Gemeinsames Lernen bringt alle voran

Im Schuljahr 2008/2009 startete die Pilotphase der Gemeinschaftsschule, an der 21 Berliner Schulen und Schulverbünde teilnahmen. Die Gemeinschaftsschulen stehen für das längere gemeinsame und individuelle Lernen von der ersten Klasse bis zum Abitur. 14 der 21 Schulen nahmen an der wissenschaftlichen Begleitung teil. Diese wurde u.a. von der Arbeitsstelle für Schulentwicklung und Schulentwicklungsforschung an der Hamburger Universität und dem Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung durchgeführt.

Der jetzt vorliegende Bericht 2012 (PDF)* fasst die bisherigen Ergebnisse zusammen und gibt einen Überblick über den Stand der Schulentwicklungsprozesse. Damit wird zugleich ein Leitfaden vorgelegt, der interessierten Schulen Anregungen für die Praxis bietet.

Nach Aussagen der Bildungssenatorin Sandra Scheeres haben sich die Berliner Gemeinschaftsschulen „eine tragfähige Grundlage für die weiteren innerschulischen Entwicklungsprozesse erarbeitet …, in deren Verlauf die Prinzipien der Gemeinschaftsschule in allen Jahrgangsstufen und auf allen Schulstufen verankert werden“.

Untersuchungsthemen

Untersuchungsthemen von der wissenschaftlichen Begleitung waren: Unterricht und Lernen, Organisations- und Personalentwicklung, Schulklima und Partizipation sowie Schulwahl und Elternbeteiligung.

Die Ergebnisse belegen, dass Schülerinnen und Schüler innerhalb einer festen Lerngruppe besser gefördert werden – eine alte Forderung schon aus der Gründerzeit der Gesamtschulen.

„Beachtlich sind die Erfolge in der Förderung der Deutschkenntnisse. So erzielten die Berliner Gemeinschaftsschulen im Vergleich mit den Hamburger Schulen in den Kompetenzbereichen Leseverständnis und Orthografie höhere Lernfortschritte in dem zweijährigen Beobachtungszeitraum zwischen dem Beginn der Jahrgangsstufe 7 und dem Beginn der Jahrgangsstufe 9. Hinzu kommt, dass sich dieser Fördererfolg – anders als in den Hamburger Vergleichsschulen – auf alle Leistungsgruppen erstreckt, so dass die Leistungsspitze vergrößert und die Zahl der Schülerinnen und Schüler mit Lernrückständen verringert werden konnte“. Das ist ein besonders wichtiges Ergebnis im Vergleich zu früheren internationalen und nationalen Vergleichsstudien, die jeweils gegenteilige Befunde für deutsche Schulen nachwiesen.

„In den Kompetenzbereichen Englisch und Mathematik erzielten die Berliner Gemeinschaftsschulen im Vergleich mit den Hamburger Schulen annähernd gleich hohe Lernfortschritte, in den Naturwissenschaften trifft dies ebenfalls auf die Gemeinschaftsschulen mit hohem Belastungsindex zu. Hingegen blieben die Lernfortschritte in den Gemeinschaftsschulen mit mittlerem und geringem Belastungsindex in diesem Kompetenzbereich hinter den Hamburger Vergleichsschulen zurück“.

Ein weiteres herausragendes Ergebnis ist das von allen Beteiligten als positiv eingeschätzte Schulklima sowie die unvermindert hohe Zustimmung der Eltern zu den Leitgedanken der Schule und deren Umsetzung. Konstant 80% der Eltern würden sich bei nochmaliger Schulwahl wieder für die gewählte Gemeinschaftsschule entscheiden.

Studienergebnisse

Im Folgenden werden einzelne besonders markante Ergebnisse der Studie kurz skizziert:

  • Um eine Gemeinschaftsschule zu einer erfolgreichen Schule zu machen, verändern die Lehrkräfte ihr Verständnis von Lernen. Sie lernen, dem Einzelnen beim Lernen zu helfen, sie entwickeln sich zu einer professionellen Lerngemeinschaft, Stichwort Kooperation, und sie arbeiten mit den Eltern in Lernpartnerschaften zusammen.
  • Zur Gestaltung binnendifferenzierenden Unterrichts lagen die Schwerpunkte der didaktischen Arrangements auf ergänzenden und differenzierenden Aufgaben, kooperativen Arbeitsformen und selbstregulativen Lernarrangements.
  • Für die individuelle Lernberatung wählen die Schulen dialogische Formen der Lernberatung wie Eltern-Schüler-Lehrer-Gespräche und Lernentwicklungsgespräche sowie Lernprozessreflexionen von Schülerinnen und Schülern mit Logbüchern, Kompetenzrastern und Selbsteinschätzungsbögen. Nicht uninteressant ist die Anmerkung, dass diese Instrumente 2011 an allen Schulen von mindestens 75% der Lehrkräfte eingesetzt werden.
  • Bei der Frage nach den Methodenkompetenzen der Lernenden sind nach Schülermeinung folgende Fähigkeiten überwiegend gut ausgebildet: Fähigkeiten zur eigenständigen Erarbeitung von Informationen, zur kooperativen Arbeit und zur eigenständigen Planung von Arbeitsprozessen. Damit sind notwendige Voraussetzungen zur Bewältigung von individualisierten Lernprozessen geschaffen.

Den Berliner Gemeinschaftsschulen gelingt es nicht nur besser als den Hamburger Vergleichsschulen, wie es in der PM steht, sowohl leistungsstarke als auch leistungsschwache Jugendliche zu fördern, es gelingt ihnen auch in beachtlichem maße, die Lernfortschritte der Schülerinnen und Schüler von der sozialen Lage ihrer Familien zu entkoppeln.

Gemeinschaftsschulen erwiesen sich besonders erfolgreich, wenn sie etablierte Steuerungsstrukturen hatten, eine hohe Kooperationskultur im Kollegium und eine fortgeschrittene Binnendifferenzierung. Die Untersuchungsergebnisse deuten darauf hin, so heißt es in dem Bericht, dass sich das gemeinsame Lernen positiv auf die Lernentwicklung auswirkt.

*[Anmerkung der Redaktion: Mittlerweile liegt der Abschlussbericht vom März 2016 vor.]


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