Individuelle Förderung je nach Lernertyp?

In Folge der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention hat sich Deutschland dazu verpflichtet, ab dem Schuljahr 2018/19 alle Schüler in Deutschland „inklusiv“ zu unterrichten. Einen Aspekt dieses Themas greifen wir uns an dieser Stelle heraus, zu dem sich Dr. Christoph Edelhoff und Prof. Andreas Müller-Hartmann äußern: die Einteilung der Schülerinnen und Schüler in sogenannte Lernertypen. Welche Auswirkungen hat diese „Kategorisierung“ auf den Lernfortschritt der oder des Einzelnen?

Dr. Christoph Edelhoff, Vorsitzender von The Englisch Academy, beschreibt diesen Aspekt wie folgt:

Eine Zeitlang und neuerdings wieder werden Lernertypen (oder auch „Lerntypen“) ins Spiel gebracht, um den vielfältigen Formen der Heterogenität von Lernenden auf die Spur zu kommen und unterrichtlich zu berücksichtigen. Die Diskussion geht auf den Begriff dermultiple intelligences von Gardner (1983) und Mario Rinvolucri (2007) zurück, wobei unterschieden wird zwischen: verbal-linguistic, bodily-kinesthetic, logical-mathematical, interpersonal, musical, visual-spatial, intrapersonal und naturalistic intelligences.

Auch wenn an diesen Begriffen Überschneidungen und eine unzureichende empirische Basis kritisiert werden (vgl. Rebel 2010, 94), regen die Beschreibungen doch an, Lernende nicht alle über einen Kamm zu scheren, sondern ihre je eigenen Stärken aufzusuchen und zu berücksichtigen. Brusch (2009, 46) weist darauf hin, dass z.B. die Grammatik-Übersetzungsmethode „ein rein kognitiver Ansatz des Sprachenlernens“ sei und Autoren wie Gardner die unterschiedliche Art und Weise des Lernens bei Kindern und ihre sehr unterschiedlichen individuelle Fähigkeiten betonen. Gardners „Theorie zufolge wird das Lernpotential vieler Kinder, die eine Sprache durch die Grammatik-Übersetzungsmethode lernen, nicht ausgeschöpft…, weil es einseitig kognitive Anforderungen stellt. Optimales Lernen ist durch ein vielseitiges Angebot verschiedener Aktivitäten gekennzeichnet, das möglichst viele Sinne… anspricht.“

Auch die Berücksichtigung neuerer Ergebnisse der Hirnforschung legen es nahe, den Unterricht methodisch ganzheitlich anzulegen und stets darauf zu achten, dass „ohne Gefühl gar nichts geht“ (Hüther 2009).

Eine griffige Zusammenfassung findet sich bei der 2007 verstorbenen Grande Dame des FSU, Wilga Rivers, in ihren Principles for interactive language teaching (1997), die als ihr professionelles Vermächtnis gelten:

„In the past, much language learning was restricted to an elite „academic stream“, who had demonstrated their ability to cope with abstract logico-deductive thinking and verbal learning of the type required in school settings, for instance, for the study of grammar, the application of grammar rules in composition exercises, and the translation of literary texts. These students were considered to have ‚a high IQ’ as measured by a distinctly verbal test. Of recent years, Howard Gardner has drawn our attention to the existence of ‚multiple intelligences’… . Now that emphasis is on language learning for all students, we need to consider ways of enabling students who are strong in any of these areas to apply their particular kinds of intelligence in language learning tasks, and to see that our assessment procedures provide them with opportunities to demonstrate their progress in the use of the language through other means than written tests (Principle Four)

TEA-Mitglied Prof. Dr. Andreas Müller-Hartmann empfiehlt in diesem Zusammenhang:

Wenn man die Lernertypen der Schülerinnen und Schüler berücksichtigt, dann erleichtert man ihnen grundsätzlich das Lernen. Wenngleich wir in der Regel keine „reinen“ Lernertypen vorfinden, also nur den analytical oder communicative learner, so haben Lernende bestimmte Präferenzen. Bei der Unterrichtsplanung sollte man von daher diese verschiedenen Typen, zu denen auch der authority-oriented learner gehört, der am liebsten alles von der Lehrerin erläutert haben möchte, mitdenken und den Unterricht entsprechend vielfältig gestalten, sodass alle davon profitieren können. Dazu muss man erst einmal wissen, welche Lernertypen man vor sich hat. Gleichzeitig ist es wichtig, den Lernenden ihre Präferenzen bewusst zu machen, z.B. über Reflektionsaufgaben. Damit stärkt man ihre Kompetenzentwicklung, denn sie können auf der Basis mit der Hilfe der Lehrkraft weitere Lernstrategien entwickeln, die ihrem Lernertyp entsprechen.

Weiterführende Literatur:
  • Christison, Mary Ann, 2005. Multiple intelligences and language learning. Provo UT, USA: Alta Book Center Publishers.
  • Gardner, Howard (1983, 1993). Frames of Mind: The Theory of Multiple Intelligences. New York:  Basic Books.
  • Hüther, Gerald (2009). „Ohne Gefühl geht gar nichts. Worauf es beim Lernen ankommt.“ Originalvortrag Freiburg. DVD, Mühlheim/Baden: Audiotorium Netzwerk (Jokers Hörsaal).
  • Puchta, Herbert; Rinvolucri, Mario (2007). Multiple Intelligences in EFL: Exercises for secondary and adult students. Cambridge University Press (Innsbruck: Helbling).
  • Rebel, Karlheinz (2010). Heterogenität als Chance nutzen lernen. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt.
  • Ausführliche Informationen, Hintergründe und Unterrichtsanregungen finden Interessierte auch im Magazin At Work Nr. 21/2012.

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