„Ich drücke mich lieber in Bildern aus“

Ulf Marckwort illustriert seit 1998 Englischlehrwerke für Diesterweg, jetzt Westermann. Begonnen haben wir die Zusammenarbeit mit den Lehrwerken BayswaterNotting Hill Gate und Camden Market. Sein charakteristischer Stil prägt das Aussehen der Lehrwerksseiten und Medien. Helen Hardy möchte von ihm wissen, wie Gillian, Rajiv, Karla und die anderen Lehrwerksfiguren entstehen.

Herr Marckwort, wie wurden Sie Illustrator?

Marckwort: Ich habe schon immer gezeichnet – Unmengen offenbar, wie ich bei Auflösen meines elterlichen Haushaltes im vergangenen Jahr bemerkte. Mir wurde nach der Schule klar, dass da was in der Richtung angegangen werden musste, andere Berufe wären nur ein fauler Kompromiss geworden. Im Studiengang „Visuelle Kommunikation“ landete ich zu meinem Glück bei einem der deutschen Illustratorengrößen, dem erst vor wenigen Jahren verstorbenen Hans Hillmann, an der Gesamthochschule Kassel. Nach dem Abschluss konnte ich direkt einsteigen, durch Nebenjobs in einer Agentur und einer Handvoll kleiner eigener Kunden war ich relativ gut an das Tempo und den Druck des Berufs gewöhnt. Erst habe ich alles mögliche gemacht, Werbung, Corporate Identity, Buchlayouts, Spiele, Lernhilfen, aber es stellte sich heraus, dass die reinen Illustrationskunden immer mehr in den Vordergrund traten, bis ich fast von alleine irgendwann „nur“ noch Illustrator war, kein Grafikdesigner mehr.

Was illustrieren Sie am allerliebsten?

Marckwort: DAS Allerliebste gibt es so nicht, aber generell schon Sachen mit Menschen in Aktion oder an ungewöhnlichen Orten oder in vergangenen Zeiten, Autos, Motorräder, Musiker. Spannende Situationen und Berufe sind natürlich interessanter zu gestalten als ein Kind, das ein Smartphone bedient.

Wie fühlen Sie sich beim Zeichnen?

Marckwort: Die Frage habe ich mir noch nie so gestellt. Wohl wie jeder andere Mensch auch … Mal ist man entspannt, mal gestresst, ob man alles hinbekommt, auch ist man mal gelangweilt – und meist sehr froh, dass man diesen Beruf ausüben kann.

Wie oft müssen Sie einen Charakter normalerweise zeichnen, bis Sie wissen, dass er richtig ist, und woher wissen Sie genau, dass er richtig ist?

Marckwort: Verschieden. Manche habe ich sofort fertig im Kopf, die stimmen fast auf Anhieb. Andere, mit denen ich mich weniger identifizieren kann, dauern ein bisschen länger. Aber so richtig im Griff hat man Figuren meist erst nach einiger Zeit, weil sich auch durch die Briefings die Charaktere nach und nach entfalten, man bekommt niemals die gesamte Storyline auf einen Schlag. Und außerdem arbeiten verschiedene Autorenteams an und mit den Figuren, mit Sicherheit nicht komplett synchron. Nach längerer Zeit im Beruf weiß ich aber auch, was funktioniert und was nicht, ich kenne dazu die Kunden und auch ein wenig die Zielgruppe, also in diesem Fall Lehrer und Schüler.

Wie entwerfen Sie einen Charakter? Wie eng arbeiten Sie dabei mit einem Autor zusammen?

Das ist eine Mischung aus Gefühl und Routine. Neben den Briefings mit einer Art „Anforderungskatalog“ habe ich nichts, was mich einschränkt, manchmal gibt es dann Detailkorrekturen oder Änderungswünsche, aber im Großen und Ganzen geht das ziemlich unkompliziert. Und dazu kommt, dass die Figuren nicht so wahnsinnig verschieden sind – nie, bei keinem Auftraggeber. Wirklich komplexe, problembeladene oder schräge Charaktere hat sich jedenfalls noch nie jemand gewünscht. Das würde auch schwer funktionieren, man hat nicht den Raum, die Konstanz, um eine Figur sehr tiefgründig zu machen wie in einem Roman oder auch einem Comic. Meist tauchen die Figuren nur alle paar Seiten auf, später oft nicht mal in jedem Kapitel.

Finden Sie, dass Sie Beziehungen mit Ihren Charakteren anfangen, also entwerfen Sie auch Persönlichkeiten für Sie?

Marckwort: Durchaus, aber das bleibt oberflächlich aus den oben genannten Gründen. Man verfestigt den Kleidungsstil, den Musikgeschmack, die Hobbies. Wenn die Figuren spannend werden, also Konflikte haben, vielleicht Beziehungen beginnen, dann verschwinden sie aus den Büchern, also ab Klasse 8. Deshalb kann man da nur sehr begrenzt an den Persönlichkeiten arbeiten. Ich hänge da in einer Zeitschleife … Immer wenn die Kids 14-15 werden, springe ich als Zeichner wieder zurück auf den Anfang, wenn sie elf sind.

Was hoffen Sie, dass Kinder mit Ihren Zeichnungen verbinden?

Marckwort: Wenn die Zielgruppe Spaß dran hat, wenn Kinder was von ihrem Leben wiedererkennen, wenn sie es nicht langweilt – wie so vieles in der Schule – dann ist das okay. Man muss versuchen, halbwegs Schritt zu halten. Schließlich bleibt die Zielgruppe immer gleich alt, man selbst entfernt sich also jedes Jahr von ihnen, rein altersmäßig. Da muss man sehen, dass man halbwegs am Ball bleibt, ohne sich zu sehr anzubiedern. Jugendkultur ist immer um Abgrenzung bemüht, die Codes sollen nicht von jedem verstanden werden, und Erwachsene sind zwangsweise Outsider.

Haben Sie noch Zeit, zum eigenen Vergnügen zu malen? Glauben Sie, es ist wichtig, dass ein Künstler das macht?

Marckwort: Das ist eine fast klassische Frage. Nein, mache ich nicht. Es ist mein Beruf, nicht mein Hobby. Vielleicht ist es auch mein Vorteil gewesen, dass ich das nicht brauche und deshalb gut mit Vorgaben, mit Aufgabenstellungen arbeiten kann. Wer so etwas allerdings als Einschränkung empfindet, braucht mit Sicherheit den Ausgleich als freier Künstler.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Marckwort.

Diesen Artikel kommentieren

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.