Langzeitstudien: Von LAU zu KESS

Lernstandsuntersuchungen in Hamburg

Der Stadtstaat Hamburg gehört zu den Bundesländern, in denen Schülerleistungen langfristig und besonders gründlich evaluiert werden. Dafür stehen die Akro­nyme LAU und KESS. Die beiden flächendeckenden Längsschnittuntersuchungen verfolgen die Entwicklung von Schülerleistungen über die gesamte Schulzeit hinweg.

An dieser Stelle sollen zunächst nur die wichtigsten auf das Fach Englisch bezoge­nen Befunde vorgestellt werden. Eine ausführliche kritische Darstel­lung folgt später.

Profil: Die „Lernausgangsuntersuchung“ LAU

Die erste Untersuchung im Rahmen von LAU fand im September 1996 in der Jahrgangsstufe 5 statt. Anschließend wurde die Studie mit denselben Schülern in zweijährigem Abstand wiederholt – bis zum 13. Schuljahr (2005). Neben den aktuellen Lernständen und der Lernentwicklung in Deutsch und Mathematik sowie – ab Jahrgangsstufe 7 – auch in Englisch sollte die Studie wichtige Hintergrunderkenntnisse liefern. Im Fokus standen dabei drei Bereiche:

  • der Zusammenhang von Sozialstatus und Lernerfolg

  • der Zusammenhang von geschlechts­spezifischen Unterschieden und Lernerfolg

  • die Lernerfolge und -entwicklungen von Schülerinnen und Schülern mit nicht-deutscher Muttersprache

Als Untersuchungsinstrument im Fach Englisch diente bei den LAU-Erhebungen der so genannte C-Test, also ein Text, bei dem jedes vierte Wort zur Hälfte getilgt wird, und der dann entsprechend wiederhergestellt werden soll. Er gilt als valides Instrument zur Ermittlung einer allgemeinen sprachlichen Kompetenz und ist auch ein Bestandteil der bundesweiten DESI-Untersuchung von 2003/4 (Deutsch Englisch Schülerleis­tungenInternational). Als zweiter Testteil wurde ein Hörverstehenstext (bei LAU 11 ein Leseverstehenstext) mit Multiple-Choice-Aufgaben herangezogen.

Zu folgenden Zeitpunkten sind im Rahmen von LAU Daten erhoben worden:

LAU 5: September 1996
LAU 7: September 1998
LAU 9: September 2000
LAU 11: September 2002
LAU 13: März/April 2005

Profil: Die KESS-Studie

Ebenfalls als flächendeckende Langzeituntersuchung angelegt ist die Hamburger KESS-Studie. Das Akronym KESS steht für „Kompetenzen und Ein­stellungen von Schülerinnen und Schülern“. Die Studie wurde im Juni 2003 erstmals durchgeführt, damals am Ende des 4. Schuljahres, und sie wird in ungefähr zweijährigem Abstand mit denselben Schülerinnen und Schülern wiederholt: KESS 7 fand im September 2005 statt, und im Juni 2007 wurde mit KESS 8 die dritte Erhebung durchgeführt. Ziel der Studie ist die Untersuchung der Kompetenzen in den Schulfächern Deutsch, Mathe­matik, Englisch und den Naturwissen­schaften. Darüber hinaus untersucht KESS den Einfluss von Rahmenbedingun­gen wie Schichtzugehörigkeit, Migrations­hinter­grund und Motivation auf die Lernentwicklung.

Im Englisch-Teil bestand KESS 4 aus zwei Hörverstehensteilen mit Multiple-Choice-Aufgaben. KESS 7 setzte sich aus einem C-Test und zwei Leseverstehensaufgaben zusammen, ebenfalls mit Multiple-Choice-Aufgaben. Bei KESS 8 wurde lediglich ein C-Test aus LAU 9 eingesetzt.

Zurzeit laufen die Vor­bereitungen für KESS 9.

KESS 4 – Verstehst du Englisch?

Die Befunde aus KESS 4 belegen, wenn auch mit der durchaus erwarteten Streuung, dass die Schülerinnen und Schüler der Aufgabenstellung gut gewachsen waren, insbesondere in dem neu entwickelten Teil „Verstehst du Englisch?“. Darin wurden den Kindern Fragen aus ihrem Alltag gestellt, wie zum Beispiel „What can you eat?“, „What do cats like to drink?“ oder „Have you got a pair of shoes?“.

KESS 4 – Der Einfluss von Geschlecht, Migrationshintergrund und Sozialstatus auf den Lernerfolg

Zwei Ergebnisse haben überrascht:

  1. Es gibt, im Gegensatz zu Untersuchungen in höheren Jahrgängen, keinen Unterschied zwischen den Leistungen von Jungen und Mädchen.
  1. Im Vergleich zu den Leistungen im Lesen, in Mathematik und den Naturwissenschaften fällt auf, dass im Englisch-Teil kein Unterschied besteht zwischen Kindern, deren Eltern beide in Deutschland geboren wurden, und Kindern mit nur einem in Deutsch­land geborenen Elternteil. Darüber hinaus ist der Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen und der Gruppe mit keinem in Deutschland geborenen Elternteil deutlich geringer (ähnlich wie bei den Orthografie-Leistungen).

Nicht überraschend ist die Tatsache, dass sich der bekannte und mehrfach nachgewiesene Zusammenhang zwischen der Sozialschicht der Eltern und den Schulleistungen der Kinder auch im Englischunterricht bestätigt.

KESS 4 – Unterrichtsführung

In der bei KESS 4 angelegten Lehrerbefragung haben sich aufschluss­reiche Hinweise auf den Unterricht ergeben. So nutzen zum Beispiel 70 Prozent der Befragten regelmäßig englische Bilderbücher, knapp 50 Prozent setzen mindestens einmal wöchentlich Tonträger ein und 30 Prozent der Lehrkräfte gaben an, dass eine Bücherei oder eine Leseecke mit englischsprachigen Büchern vorhanden sei, mit jeweils leichten Vorteilen für stärkere Lerngruppen. Keine Unterschiede zwischen leistungsstärkeren und -schwächeren Klassen lassen sich dagegen bei verschiedenen Organisationsformen wie Partnerarbeit, Gruppenarbeit, Chorsprechen, Klassenteilung oder Unterricht mit der Gesamtklasse feststellen. Andererseits profitieren Klassen erkennbar von einem am Hamburger Grundschulrahmenplan orientierten Unterricht gegenüber einem eigens ausgearbeiteten Jahrgangsstufen- oder Klassenlehrplan.

KESS 7 – Grundschulenglisch ist erfolgreich

Die Befunde von KESS 7 sind in mehrfacher Hinsicht bedeutsam. Vor allem liefern sie denjenigen, die an der Nachhaltigkeit des Englischunterrichts in der Grundschule gezweifelt haben, einen Beleg, dass ihre Skepsis unbegründet ist. In KESS 7 erreichten die Schüler deutlich höhere Leistungen als in LAU 7 – anders als in Deutsch und Mathematik. Der Unterschied kann daher auf den – erst nach LAU 7 verbindlich eingeführten – Englischunterricht in der Grundschule zurückgeführt werden.

KESS 7 – Der Einfluss von Geschlecht, Migrationshintergrund und Sozialstatus auf die Lernentwicklung

Gab es am Ende der 4. Klasse keinen signifikanten Unterschied zwischen Jungen und Mädchen im Fach Englisch (Mittelwert Jungen: 100,5, Mädchen: 101,9), so konnte dieser zu Beginn der 7. Jahrgangsstufe mit einem Mittelwert von 95,8 bei den Jungen im Vergleich zu 104,3 bei den Mädchen nachgewiesen werden.

Erfreulich ist, dass bei Kindern mit einem im Ausland geborenen Elternteil ein größerer Lernzuwachs und sogar etwas bessere Leistungen ermittelt wurden als bei solchen, bei denen kein Elternteil aus dem Ausland kommt. Allerdings bilden Kinder, deren Eltern beide im Ausland geboren sind, das deutliche Schlusslicht.

Nicht überraschend ist wiederum der Nachweis des Zusammenhangs von Sozialstatus und Lernerfolg auch im Englischen. So konnte bei Schülerinnen und Schülern aus Elternhäusern der oberen Dienstklas­se ein Leistungszuwachs von 5,2 Punkten, bei solchen aus Elternhäusern von un- oder angelernten Arbeitern eine Verschlechterung von 2,6 Punkten festgestellt werden jeweils auf die mittleren Leistungswerte.

KESS 7 – Lernentwicklung an den Schulformen

Bei dem Vergleich von LAU 7 mit KESS 7 hat sich die erwartete Lernentwick­lungen nach der Grundschule in den einzelnen Schulformen bestätigt. So wurde eine deut­lich positive Tendenz in den Gymnasien einerseits und eine besonders negative Tendenz in den Haupt- und Realschulen ermittelt.

Für den Englischunterricht förderte das Datenmaterial von KESS 7 im schulformbezogenen Vergleich zu LAU 7 allerdings ein erfreuliches Ergebnis zu Tage: Die erwähnte grundsätzliche Verbesserung ist im Englischen nicht mit einer weiteren Öffnung der Schere zwischen Gymnasien und den übrigen Schulformen ver­bunden. Vielmehr steht der Verbesserung in Gesamtschulen um 13,5 Punkte (in Haupt- und Realschulen um 8,3 Punkte) in Gymnasien eine Steigerung von „nur“ 9,1 Punkten gegenüber. Hier wäre es interessant zu untersuchen, wie es zu einer derart überraschenden Verbesserung bei der Gesamtschulen kommen konnte, die sich so im Fach Mathe­matik und beim Leseverstehen Deutsch nicht ergab. Mögliche Gründe könnten in der besonderen Unterrichtsorganisation der Gesamtschule liegen, wenn der Unterricht in der Regel in den Jahrgangsstufen 5 und 6 noch in heterogenen Lerngruppen erteilt wird, ohne dass eine äußere Differenzierung stattfindet. Auch die damit verbundene Notwendigkeit von koordinierenden gemeinsamen Unterrichtsplanungen könnte eine Erklärung liefern. Schließlich dürften die eingesetzten Unterrichtsmaterialien, insbesondere die benutzten Lehrwerke, einen entscheidenden Einfluss auf diesen Erfolg haben. In den weitaus meisten Hamburger Gesamtschulen wird mit dem Diesterweg-Lehrwerk Notting Hill Gate gearbeitet.

Fazit: Keine Angst vor Langzeitstudien

Die bisherigen Befunde von LAU und KESS zeigen, dass die Hamburger Langzeituntersuchungen im Englischbereich nicht Furcht einflößend sein müssen. Ihr diagnos­tischer Wert wird sich allerdings erst in den Auswirkungen auf den konkreten Unterricht erweisen. Gibt es Aussagen über den Zusammenhang von Unterrichtsstil und Lernerfolg? Wei­sen C-Tests und Multiple-choice-Aufgaben wirklich kommunikatives Können nach? Wie lässt sich sprachproduktive Kompetenz ermitteln, vor allem im mündlichen Bereich?

Mit Sicherheit bleibt für die Verbesserung der Englischleistungen, auch vor dem Hintergrund der ernüchtern­den DESI-Befunde, noch einiges zu tun. Von entscheidender Bedeutung wird dabei auch ein gutes Lehrwerk sein, das mit lernergemäßen Inhalten und Methoden den Schülerinnen und Schüler den Erwerb der Kompetenzen ermöglicht, die in den aktuellen Bildungsplänen auf der Grundlage des Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen gefordert werden.

Literatur:

Beck, B., Klieme, E. (Hrsg.) (2007): Sprachliche Kompetenzen. Konzepte und Messung – DESI-Studie. Weinheim und Basel: Beltz.

Börner, O. (2006): KESS – Eine flächendeckende Untersuchung mündlicher Sprachleistungen im Englischunterricht der Hamburger Grundschulen. In: Schlüter, Norbert (Hrsg.): Fortschritte im Frühen Fremdsprachenunterricht. Ausgewählte Tagungsbeiträge – Weingarten 2004. Berlin: Cornelsen, S. 169-172.

Bos, W. u. a. (2006): Erster Bericht zu den Ergebnissen der Studie „Kompeten­zen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern – Jahrgangsstufe 7“ (KESS 7). Universität Dortmund: Institut für Schulentwicklungsforschung.

Bos, W. und Pietsch, M. (2005): KESS 4. Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern Jahrgangsstufe 4. Hamburg: Bergmann & Sohn.

Europarat (2001): Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen: lernen, lehren, beurteilen. Berlin usw.: Langenscheidt.

Lehmann, R. und Peek, R. (1997): Aspekte der Lernausgangslage von Schülerinnen und Schülern der fünften Klassen an Hamburger Schulen. Hamburg: Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung.

Lehmann, R., Gänsfuß, R. und Peek, R. (1999): Aspekte der Lernausgangslage und der Lernentwicklung von Schülerinnen und Schülern an Hamburger Schulen – Klassenstufe 7. Hamburg: Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung.

Online-Tipp:

Bos, Wilfried u. a. (2007): KESS 7: Vertiefender Bericht. PDF


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