Globalisierung im Englischunterricht

Den Menschen eine Stimme geben:
Globalisierung und Globalität verändern das Fach Englisch

Chats, Blogs, Austauschprogramme und internationale Projekte vernetzen Menschen weltweit. Viele Jugendliche pflegen heute Beziehungen rund um den Globus. Doch mit wem haben sie es dabei zu tun? Der Englischunterricht steht vor neuen Aufgaben. Interkulturelle Deutungsarbeit ist gefragt.

„Der Ball fliegt über Europas Grenzen hinweg: Schüleraustausch, Kultur, Wirtschaftskontakte – und Sport, so lautete neulich die Überschrift einer Lokalzeitung im Kassler Raum. „Es wird gekickt, gesungen und geradelt, von Vilnius bis Afrika. Meist merken wir gar nicht mehr, wie durchlässig unsere Grenzen geworden sind. Das Handy stammt aus Finnland, die Möbel vom „unmöglichen Möbelhaus, welche es in aller Welt fertigen lässt. Das wärmende Gas strömt aus den Weiten Russlands. Im Supermarkt werden Erdbeeren zu Weihnachten angeboten, Tomaten und Paprika das ganze Jahr, „fair gehandelte Rosen aus Afrika über Amsterdam, und das Hemd und die anderen Klamotten kommen irgendwo aus Asien. Schulbeziehungen werden über Kontinente hinweg geknüpft, aus „pen friends der Vergangenheit werden „key pals.

Im Alltag wird die Verflechtung unserer Wirtschaft kaum wahrgenommen und gerät erst wieder ins Bewusstsein, wenn die weltweite Finanzkrise Arbeitsplätze in traditionsreichen heimischen Betrieben kostet.

Möglichkeiten der globalisierten Welt

Katja schreibt aus Guatelamara in Mexiko, wo sie nach dem Abitur als Sozialhelferin einer kirchlichen Organisation für ein Jahr lebt und mit den Ärmsten arbeitet, soviel Elend, unbehandelte Krankheit und Hoffnungslosigkeit habe sie nicht erwartet. Über das Internet ist sie beinahe täglich mit zu Hause verbunden, verfolgt das heimische und das Weltgeschehen über den Stream der Tagesschau. Ihre Freundin studiert in Lausanne, wo früher nur die feinen Leute hinkamen. Ein Bekannter ist im spezialisierten IT-Studiengang in Edinburgh gelandet. Alle drei nutzen die Möglichkeiten der globalisierten Welt, um ihren Erfahrungs- und Lebensraum zu erweitern, vielleicht auch, um aus Routine und Enge herauszutreten.

Reisen bildet, und – so wusste schon Goethe – dazu braucht man Sprachen: „Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen. Lernst du nicht fremde Sprachen in den Ländern am besten, in denen sie zu Hause sind? fragt der klassische Dichter in Wilhelm Meisters Wanderjahre.

Die Welt, so scheint es, ist in den letzten Jahren zusammengerückt. Nähe und Distanz werden, zumindest geografisch, neu definiert. Heute begegnen Jugendliche ihresgleichen aus aller Welt nicht nur in den Chatrooms und Blogs des Internet, sondern auch ganz konkret und persönlich beim Reisen und auf geplanten Besuchen. So groß und vielfältig waren die Möglichkeiten, über sich selbst und andere zu lernen, vermutlich noch nie.

Große Aufgaben für den Fremdsprachenunterricht

Hier hat der Fremdsprachenunterricht, der auf Kommunikation, das heißt Verstehen und Verständigung, abzielt, große Aufgaben vor sich – und auch Veränderungen. Schon vor bald 15 Jahren machte die 13-jährige Cailey aus Capetown, Südafrika ihre Erfahrungen mit dem weltweiten elektronischen Netz: (Ihre Email ist am Ende dieses Textes abgebildet)

Dabei ist es ziemlich unwichtig, ob die muttersprachliche Mailschreiberin Fehler macht (es heißt doch wohl „back und nicht „bake!). Was zählt, ist laut Konrad Schröder die pragmatic appropriateness und cultural adequacy. Sprache transportiert Inhalt. Es geht um authentische, glaubhafte und direkte Beziehungen.

Wer ist Cailey, wer kann sie sein? Sie spricht von uns, den Adressaten ihrer in die Welt gesandten Mail, als von „you out there – dabei ist SIE doch da draußen! Es kommt immer auf den Standpunkt an: Jeweils wo WIR sind, ist der Mittelpunkt der Welt, aber seit uns die Caileys dieser Welt erreichen, müssen wir damit umgehen, dass sie sich in ihrer Sphäre für den Mittelpunkt halten.

Globalität zieht interkulturelles Verhalten mit sich. I about myself, they about themselves, wir hier – die da – wir treten in Beziehung und lernen, dass andere gleich und zugleich anders sind. Im Dreieck der Beziehungen bildet die dritte Seite das Gemeinsame, Verständnis, Freundschaft und vielleicht sogar die Solidarität im Handeln. Der Kern für die internationale Arbeit der Schule ist das Anbahnen sowie die ständige Weiter- und Neuentwicklung der Beziehungen. Dazu gehören auch gemeinsame Projekte, oft mittlerweile zwischen mehreren internationalen Partnern.

Deutungshilfe ist gefragt

Interkulturelle Beziehungsarbeit in der globalen Welt bedarf der Deutungshilfe. Man muss schon einiges wissen, lernen und in einzelnen Schritten angehen. Andere Länder, andere Sitten… Vieles weiß man als Lernende/r (übrigens auch Lehrende/r) nicht aus sich selbst, sondern muss es durch Lehre und eigene Recherche verfügbar machen. Das verändert das Klassenzimmer. Es wird zum Aktionsraum für Projekte, welche die Grenzen des Raumes überschreiten. Zahllose Beispiele in der didaktischen Literatur illustrieren den Weg vom Nahen zum Fernen und umgekehrt: vom Ausflug zum erreichbaren Airport und den Interviews mit Reisenden dort, über die Vorhaben vom „airport round the corner“ bis zu den umfangreichen gemeinsamen Arbeitsvorhaben eines internationalen Schülerprojekts. Dazu gehört auch immer der Kenntniserwerb aus der einschlägigen Literatur und anderen schriftlichen Quellen, die zu Wissen und Deutung beitragen können.

Freilich kann dies alles nur gelingen, wenn das Sprachenlernen mit dem inhaltlich-globalen Lernen einhergeht. Globalität annehmen, heißt zu akzeptieren, fremde Sprachen zu lernen und mit ihnen umzugehen. Denn es kommt ja gerade darauf an, unmittelbare, direkte, authentische Begegnungen verstehend und sich verständigend zu meistern, Kenntnisse zu erlangen und zu verarbeiten.

Englisch als gateway to languages

Natürlich können gerade im engeren schulischen Zusammenhang nicht alle Menschen beliebig viele Sprachen lernen. Sie müssen sich auf eine gemeinsame kommunikative Plattform begeben, eine lingua franca, welche einst das Lateinische, später das Französische in Europa darstellte. Unbestreitbar hat Englisch diese Aufgabe in der gegenwärtigen Welt übernommen und sich dabei selbst verändert.

Englisch wird damit zu einer Brücke in die Welt. Als gateway to languages hilft es bei der Erschließung anderer Sprachen und dem Lernen von Sprachen überhaupt. So verändern Globalisierung und Globalität nicht nur die Inhalte des Englischunterrichts, sondern das Fach selbst. Neben das Philologisch-Literarische, das seine Berechtigung behält, tritt eine Dimension sprachlich-kommunikativer Bildung, die darauf aus ist, Menschen eine Stimme zu geben und diese Stimme zu verstehen.

zuerst veröffentlicht in Praxis Englisch 3/2009


Diesen Artikel kommentieren

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.