als grammatische Korrektheit, da spielen die Bereiche pragmatic adequacy und cultural appropriateness eine Rolle, und selbst fluency suggeriert ein höheres Maß an kommunikativer Akzeptanz beim Gegenüber.

Gibt es so gesehen überhaupt richtiges Englisch?

Schröder: Wir wissen alle, dass die Norm im Englischen in den letzten 70, 80 Jahren immer stärker in Frage gestellt wurde, und wenn ich meinen Schülern sage, es gibt im Englischen kein „Good Day“, dann stimmt das sicher für Britisches Englisch, ich verstoße aber mit meiner Aussage beispielsweise gegen Normen des Australischen Englisch. Dort gibt es „Good Day“. Wir müssen sehen, dass es das eine „richtige Englisch“ nie gegeben hat, das war immer eine Idealvorstellung in den Köpfen von Puristen, auch natürlich von Lehrern. Das Leben ist nicht in dem Maße normiert, und die Frage, was normal ist, ist eine Frage, die im Übrigen nicht nur die Sprachler umtreibt, sondern genauso die Psychologen und alle, die irgendwie mit dem Menschen zu tun haben.

Sie kennen zahlreiche Schulen, viel Unterricht aus eigener Erfahrung und durch die Begleitung von Studenten und Referendaren. An welcher Englischnorm orientiert sich der gymnasiale Englischunterricht in der Praxis?

Schröder: Er orientiert sich mehrheitlich immer noch an der britischen Norm, die ja für
die deutsche Schule codifiziert ist über moderne Lernwörterbücher aus britischer Produktion. Doch neben dieser Norm spielen heute auch andere Normen eine Rolle.
In erster Linie Amerikanisches Englisch, und beide sind ja auch in den Lehrplänen gleichberechtigt.

Wir müssen aber eben immer sehen, dass guter Englischunterricht auf vier Säulen basiert, und nicht nur auf einer. Die eine Säule, von der ich da rede, ist die grammatische Norm, die will ja niemand umstoßen. Aber es gibt weitere Säulen. Es gibt – siehe oben – pragmatische Normen, es gibt kulturelle Normen, und es gibt auch Normen, die die Sprachflüssigkeit betreffen. Ein völlig stockendes Englisch kann nie ein richtiges Englisch sein, selbst wenn es grammatisch korrekt ist.

Welche Rolle spielt eigentlich das Grammatiktraining?

Schröder: Grammatiktraining ist unabdingbar. Allerdings sollte es dort erfolgen, wo es erfolgsversprechend ist. Ich wage zu bezweifeln, dass die Durchnahme des Passivs
in einer beliebigen dritten Stunde an einem Dienstagmorgen, nur weil es als neues grammatisches Kapitel zu diesem Zeitpunkt im Lehrbuch „dran“ ist, automatisch
Sinn macht. Die Erfahrung lehrt eher das Gegenteil. Wann ist Grammatik erfolgversprechend? Dann, wenn Grammatikunterricht dort erfolgt, wo Schüler in
ihrem Bestreben, etwas Sinnvolles auszudrücken, kommunikative Probleme haben.

Das heißt: Ein kommunikatives Bedürfnis geht voraus, der kommunikative Wille, etwas auszusagen oder etwas zu verstehen, und dann merken die Schüler, hoppla,
da ist etwas, das können wir nicht. Da sind sie ganz automatisch interessiert an grammatischen Fragen, sowohl im Sinne der gängigen Kochbuchgrammatik der Schule (nach dem Wenn-Dann-Prinzip), oder aber auch im Sinne allgemeinerer Einsichten in Sprache. An diese Stelle gehört die grammatische Unterweisung. Sie kann und sie darf nicht Selbstzweck sein! Ein grammatikloser Unterricht ist nicht wünschbar, aber ein Unterricht, der nur auf der einen, der grammatischen, Säule basiert, ist Unfug. Und Lehrwerke, die nur eine einzige Progression haben, eine grammatische nämlich, schön linear ein Kapitel nach dem andern und mit entsprechend künstlichen grammatiküberfütterten Texten dazu, sind ebenfalls Unfug.

Ein Ziel des gymnasialen Englischunterrichtes ist es, die Schüler zu befähigen, ein Werk der Weltliteratur lesen zu können …

Schröder: Natürlich gehört es besonders zu den gymnasialen Zielen, auch Werke der hohen Literatur, also fiktionale Texte, lesen zu können. Aber das ist nur ein Ziel unter sehr vielen Zielen, und entsprechend muss es behandelt werden. Wir brauchen den fiktionalen Text, wir brauchen die Einführung in die Schriftlichkeit, ohne jeden Zweifel, aber was wir viel mehr brauchen als bisher, das ist – nach dem Slogan „You can talk“ – kommunikative Möglichkeit, gerade auch anspruchsvolle kommunikative Möglichkeit, die im bisherigen Englischunterricht besonders der Oberstufe und auch im Übergang zur Oberstufe viel zu kurz gekommen ist.

In welcher Phase des Spracherwerbs beginnt denn das Training versierter sprachrichtiger kommunikativer Fähigkeiten?

Schröder: Das beginnt im Grunde in der ersten Englischstunde. Ich halte gar nichts von Kuschelpädagogik am Anfang, genauso wenig halte ich aber von einem Englischunterricht, der schon in den ersten Monaten statt die Sprachenpforte zu öffnen, die Sprachenpforte verschließt, indem die Kinder demotiviert werden. Ganz einfach, weil ein zu schriftlicher, zu grammatischer, zu lebensferner Unterricht gemacht wird. Also bitte weder Kuschelpädagogik noch diese altväterliche Pädagogik, unter der ganze Generationen von Schülern gelitten haben.

Sprechen lernen, kommunizieren lernen sollte ein freudiger Prozess sein. Es ist ein Prozess, der Mut erfordert und in dem es Fehler geben wird. Fehler sind ein notwendiger Bestandteil jedes kommunikativen Prozesses, übrigens auch in der Muttersprache, und ein Unterricht, der zu früh Normen als unumstößlich setzt und dann Fehler beckmessert, ist immer ein schlechter Unterricht.

Und wie lernt man aus Fehlern?

Schröder: Es gibt Fehler und Fehler. Wenn ich viele Flüchtigkeitsfehler mache, dann merke ich irgendwann als interessierter, als motivierter Schüler, dass ich mich am Riemen reißen muss, dass ich irgendwie versuchen muss, mit mir selber ins Reine zu kommen, dass ich weniger Flüchtigkeitsfehler mache. Vielleicht nach dem Prinzip, erst denken dann sprechen.

Dann gibt es Fehler, die dadurch entstehen, dass viele, gerade interessierte Schülerinnen und Schüler Dinge ausdrücken wollen, die sie noch nicht ausdrücken können. Sie stellen dann die falschen Hypothesen an und übergeneralisieren und so weiter. Man kann diese Fehler zählen, und dann kommt man womöglich zu erschreckend hohen Fehlerzahlen, aber das ist Unfug. Das sind Fehler, die nur eine Zeit lang gemacht werden, Interimsfehler, Fehler, die in der Zwischensprachlichkeit des Lerners angesiedelt sind, und die irgendwann gar keine Rolle mehr spielen werden. Da muss man als Lehrer gelassen sein.

Das ist übrigens, wenn ich das an dieser Stelle sagen darf, eine Empfehlung, die ich der Lehrerschaft sowieso mit auf den Weg geben würde: Seien Sie viel, viel gelassener im Umgang mit Fehlern, und denken Sie stets daran: Die wirklich schweren Fehler, die nämlich, die affektive Reaktionen hervorrufen, die pragmatischen Fehler, die Kulturfehler, die hat unsere Schule ohnehin kaum je angestrichen, geschweige denn „verbessert“.

Um den sinnvollen Umgang mit Fehlern geht es auch in der Herbst-Ausgabe von At work 15 (September 2008).


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