„Kreativität ist ein höchst komplexes Phänomen“

Ein Gespräch mit Dr. Jürgen Kurtz, Professor für Didaktik der englischen Sprache an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Was genau verbirgt sich hinter dem Begriff „Kreativität“?

Der amerikanischen Schauspielerin Mary Lou Cook (1908 – 1944) wird die Aussage zugeschrieben: “Creativity is inventing, experimenting, growing, taking risks, breaking rules, making mistakes, and having fun.” Das deutet bereits darauf hin, dass Kreativität ein höchst komplexes Phänomen ist, das sich aufgrund seiner Vielschichtigkeit kaum umfassend beschreiben und erklären lässt.

Die internationale Forschung unterscheidet heutzutage zwischen alltäglichen, eher unauffälligen Formen von Kreativität oder kreativen Prozessen – der so genannten small c creativity – und nicht-alltäglichen, meist spektakulären Formen von Kreativität oder kreativen Produkten, der big C creativity.

Können Sie Beispiele für diese beiden Arten von Kreativität nennen?

Ein schönes Beispiel für Alltagskreativität, also small c, ist, wenn wir uns vornehmen, nach Rezept zu kochen, dann aber plötzlich einige Zutaten weglassen oder andere hinzufügen, und so ein (für uns) neuartiges Gericht ‚kreieren‘. In ähnlicher Weise sind wir tagtäglich auch sprachlich kreativ, etwa wenn wir spontane Einfälle und ausgefallene Ideen in Worte fassen und dabei Umschreibungen verwenden, Wörter neu kombinieren, Begriffe im übertragenen Sinne verwenden oder ähnliches.

Big C, also die nicht-alltägliche Kreativität, zeigt sich zum Beispiel in künstlerischen, musischen oder literarischen Meisterwerken oder auch in großen wissenschaftlichen Leistungen und technologischen Innovationen.

Ist Kreativität immer eine individuelle Leistung?

Die wissenschaftliche Diskussion unterscheidet zwischen individueller und gemeinschaftlicher Kreativität. Der amerikanische Kreativitätsforscher R. Keith Sawyer spricht in diesem Zusammenhang von individual creativity einerseits und dem so genannten group genius, also kollektiver Kreativität. Kreativität ist also kein rein kognitives Konstrukt im Sinne eines persönlichen Vermögens oder Potenzials, sondern ist auch als ein interindividueller bzw. sozialer oder soziokultureller Prozess zu verstehen. Dabei spielen das Wissen und Können des Einzelnen eine ebenso große Rolle, aber auch das kulturell geprägte Kommunizieren mit anderen im Sinne einer gegenseitigen Nutzung individueller Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse.

Welche Bedeutung hat Kreativität im Englischunterricht?

Kreativität hat große Bedeutung für das Lehren und Lernen der englischen Sprache in der Schule, und zwar in all den Erscheinungs- und Ausprägungsformen, die ich gerade beschrieben habe. So spielt die big C creativity zum Beispiel eine Rolle bei der kommunikativ-interaktiven Behandlung fiktionaler sprachlicher Produkte, also etwa bei Romanen, Kurzgeschichten, Gedichten, insbesondere in der gymnasialen Oberstufe.

Small c creativity, also der generativ-flexible Umgang mit der Zielsprache Englisch im alltäglichen Unterricht, ist zum Beispiel bei allen weniger eng gefassten Schreib- und Sprechaufgaben gefordert. Das ist – mit den entsprechenden und notwendigen Einschränkungen – schon in den ersten Lernjahren möglich. Formate für solche Schreibaufgaben sind zum Beispiel das flexible Vervollständigen oder das Fortschreiben von Texten aller Art, die Textverfremdung, oder das Umwandeln eines fiktionalen Textes in einen nicht-fiktionalen. Und auch in der schriftlichen Abiturprüfung ist ja unter anderem das kreative Schreiben gefordert.

Im Mündlichen kommt diese Art von Kreativität zum Beispiel in Sprechaufgaben zum Tragen, die ein improvisierendes, weitgehend unvorbereitetes Sprechhandeln erforderlich machen und fördern. Auch hier ist die Abiturprüfung im Fach Englisch in den Blick zu nehmen, die ja neuerdings eine sogenannte mündliche Kommunikationsprüfung mit einschließt.

Small c creativity im Sinne eines kreativen Umgangs mit der englischen Sprache zeigt sich allerdings auch bereits in der Grundschule. Nehmen Sie etwa kreative Wortschöpfungen, die einige Kinder sich ausdenken – wie zum Beispiel die Verwendung der Wortkombination‚dirty basket‘ für Abfalleimer. Das ist ein durchaus origineller Einfall und zugleich ein ‚kluger Fehler‘, der zahlreiche Ansatzmöglichkeiten bietet, um behutsam an der lexikalischen Kompetenz weiterzuarbeiten.

Da der Englischunterricht auf allen Niveaus unterschiedliche Aktions- und Sozialformen einbeziehen sollte, wäre es nicht angebracht, Kreativität lediglich auf den einzelnen Lerner zu beziehen. Stattdessen müssen wir auch die Kreativität berücksichtigen, die mitunter in Gruppenarbeit entsteht  – im Sinne von Prozessorientierung – und sich, im Sinne von Produktorientierung, nach und nach verfestigt.

Wie kreativ ist der Englischunterricht in der Sekundarstufe heute?

Nach allem, was wir über den heutigen Englischunterricht in der Sekundarstufe wissen, werden im Großen und Ganzen noch zu wenig Gelegenheiten für kreatives kommunikatives Handeln geschaffen. Vor allem im Bereich des Mündlichen ist das problematisch. Im Unterrichtsgeschehen dominieren häufig geschlossene Interaktionsformate, die kaum Raum für kreatives, improvisierendes Sprechhandeln geben. Die meisten Interaktionen finden nach dem Muster initiation, response, feedback  – kurz IRF – statt: Auf einen Lehrerimpuls folgt eine Schülerantwort, auf die wiederum der Lehrer Feedback gibt. Es ist anzunehmen, dass dieses eng geführte, durch überwiegend geschlossene oder halb-offene Impulse weitgehend lehrergesteuerte mündliche Lehrerhandeln im Englischunterricht in Teilen auch dadurch zustande kommt, dass viele Lehrkräfte einfach routinemäßig die Lehrbuchinhalte abarbeiten.

Verallgemeinerungen sind in Anbetracht der derzeitigen englischdidaktischen Forschungslage allerdings unangebracht. Viele Englischlehrerinnen und -lehrer bemühen sich redlich, ihre Schülerinnen und Schüler zum weniger lehrerabhängigen, kreativ-flexiblen Sprechen oder Schreiben zu bringen.

Je offener die Aufgabenstellung, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Schülerinnen und Schüler auch Fehler machen. Wie können Lehrkräfte damit umgehen?

Die Förderung eines kreativen Umgangs mit der Zielsprache macht, zumindest am Anfang, in der Tat ein hohes Maß an Fehlertoleranz erforderlich. Unterrichtsinteraktionen im Englischunterricht, insbesondere im IRF-Format, zeichnen sich jedoch oftmals durch das Gegenteil aus. In der Regel liegt hier der Fokus der Lehreraufmerksamkeit auf der Sprachrichtigkeit, der accuracy. Fehlerberichtigungen werden vielfach unmittelbar eingefordert, wir sprechen dann von focus on form. Das kann der Bereitschaft der Schülerinnen und Schüler, sich umfassend und originell in der Zielsprache zu äußern –focus on negotiating meaning –, im Wege stehen.

Der große amerikanische Erziehungspsychologe David C. Berliner verweist in diesem Zusammenhang auf ein nicht zu unterschätzendes Risiko, das sich aus der heutzutage vorherrschenden Kompetenz-, Standards- und Ergebnisorientierung des Unterrichts, einschließlich des Englischunterrichts in Deutschland, ergeben könnte. In kreativer Verwandlung des englischen Wortes suicide warnt er vor des Gefahr eines ‚creaticide‘, der sich im heutigen Zeitalter der verstärkten Output- oder Outcome-Orientierung des schulischen Unterrichts anbahnen könnte. Zum Beispiel bergen regelmäßige, flächendeckende Lernstanderhebungen die Gefahr, dass nur noch ein teaching to the test, stattfindet.

Mehr Meinungen zum Umgang mit Fehlern

Welche Hürden müssen Lehrkräfte, die gern mehr mit kreativen Aufgaben arbeiten möchten, nehmen?

Lehrkräfte, die gerne mit kreativen Aufgaben im Englischunterricht im Sinne von teaching for creativity bzw. creative language use arbeiten möchten, müssen jenseits einer veränderten Sicht auf Fehler selbst auch über ein hohes Maß an zielsprachlicher Beweglichkeit verfügen – vor allem im Bereich der mündlichen Inszenierung des Unterrichts, also dem creative teaching. Zudem müssen sie über entsprechende didaktisch-methodische Kompetenzen verfügen, um kreative Denk- und Sprachhandlungsprozesse bei den Lernenden in Gang zu setzen. Den Lehrerkompetenzen in den Bereichen teaching for creativity und creative teaching wird künftig noch eine wesentlich größere Bedeutung zukommen, da die so genannte „Kommunikationsprüfung“ im Abitur ‚nach unten‘ wirken wird. Das wird insbesondere, aber sicher nicht nur, am Gymnasium der Fall sein.

Wie wirkt sich der Wandel hin zu mehr kreativen Sprachleistungen auf die Bewertung bzw. Benotung aus?

Wer kreatives Sprechen oder Schreiben fordert bzw. systematisch fördern möchte, muss – allein schon aus Gründen der Fairness gegenüber den Lernenden – Bewertungsmaßstäbe entwickeln, die eben nicht allzu einseitig auf Sprachrichtigkeit abheben, wie es zum Beispiel der heute noch sehr verbreitete Fehlerquotient tut. Es sind vielmehr alle anderen, längst bekannten und nicht weniger wichtigen Bewertungsaspekte stärker in den Blick zu nehmen: in erster Linie die inhaltliche und sprachliche Originalität und Dynamik, die Komplexität, Flüssigkeit und pragmatische Angemessenheit von schriftlichen und mündlichen Schülerbeiträgen.

Wie kann man Kreativität fördern?

Kreatives Schülerhandeln lässt sich nicht erzwingen. Wir können aber unterrichtliche Rahmenbedingungen schaffen, die kreatives Sprachhandeln bzw. einen kreativen Umgang mit der Zielsprache Englisch begünstigen. Eine besondere Bedeutung kommt dabei Aufgaben- und Interaktionsformaten zu, die den von Hans-Eberhard Piepho vor Jahren bereits zusammengestellten SMART-Kriterien entsprechen. Dabei steht S für significant, Mfür meaningful, A für achievable, R für relevant und T für time-related. Außerdem bedarf es einer entspannten, angstfreien Lernatmosphäre im Klassenzimmer, die auf gegenseitigem Vertrauen und Respekt sowohl zwischen der Lehrkraft und den Lernenden als auch zwischen den Lernenden untereinander aufgebaut ist.

Kreativität lässt sich leider unter dem vielerorts zu beobachtenden Zeit- und Handlungsdruck, dem sich Lehrende wie Lernende in der Alltagspraxis des Englischunterrichts tagtäglich ausgesetzt sehen, kaum hinreichend fördern. Von daher erscheinen Unterrichtsformen und -formate, die auf die (teilweise) Entschleunigung des Lehrens als Transmission von Sprache und Inhalt abheben und gleichzeitig das Lernen als Transformation und Partizipation begreifen, von essentieller Bedeutung zu sein. Nur so können wir eine Lehr- und Lernkultur im Englischunterricht entwickeln, in der ausreichend Raum für Kreativität entsteht.

Literaturverweise

Berliner, David C. (2011). Foreword. In: Sawyer, R. Keith (2011). Structure and Improvisation in Creative Teaching. New York: CUP, xiii-xvi.

Kurtz, Jürgen (2001). Improvisierendes Sprechen im Fremdsprachenunterricht. Tübingen: Narr.

Kurtz, Jürgen (2011). Breaking through the Communicative Cocoon: Improvisation in Secondary School Foreign Language Classrooms. In: Sawyer, R. Keith (2011). Structure and Improvisation in Creative Teaching. New York: CUP, 133-161.

Piepho, Hans-Eberhard (2003). Lerneraktivierung im Fremdsprachenunterricht: „Szenarien“ in Theorie und Praxis. Hannover: Schroedel.

Sawyer, R. Keith (2007). Group Genius. The Creative Power of Collaboration. New York: Basic.

Sawyer, R. Keith (2012). Explaining Creativity. The Science of Human Innovation. Oxford: OUP.


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