„Identität, Lernkultur und Sprache“

Die Integration fremdsprachiger Schülerinnen und Schüler in den Unterricht ist noch wenig erforscht. Im Gespräch mit Prof. Dr. Jürgen Kurtz erfahren wir mehr über die Herausforderungen, die bei diesem Prozess im Vordergrund stehen.

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Herr Prof. Dr. Kurtz, Sie haben in einer Willkommensklasse hospitiert und mit Lehrkräften geredet, die mit geflüchteten Schülern arbeiten. Wie haben Sie die Integrationsarbeit erlebt?

Jürgen Kurtz: Ich denke, dass es ein bildungspolitischer Reflex geworden ist, im Kontext von Zuwanderung und Integration zuallererst auf die Schulen zu verweisen. Landauf und landab ist von ‚Beschulung‘ die Rede, so als könne oder müsse Schule die Hauptverantwortung für die Integrationsarbeit leisten. Aber durch ‚Beschulung‘ allein wird die Integration nicht gelingen, schon das Wort klingt nach administrativem Akt, so, als müsse man ein Problem verwalten.

Welches Setting fanden Sie vor?

Jürgen Kurtz: ‚Beschult‘ wird ganz unterschiedlich. Wir haben den Unterricht in Willkommensklassen; hier gibt es eine große Heterogenität, diese Klassen können auch Begrüßungs-, Sprachlern-, Migrations-, Übergangs-, Seiteneinsteiger-, Vorbereitungs- oder Deutschförderklassen heißen. Man sieht hier schon unterschiedliche Schwerpunktsetzungen.

Es gibt drei dominante Modelle: Unterricht in den Willkommensklassen mit zeitlich versetzter Aufnahme in den Regelunterricht, paralleler Unterricht in der Regel- und der Willkommensklasse oder Unterricht in der Regelklasse ohne Willkommensklasse. Für jedes dieser Modelle gibt es unterschiedliche Vorzüge und Nachteile; grundsätzlich aber sollten in jedem Modell drei Aspekte im Vordergrund stehen, die derzeit große Herausforderungen darstellen: Identität, Lernkultur und Sprache.

Identität meint Fragen der Herkunft der geflüchteten Lernenden, Fragen ihres Bildungsstandes und ihrer Lernvoraussetzungen. Hier denke ich, dass eine mehrfache Sprachstandserhebung, nicht nur in Deutsch, sondern in allen Sprachen, die die Lernenden mitbringen, wertvolle Dienste leisten könnte – Stichwort: Mehrsprachigkeitsdidaktik.

Lernkultur: Hier geht es um die Sozialisierung in verschiedenen Schulsystemen. Holzschnittartig dargestellt stehen auf der einen Seite das emanzipatorisch-inklusive Schulsystem in Deutschland und auf der anderen Seite das hierarchisch-autokratische Schulsystem in manchen Herkunftsländern. Die Sozialisierung in hierarchischen Systemen kann die Wahrnehmung der Autorität der Lehrperson beeinflussen. Es gibt gelegentlich Lernende, die einen emanzipatorischen Unterrichtsstil als Schwäche der Lehrperson, als mangelnde Autorität, auslegen. Hier ist dann gegebenenfalls viel Durchsetzungsfähigkeit von der Lehrkraft gefordert.

Sprache: Hier kann man sich fragen, welche Rolle dem Englischen zukommt. Möglicherweise war Englisch für die Lernenden auf der Flucht eine Lingua franca, also ein überlebenswichtiges Werkzeug. Darauf könnte beziehungsweise sollte aufgebaut werden. Dann könnte Englisch als Brückensprache eine wertvolle Hilfe zur Integration in den Regelunterricht leisten – und zwar nicht nur für den Englischunterricht. Es gibt in der Mehrsprachendidaktik zum Beispiel den Forschungsstrang Deutsch nach Englisch. Es könnte darüber nachgedacht werden, dass Englisch auch beim Erlernen von Deutsch und vielen anderen Dingen hilfreich sein könnte.

Was funktioniert gut im Unterricht?

Gut funktionieren offenbar freundliche Begrüßungs- und Abschiedsrituale in den unterschiedlichen Sprachen, eine spielerische Annäherung an das Sprachenlernen, das gemeinsame Singen und – ganz wichtig – das spielerische Einüben von sprachlichen Alltagsroutinen und Kommunikationsmustern, mit vielen abwechslungsreichen Wiederholungen. Auch der häufige Wechsel der Sozialformen, individuelle Ansprache und Zuwendung sind von großer Bedeutung. Dabei ist es für die Lehrperson wichtig, eine hohe Fehlertoleranz zu üben. Außerdem sollten alle allen gegenüber eine wertschätzende Haltung einnehmen: die Lehrkraft gegenüber den Lernenden und die Lernenden gegenüber der Lehrperson. Grundsätzlich ist es unabdingbar, eine Strategie zu entwickeln, mit Differenz, Heterogenität und Andersartigkeit umzugehen, ohne dabei zu stereotypisieren. Das ist eine große Herausforderung. Sehr wichtig sind darüber hinaus Unterrichtsgänge in die nähere Umgebung. Die Integration wird nicht allein durch ‚Beschulung‘ auf dem Schulgelände gelingen. Es bedarf vielmehr einer Öffnung, einer Vernetzung der Schulen ins Leben hinein.

Vielen Dank für das Gespräch.

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