Customs & traditions im Englischunterricht

Von Pancake Day bis Thanksgiving:

Zur Rolle von customs and traditions im Englischunterricht: Customs und traditions sind ein fester Teil von Kultur und verdienen auch im Fremdsprachenunterricht Aufmerksamkeit. Die damit verbundenen tiefer liegenden Strukturen und die Möglichkeiten, Traditionen im Englischunterricht aufzugreifen, sind Gegenstand dieses Beitrags.

Sommerfest in der Schule, die alljährliche Grillparty im Verein, das Ostereiersuchen oder das Krippenspiel zu Weihnachten – Bräuche und Traditionen sind wiederkehrende und sich in der gleichen Form wiederholende Rituale des Lebens. Sie gehören selbstverständlich zum Leben und nehmen damit auch eine wichtige Rolle im Alltag von Lernenden ein. Auch in den englischsprachigen Zielkulturen sind Bräuche und Traditionen zu finden. Sie reichen von Pancake Day über Notting Hill Carnival bis zu den Morris dancers oder Thanksgiving, können national, regional oder lokal sein und sind in jedem Fall als kulturelle Artefakte ein wichtiger Teil des Fremdsprachenunterrichts. Das Erlernen einer Fremdsprache schließt selbstverständlich auch kulturelle Aspekte ein. Die Vielfalt der Zielkulturen bietet im Englischunterricht viele interessante Möglichkeiten, die Schüler zum Staunen zu bringen. Auch für Lehrkräfte ist es wichtig, die bedeutendsten Traditionen wie Feste, Kleidung, Küche oder Rituale zu kennen.

Tiefenstruktur von Kultur

Wer Traditionen hinterfragt, geht ihren tiefer liegenden Bedeutungen und damit der Tiefenstruktur von Kulturen auf den Grund.

Hilfreich zur Verdeutlichung ist das Eisberg-Modell von Kulturen. Analog zum Konzept eines Eisbergs unterscheidet man auch bei Kulturen zwischen sichtbaren und unsichtbaren Teilen. Die Manifestationen von Kultur wie Kleidung, Essen, Kunst, Verhaltensweisen, Spiele, Wohnen, Tagesabläufe und eben Traditionen und Bräuche bilden den kleineren, sichtbaren Teil über der Wasseroberfläche. Den weitaus größeren Teil unterhalb der Oberfläche bilden psychologische Faktoren der Kultur(en), wie beispielsweise das Wertesystem, Normen, Denkweisen und Weltanschauungen. Dieser Teil der Kultur(en) ist dem Einzelnen oft unbewusst, jedoch steht er in direktem Zusammenhang mit dem sichtbaren Teil. Erst durch die Einheit beider lässt sich ein kultureller Aspekt vollständig erklären und verstehen. Dies ist aber unabdingbar für das Abwenden von Vorurteilen, einer wichtigen Aufgabe nicht nur des Fremdsprachenunterrichts.

Das Beispiel des Pancake Day soll dies verdeutlichen. Sieht man im pancake race am Shrove Tuesday, einen Tag vor Aschermittwoch, als sichtbare Manifestation von Kultur nur eine etwas skurrile Tradition, ist man vielleicht versucht zu sagen: „Die spinnen, die Briten/Amerikaner/Kanadier… Betrachtet man aber die Normen und Werte unter der Oberfläche, findet sich leicht eine Erklärung. In der christlichen Tradition waren nämlich zur Fastenzeit Fett und Eier verboten und wurden daher vorher aufgebraucht – daher die Pfannkuchen.

Eine nette Geschichte kommt zur Entstehung des Rennens hinzu: 1444 soll eine Hausfrau in Olney, England, mit dem Pfannkuchenbacken etwas spät dran gewesen sein. Da bereits die Glocken zum Gottesdienst riefen, lief die Frau mitsamt dem Pfannkuchen in der Pfanne zur Kirche – hence the name. So sind bewusste und unbewusste Phänomene von Kultur untrennbar miteinander verbunden.

Interkulturelles Lernen

Macht man Lernenden die oben beschriebene Verbindung bewusst, ist ein Schritt zum interkulturellen Lernen vollzogen. Bräuche und Traditionen stellen wichtige Inhaltsbereiche des interkulturellen Lernens dar (zu interkultureller kommunikativer Kompetenz vgl. Byram 1997). Es gilt allerdings zu beherzigen, dass sich interkulturelle Lernprozesse nicht nur auf die Anhäufung von Wissen (im Sinne von Landeskunde) beschränken. Mindestens genauso bedeutsam ist es, bei den Schülern eine offene Einstellung gegenüber und Neugier auf fremdartig scheinende Traditionen wie tossing the caber bei den Highland Games in Schottland (ebd. S. 32-35) oder dem Red Nose Day (ebd. S. 18-22) zu wecken.

Der Versuch eines Perspektivenwechsels lohnt sich: Wenn die Lernenden einen Wettbewerb von Baumstamm werfenden Menschen fragwürdig finden, sollten sie sich einmal vorstellen, dass dem Angehörigen einer anderen Kultur eine ihnen vertraute Tradition wie ein Umzug beim Schützenfest ebenso eigenartig vorkommen könnte – eben weil er sie nicht kennt. Den eigenen kulturellen Referenzrahmen nicht als Nabel der Welt zu betrachten, ist eine nicht zu unterschätzende Herausforderung für Lernende.

Anderskultureller vs. eigener Kontext

Einstellungen und Fertigkeiten im Verbund spielen eine große Rolle, beispielsweise die Fähigkeit, Traditionen zu interpretieren wie das Homecoming in den USA (ebd. S. 13-17), das in Deutschland gänzlich unbekannt ist. Was genau passiert beim homecoming und warum? Welche Kriterien gelten für die Homecoming Queen oder den Homecoming King? Gibt es vergleichbare Traditionen im eigenen kulturellen Umfeld? Worin besteht der school spirit an US-amerikanischen Schulen und warum ist er häufig stärker ausgeprägt als an deutschen Schulen?

Erfolgreich und effizient in Kontakt mit anderskulturellen Sprechern zu treten, ist ein weiterer wichtiger Aspekt interkulturellen Lernens. Welche Grußformen sind in welcher Situation angemessen? Wie drücke ich mich höflich aus? Wie kann ich Missverständnisse vermeiden und wie kommen diese zustande? Einige dieser Fragen werden im Beitrag zu Umgangsformen (ebd. S. 9-12) aufgegriffen.

Wenn alle Elemente, die übrigens eng miteinander verbunden sind, im Fremdsprachenunterricht berücksichtigt werden können, ist die Möglichkeit zur Förderung interkultureller Kompetenz gegeben. Das geschieht sinnvoller Weise am Beispiel von customs and traditions.

Fremdsprachliche Lernprozesse initiieren

Der Themenbereich bietet sich auch in sprachlicher Hinsicht für den Englischunterricht an. Schon in der Unterstufe kann anhand von Bräuchen und Traditionen, die den Schülern selbst bekannt sind, beispielsweise das simple present kontextualisiert eingeübt werden: „At Christmas we go to church. / At Bayram we go to the mosque.“ Hierbei können die Lernenden auch von ihren eigenen familiären Traditionen erzählen, was in multikulturell zusammengesetzten Klassen automatisch zu einem Austausch führt, bei dem verschiedene Herkunftskulturen Wertschätzung erfahren und gleichzeitig Anwendungskontexte der grammatischen Struktur simple present für die Beschreibung von Gewohnheiten“ internalisiert werden.

Auch die Traditionen selbst können unter die Lupe genommen und versprachlicht werden. Wie genau läuft so ein pancake race ab? Wie sehen die Tätowierungen der Maori aus? Zur Beschreibung von Aussehen, Kleidung, Essen usw. sowie zur Darstellung von Prozessen werden sprachliche Mittel benötigt. Wieder eingebettet in den inhaltlichen Kontext können entsprechende Wortfelder sowie Strukturen, wie das Passiv oder Adjektive und Adverben, zur Beschreibung von Objekten und Tätigkeiten (re)aktiviert werden. Ein information gap wird bei unterschiedlichem Bildmaterial geschaffen, das sich die Lernenden gegenseitig beschreiben. Genauso können diese Bilder als Material für ein Ratespiel verwendet werden, bei dem es auf eine genaue Beschreibung ankommt.

Kultursensibilität und Sprachfähigkeiten vertiefen

Um sprachliche und interkulturelle Aspekte integrativ zu vermitteln und einzuüben, kommen die Erklärungen und Hintergründe von Traditionen und Bräuchen ins Spiel. Für die historischen Wurzeln beispielsweise von Thanksgiving wird das simple past benötigt (The first colonists from England arrived in 1620. The following winter was very hard, and they were only able to survive with the help of the native people. So they gave thanks by inviting them to a meal. That was the beginning of the Thanksgiving tradition in the US.). In diesem Zusammenhang werden Texte und Diskurse im Klassenzimmer etwas umfangreicher ausfallen.

Für die Förderung der discourse skills der Schüler ist in diesem Zusammenhang auch die (Re-)Aktivierung von connectives (because, when, as, since) und clauses von Bedeutung. Die Lernenden können jeweils allein oder in Zweierteams Teile von Hintergrundinformationen zu Traditionen und Bräuchen erhalten, die sie dann in Gruppen zusammensetzen, um zur kompletten Information zu gelangen. Auf diese Weise entsteht ein information quilt zum Thema, zu dem alle beigetragen haben. Gemeinsam kann daraufhin im Plenum verglichen werden, welche den Schülern bekannten Sitten und Gepflogenheiten dem Thanksgiving-Fest am nächsten kommen oder aber sich völlig unterscheiden. Bei dieser Aktivität werden sowohl die Sensibilität gegenüber den unbewussten Aspekten von Kultur im Sinne des Eisbergmodells als auch die sprachlichen Fertigkeiten der Lernenden gefördert.

Fazit

Die Behandlung von Bräuchen und Traditionen sollte nicht im Sinne eines Landeskundeunterrichts erfolgen, der lediglich den Aspekt des „Wissens über abdeckt. Um interkulturelle Lernprozesse anzuregen, sollten auch die Komponenten der Einstellungen und der (Interpretations- und Analyse-)Fertigkeiten bedacht werden. So kann dieser Themenbereich nicht nur motivierend und anregend, sondern auch gewinnbringend im Englischunterricht eingesetzt werden, und zwar sowohl in sprachlicher als auch in kultureller Hinsicht.

Zuerst veröffentlicht in Praxis Englisch 2/2010

Literatur:

Byram, Michael: Teaching and Assessing Intercultural Communicative Competence. Clevedon: Multilingual Matters 1997


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