„Nur was für die Schüler bedeutsam ist – das lernen sie!“

Ein Interview von At work mit Dr. Christa Lohmann  zu den Ergebnissen und Auswirkungen der DESI-Studie, die den Lern- und Leistungsstand deutscher Schüler in Englisch und Deutsch getestet hat.

DESI ist eine Studie zur Erfassung der sprachlichen Leistungen von Schülern in Deutsch und Englisch. Rund 11.000 Lernende aller Schularten der 9. Klassenstufen in Deutschland nahmen an dem Test teil. Die repräsentative Studie wurde zu zwei Messzeitpunkten (September/Oktober 2003 und Mai/Juni 2004) durchgeführt. Dazwischen lag die DESI-Videostudie.

Frau Dr. Lohmann, im März 2006 wurde die DESI-Studie (Deutsch Englisch Schülerleistungen International) veröffentlicht. Welches sind für Sie die Hauptergebnisse?

Christa Lohmann:

  1. Dass wir Aufschluss über den gegenwärtigen Englischunterricht erhalten haben und zwar einen sehr detaillierten. Es war eine gute Entscheidung der Kultusministerkonferenz (KMK), diese Studie über die Deutsch- und Englischleistungen in Ergänzung zu TIMSS und PISA in Auftrag zu geben.
  2. Die Leistungsmessungen und Testergebnisse orientieren sich am Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen, und das Konsortium hat die Lehrpläne der Bundesländer herangezogen, die ihrerseits auf die Bildungsstandards bezogen sind. Damit ist die kommunikative Kompetenz als oberstes Lernziel festgeschrieben und steht als aktive Sprachbeherrschung zusammen mit dem Hörverstehen im Mittelpunkt der Untersuchung. Und …
  3. DESI hat nicht nur Testergebnisse vorgelegt, sondern über die Schüler- und Lehrerbefragungen sowie vor allem über die Videostudie eine Fülle von Einsichten in die Wirklichkeit des praktizierten Englischunterrichts ermöglicht. Selten hat eine empirische Studie so viele verwertbare Erkenntnisse und in der Praxis umsetzbare Befunde geliefert.
Was ist daran die gute Nachricht, was die schlechte?

Christa Lohmann: Die gute Nachricht besteht darin, dass wir im Bundesdurchschnitt der Schülerleistungen in den 9. Jahrgängen eine Leistungsspitze haben, die über dem Niveau der für das Ende des 9. Jahrgangs erwarteten Kompetenzen liegt, 7 % der Schüler erreichen beim Hörverstehenstest die höchsten Niveaus. Bei der Textrekonstruktion sind es 15 %.

Ermutigend ist auch, dass mehrsprachig aufgewachsene Schüler und solche mit nicht-deutscher Muttersprache im Englischen besser abschneiden als im Deutschen, weil sie offensichtlich durch die Transferleistung der Zweitsprache begünstigt sind. Wenn der Fremdsprachenunterricht in der Zielsprache durchgeführt wird, fällt das kumulative Defizit weg, das Schüler mit schlechten Deutschkenntnissen von Anfang an in fast allen anderen Fächern benachteiligt.

Mich persönlich hat die Tatsache sehr erfreut, dass eine Leistungsuntersuchung abermals bestätigt, dass die Zusammensetzung einer Klasse – ob homogen oder heterogen – keinen nachweisbaren Einfluss auf den Leistungszuwachs hat. Es ist bitter, dass bestimmte Gruppierungen in unserer Gesellschaft diese Befunde nicht akzeptieren wollen und weiterhin auf Abgrenzung bestehen.

Die schlechte Nachricht kommt einer Katastrophe gleich: Am unteren Ende der Leistungsskala gibt es eine große Gruppe von Schülern, deren Sprachvermögen weit unter dem Kompetenzniveau dessen liegt, was am Ende des 9. Jahrgangs zu erwarten gewesen wäre. Diese Gruppe macht in Teilbereichen bis zu zwei Dritteln aus, die sich zum Beispiel im Bereich Hörverstehen nur auf oder unterhalb des niedrigsten Niveaus A befinden und auch bei der Textrekonstruktion nur minimale bis gar keine Leistungen erbringen.

Welches Ergebnis der DESI-Studie hat Sie besonders überrascht?

Christa Lohmann: Das relativ schlechte Abschneiden der Integrierten Gesamtschulen – sie sind nicht viel besser als die Hauptschulen. Ich kenne diese Schulform aus der eigenen Praxis. Ich weiß, wie intensiv das pädagogische Engagement der meisten Lehrkräfte ist. Aber ihre Versuche, mit vielfältigen besonderen Maßnahmen auf ein anfänglich schwaches Kompetenzniveau zu reagieren – die das Konsortium „Formen der Adaptivität“ nennt – sind offensichtlich beziehungsweise jetzt nachgewiesenermaßen für einen auf kommunikative Kompetenz ausgerichteten Englischunterricht nicht die richtige Strategie.

Welche Ansätze sind laut DESI im Fremdsprachenunterricht nachgewiesenermaßen hilfreich?

Christa Lohmann: Ja, was ist hilfreich? Um nur einige Punkte zu nennen:

  • Das Lernziel der kommunikativen Mündlichkeit hat immer Vorrang.
  • Ganz wichtig: Deutsch im Unterrichtsgespräch vermeiden.
  • Schüler möglichst oft und lange zu Wort kommen lassen.
  • Eine positive Fehlerkultur im Unterricht: Fehler sind Lernschritte, sie müssen verbessert, aber dürfen nicht sanktioniert werden. Den Lernenden muss Gelegenheit gegeben werden, sich selbst zu korrigieren.
  • Ein lernförderliches Klima ist sehr wichtig. Dazu gehört Ermunterung, Unterstützung, Aufgabenorientierung und thematische Motivierung.
  • Elementar ist auch die Verständlichkeit der Lehreräußerungen.
Können Sie ein paar praktische Beispiele nennen, was die Englischlehrer der einzelnen Schulformen konkret in ihren Unterricht übernehmen können?

Christa Lohmann: Das ist nicht an die Schulform gebunden. Die Bildungsstandards für den Hauptschulabschluss nach dem 9. und die für den mittleren Abschluss nach dem 10. Jahrgang betonen gleichermaßen die Notwendigkeit und das Ziel der kommunikativen Kompetenz. Alles, was dieses Ziel befördert, muss in den Unterricht jeder Schule und Schulart übernommen werden. Die erforderliche Differenzierung richtet sich nach der Zusammensetzung und dem sprachlichen Vermögen der jeweiligen Lerngruppe. Interessanterweise gibt es auch in der DESI-Studie einen Befund, den wir aus anderen Untersuchungen kennen: Es gibt beachtliche Überschneidungen zwischen den Schularten, zum Beispiel beim C-Test im Bereich Textrekonstruktion. Da schneiden die besten Schüler an Haupt- und Gesamtschule besser ab als die schwächsten am Gymnasium.

Dies vorausgeschickt finden sich folgende praktische Beispiele:

  • Fremdsprachenunterricht muss so konsequent wie möglich in der Zielsprache stattfinden.
  • Die Aufgabenstellungen müssen für die Lernenden herausfordernd und interessant sein: Nur wer ein Interesse am Thema hat, will sich dazu äußern. Das gilt auch in den unteren Jahrgängen..
  • Die Lernenden müssen als Personen am Unterricht beteiligt werden, also Mitgestaltende sein.
  • Schüler sollten möglichst viel zum Sprechen kommen.
Was bedeutet DESI für den Englischunterricht an den einzelnen Schulformen?

Christa Lohmann: Für alle Schulformen ist DESI eine Herausforderung. Jede einzelne Schule kann sich an den Ergebnissen orientieren und festlegen, inwieweit sich der Englischunterricht ändern sollte und mit welchen Kontrollmaßnahmen dies überprüft werden kann.

Gymnasium und Realschule können ihre Arbeit in einigen Bereichen bestätigt sehen. Aber auch wenn im Gymnasium eine Leistungsspitze sitzt, die am Ende des 9. Jahrgangs bereits die Kompetenzen erreicht hat, die erst Ende Klasse 10 und darüber hinaus erwartet werden, kann sich diese Schulform nicht damit zufrieden geben, wenn zum Beispiel ein Viertel der Lernenden im Hörverstehensbereich nur Niveau A – und einige noch darunter – erreicht oder wenn es in der Realschule in diesem Bereich über 60 % sind.

Die schärfste Herausforderung stellt DESI für Haupt- und Gesamtschulen dar. Für beide gilt im Grunde die Frage des alten Viëtor mit seiner Schrift „Quousque tandem? – Der Sprachunterricht muss umkehren“ (1882).

Die Hauptschule braucht voll ausgebildete Fremdsprachenlehrkräfte, und der Unterricht muss regelmäßig mit fest eingehaltener und für alle verpflichtender Stundenzahl erteilt werden. Die Hauptschüler dürfen nicht länger abgehängt werden.

Haupt- wie Gesamtschule müssen alle Anregungen aus dem Referenzrahmen, aus den Bildungsstandards und aus DESI aufgreifen und ein Konzept für einen kommunikativ orientierten Unterricht entwickeln und umsetzen. Sie müssen zudem ihr Anspruchsniveau höher ansetzen, sie müssen mehr fordern und mehr fördern.

Die DESI-Studie sagt ganz klar, dass Englischsprechen wichtig für den Lernerfolg der Schüler ist. Wie gestaltet man den Unterricht kommunikativer?

Christa Lohmann: Vielleicht muss sich vorab die Einstellung der Lehrkräfte zum Englischunterricht ändern. Die Begriffe Lehrkräfte und Unterricht senden im Grunde falsche Signale aus. Es geht nicht vorrangig um ‚Lehren’ und ‚Unterrichten’, sondern darum, dass Lernarrangements geschaffen werden – was im Übrigen für jeden und nicht nur für den Englischunterricht gelten muss. Lehren bedeutet nicht automatisch Lernen. Die Schüler lernen, womit sie sich identifizieren können: Was für sie bedeutsam, wichtig, interessant ist, das behalten sie auch. Was muss deshalb passieren?

  • Die Schüler immer wieder zum dialogischen wie monologischen Sprechen ermuntern und ermutigen: Das Weltwissen der heutigen Jugendlichen ist groß, zum Teil größer als das der Unterrichtenden, so dass die Lernenden sehr oft selbst die ersten Beiträge zum Thema liefern können.
  • Gespräche mit Einzelnen persönlich gestalten.
  • Die Lernenden untereinander ins Gespräch bringen.
  • Interviews mit ihnen üben und Aufträge mit ihnen erarbeiten, die sie selbständig durchführen. In unserer vom Englischen stark geprägten Welt gibt es dazu vielfältige Gelegenheiten, nicht nur in der Nähe von airport oder navy.
Sie waren viele Jahre in der universitären Lehrerausbildung und -fortbildung tätig und haben selbst Englisch an einer Gesamtschule unterrichtet. Wie schätzen Sie die Bedeutung der DESI-Studie für die zukünftige Entwicklung des Fremdsprachenunterrichts und der Lehrerausbildung ein?

Christa Lohmann: Die Antwort ist deshalb schwierig, weil bei Prognosen immer schwer zwischen Wunschdenken und sachlicher Abwägung zu trennen ist.

Ich persönlich glaube, dass es weniger die DESI-Studie sein wird, die die künftige Entwicklung des Fremdsprachenunterrichts beeinflussen wird, sondern der Europäische Referenzrahmen bzw. die Bildungsstandards. Die KMK hat zwar die Umsetzung der Bildungsstandards den Ländern überantwortet, die dazu recht unterschiedliche Maßnahmen beschlossen haben. Aber in ihrer Strategie zum Bildungsmonitoring vom Juni 2006 hat die KMK beschlossen, dass sie ab 2008 das Erreichen der Bildungsstandards in den Ländern zentral auf der Grundlage repräsentativer Stichproben überprüfen lassen wird: im Primarbereich Ende des 3. Jahrgangs, im Hauptschulbereich am Ende des 8. und für den Mittleren Abschluss am Ende des 9. Jahrgangs. Mit anderen Worten: Die Schulen werden sich auf kompetenzorientierten, am Lernziel kommunikativer Fähigkeiten ausgerichteten Unterricht einstellen müssen.

Damit wird sich zwangsläufig auch die Ausbildung ändern müssen. Es ist mehr als bedauerlich, dass die deutschen Hochschulen hier – mit wenigen Ausnahmen – keine Vorreiterrolle spielen, sondern eher unter Zugzwang geraten. Dabei spielt die universitäre Erstausbildung die entscheidende Rolle für die erforderlichen veränderten und erweiterten Qualifikationen der Lehrkräfte.

Die Ergebnisse der PISA-Studie haben in der deutschen Medienlandschaft für großen Aufruhr gesorgt. Ein Aufschrei nach besserem Unterricht ging durchs Land. Die DESI-Studie hat vergleichsweise wenig für Furore gesorgt. Wie erklären Sie sich das?

Christa Lohmann: In meinen Augen gibt es dafür zwei verschiedene Erklärungen. Zum einen hatte die KMK kein Interesse daran, die durch die PISA-Ergebnisse geschockte Öffentlichkeit schon wieder und noch tiefer in die Bildungskrise zu stürzen und erneut kollektives Wehklagen und Anprangern der eigenen Maßnahmen auszulösen.

Zum anderen war der Zeitpunkt der Veröffentlichung so gewählt, dass er mit den Entscheidungen zur Rechtschreibreform zusammenfiel, die sozusagen automatisch und fast zwangsläufig viele Bildungsemotionen band.

Die Kehrseite dieser Medienpolitik spiegelt sich darin wieder, dass bis heute die meisten Schulen und Lehrkräfte DESI nicht kennen, was angesichts der vielen wertvollen, weil unterrichtswirksamen Daten und Befunde geradezu unverantwortlich ist.

Ein kleines Gedankenspiel: Wenn im Jahr 2015 wieder eine DESI-Studie durchgeführt würde – was hat sich bis dahin alles verändert?

Christa Lohmann: Die Hauptschüler werden durch die partielle Umstrukturierung im Bildungswesen einen beachtlichen Schritt nach vorn tun – erste Belege für gesteigerte Leistungsfähigkeit, wenn die Hauptschüler nicht mehr abgehängt und in der Restschule sind, stammen bereits heute aus den östlichen Bundesländern, die schon früh mit Zusammenlegungen begonnen haben.

Die Gesamtschulen werden in Gemeinschafts- oder Stadtteilschulen aufgehen und als Teile einer Zweigliedrigkeit weiterhin mit dem Gymnasium konfrontiert sein. Aufgrund dieser Konkurrenzsituation, in der sie um Eltern und deren Kinder werben, werden sie sich zum Teil erheblich anstrengen müssen, um ihr Konzept des längeren gemeinsamen Lernens auch im Englisch-Fachunterricht überzeugend zur Geltung zu bringen. Auch dafür gibt es schon heute zahlreiche Beispiele, die so genannten Leuchtturm- oder Magnetschulen.

Allen Schularten und Schulen werden bis 2015 die in DESI benutzten Testformate bekannt sein. Die meisten Schulen wollen für ihre Schüler Leistung erbringen, und sei es, dass vorher geübt wird. Das Schöne an der kommunikativen Kompetenz ist ja, dass, wenn monologisches und dialogisches Sprechen geübt wird, das Ergebnis des Übens ein bleibender Beitrag zur sprachlichen Handlungskompetenz ist. Wenn dagegen Wörter um der Wörter oder Grammatik um der Grammatik willen gepaukt werden, tendiert die Behaltensrate nach dem Test bei den meisten Schülern gegen Null.

Dieses Interview wurde in Auszügen auch im At work Magazin Nr. 12/2007 veröffentlicht.

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