Hattie im Gespräch – akademischer Diskurs oder modischer Hype?

TEA-Talk am Mittag: TEA-Mitglieder diskutieren die Erkenntnisse des Professors aus Neuseeland

John Hattie macht keine halben Sachen. Um wirklich dahinter zu kommen, welche Einflüsse guten Unterricht ausmachen („what works best?“), wertete er über 800 Metaanalysen aus, die ihrerseits insgesamt mehr als 50.000 Einzeluntersuchungen mit mehr als 250 Millionen beteiligten Schülerinnen und Schülern aus dem englischsprachigen Raum erfassten.

#Lehrkräfte machen den Unterschied. Gespräch über die #Hattie-Studie.

Hattie erstellte in seiner Meta-Meta-Studie ein nach Erfolgswahrscheinlichkeit geordnetes Faktorenranking. Das Ergebnis: nicht die Klassengröße, die Ausstattung der Schule, die Zusammensetzung der Schülerschaft oder spezielle Lehrmethoden machen demnach den Unterschied im Lernzuwachs der Schüler aus, nein: es ist die Lehrkraft. Hattie zufolge dürfen Lehrerinnen und Lehrer sich nicht als Lernbegleiter („faciliator“) sehen, die ihren Schülern lediglich hier und da einen Anreiz bieten und sie ansonsten frei walten lassen, sondern sie müssen dem Unterricht aktiv Struktur geben. Die Aufgabenapparate müssen transparent und verständlich sein und eine klare Erwartung vermitteln, die Lehrkraft muss ein gutes „Störungsmanagement“ haben, Rückmeldung an die Schüler – Feedback ist für Hattie eine zentrale Kategorie – muss variantenreich und motivationsfördernd sein, der Umgang mit Fehlern muss sachlich und konstruktiv sein.

Herausragende Rolle der Lehrkraft

Heißt das, dass Frontalunterricht doch das Maß aller Dinge ist? Hattie verneint das. Seinen Ergebnissen zufolge muss die Lehrkraft den Unterricht durch die Augen der Schüler wahrnehmen und dadurch die eigenen Lehrstrategien hinterfragen und korrigieren können, statt die Schüler unreflektiert mit Wissen zu füttern. Dabei hilft der systematische Einsatz von Selbsteinschätzungsfragebögen, anhand derer die Lehrkraft sowohl den Wissensstand der Schüler als auch Schwächen des eigenen Unterrichts einschätzen kann.

Von der Selbstevaluation profitieren die Schüler demnach gleichermaßen, indem sie dank der transparenten Lernzielvorgabe einzuschätzen lernen, wo sie stehen, wo sie nacharbeiten müssen und wie sie selber durch den Einsatz metakognitiver Strategien Verantwortung für ihren eigenen Lernerfolg übernehmen können.

Alte Erkenntnisse in neuer Verpackung?

Sind Hatties Erkenntnisse bahnbrechend neu? Unter der Moderation von Dr. h. c. Christoph Edelhoff diskutierten Mitglieder der English Academy (TEA) diese Fragestellung im Rahmen einer vom Diesterweg Verlag und der TEA organisierten Talk-Runde im Rahmen des 25. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Fremdsprachenforschung am 26. September 2013 in Augsburg.

Otfried Börner: „Hatties Befunde beruhen auf Analysen von Studien, die a) überwiegend aus den letzten beiden Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts und b) aus dem US-amerikanischen bzw. australisch/neuseeländischen Bereich kommen. Deshalb dürften die Ergebnisse nicht unkritisch 1:1 auf europäische Verhältnisse übertragen werden. (…) Es lohnt sich [aber], die Botschaften der Hattie-Studien bezogen auf den Englischunterricht kritisch zu überprüfen und damit Impulse für guten Unterricht zu schaffen (z. B. Inklusion, Kompetenzorientierung, task-based learning).“

Prof. Dr. Michael Legutke: „Viele der von Hattie festgestellten wirkmächtigen Faktoren sind uns lange bekannt: Klarheit der Lehrkraft, Schaffung eines unterstützenden und wertschätzenden Lernklimas, interessante Aufgaben, wertschätzenden Rückmeldungen, sinnvolles Üben. Mehr Selbstbewusstsein scheint mir angebracht und ein Besinnen auf das von unserer Disziplin bisher Geleistete.

Wenn die Diskussionen im Zusammenhang mit der Rezeption von Hatties Fleißarbeit dazu führen, dass der Lehrerbildung mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, und wenn sich die Fachdidaktiker und die Fremdsprachenlehrer und -lehrerinnen selbstbewusster der Errungenschaften der eigenen Disziplin bedienen, indem sie sich für einen lebendigen und kommunikativen Unterricht engagieren, dann hat die Beschäftigung mit Hattie etwas gebracht – ansonsten bleibe ich skeptisch.“

Dr. Christa Lohmann: „[Hatties Ergebnisse bilden] keine Rehabilitation des traditionellen Studienrats und seines Frontalunterrichts: ‚If the teacher’s lens can be changed to seeing learning through the eyes of students, this would be an excellent beginning‘ – Originalton Hattie. Das ist für mich Schülerorientierung pur und eine der wichtigsten Erkenntnisse aus der Hattie-Studie. (…)

Die Einseitigkeit der Studie liegt in der Beschränkung auf die messbaren Leistungen, also auf den Fachunterricht. Erziehungsziele wie soziales Lernen, Kooperation, Förderung der Demokratiefähigkeit etc. spielen bei [Hattie] keine Rolle. Damit wird ein wesentlicher Bestandteil der Bildungsarbeit von Schule ausgeklammert. (…) Dem Einwand, Hattie biete nur Altbekanntes, kann ich in einem wichtigen Punkt zustimmen: Er verlangt, den Schülern viel zuzutrauen, hohe Anforderungen zu stellen, die sie bis an ihr Limit herausfordern, das aber im Rahmen eines sozialen, lernförderlichen Klimas zu tun, weil nur dann Leistung erbracht wird. Ähnlich hatte schon H. Fend in den 70er Jahren argumentiert, als er die neuen erfolgreichen Gesamtschulen mit den herkömmlichen Gymnasien verglich und zu eben diesem Ergebnis kam.“

Prof. Dr. Claudia Harsch: „Hattie hat eine empirisch beachtliche Leistung erbracht und durch seine Meta-Meta-Analyse versucht, eine Vielzahl an existenten Studien zusammenzuführen. So wollte er zu fundierteren Erkenntnissen gelangen, als das ‚nur‘ mit Einzelstudien machbar wäre. Solche Meta-Analysen haben keine Aussagekraft für das individuelle Klassenzimmer und die individuellen Lernenden, doch das ist auch nicht ihr Anspruch. Hatties Verdienst liegt vor allem darin, dass er intuitive Erkenntnisse der Lehrerschaft empirisch untersucht hat. Auch in der Fremdsprachendidaktik und der deutschen Bildungspolitik wird mehr und mehr die ‚empirische Wende‘ anerkannt, führt sie doch dazu, dass lange gepflegte Überzeugungen sich einer empirischen Überprüfung stellen müssen.“

Prof. Dr. Torben Schmidt: „Bedenken muss man bei der Betrachtung der Ergebnisse stets, dass für diese zweifelsfrei höchst aufschlussreiche und methodisch enorm aufwändige Meta-Meta-Studie fast ausschließlich hypothesentestende Studien mit einem Kontroll- und Experimentiergruppendesign herangezogen wurden, bei denen dann die Veränderung eines Parametes – beispielsweise das Stellen von Hausaufgaben oder das Anbieten regelmäßiger Rückmeldungen zum Lernfortschritt – mit Bezug auf messbare Effekte untersucht wird. Die Meta-Betrachtung und die Zusammenfassung der Studien machen die Ergebnisse und Effektaussagen dann deutlich fehlerfreier, aber auch enorm abstrakt und losgelöst von der Unterrichtswirklichkeit, in der die verschiedensten Methoden in ihrem komplexen, quantitativ schwer messbaren Zusammenspiel ihre Wirkungskraft erst entfalten können.“

Dr. Ralf Weskamp: „Ich finde Hatties Studie sehr anregend, weil er drei Dinge tut: Erstens, er äußert sich nicht zur Schulstrukturfrage und beteiligt sich damit nicht an einer Diskussion, die wenig zielführend für die Verbesserung der unterrichtlichen Qualität ist. Zweitens, er geht davon aus, dass jede Form der Beschulung einen Effekt zeigt und dass guter Unterricht entsprechend einen Effekt über diese ‚Basislinie‘ hinaus nachweisen muss. Drittens (…): Es ist wichtig, Lernen aus der Sicht der Schülerinnen und Schüler zu sehen und ihnen zu helfen, ihre eigenen Lehrer zu werden. Dazu ist es notwendig, die Lernenden zur Reflexion anzuregen, als Lehrkraft diese Reflexionen aufzugreifen und den Unterricht so den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler anzupassen.

Ein weiterer Aspekt, der mir sehr gut gefällt, ist der der Lehrerpersönlichkeit (…). Lehrer zu sein, heißt Lernende zu aktivieren und nicht nur, sie gewissermaßen passiv zu begleiten. Guter schülerorientierter Unterricht (…) tut genau dies: Er profitiert von einer Lehrkraft mit Leidenschaft, die sich für die Schülerinnen und Schüler interessiert, sie zur kritischen Reflexion des eigenen Lernens anregt und den Dialog mit ihnen sucht.“


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