Was ist Lehrwerkforschung? Teil 1/2

Ein Interview mit Prof. Dr. Jürgen Kurtz

Was verstehen Sie eigentlich unter „Lehrwerkforschung“?

Lassen Sie uns zunächst kurz zurückschauen: Die wissenschaftliche Erforschung von Lehrwerken für den Fremdsprachenunterricht begann erst gegen Ende der 1960er Jahre. Im Vordergrund stand dabei die theoriegeleitete Kritik und Analyse damaliger Lehrbücher. Alle weiteren Materialien und Medien, die seinerzeit auch schon zu einem Lehrwerk gehörten, wie zum Beispiel das Schülerarbeitsbuch, die Overhead-Foliensätze, die Audiokassetten oder das Lehrerhandbuch wurden damals zwar durchaus mit in den Blick genommen, im Mittelpunkt des Interesses stand über viele Jahre hinweg jedoch vorrangig das Schülerbuch als Leitmedium des fremdsprachlichen Unterrichts.

In den Erziehungs- bzw. Bildungswissenschaften ist nach wie vor noch von Schulbuchforschung die Rede ist. Allerdings geht es auch hier längst nicht mehr nur um das Schulbuch als Printmedium.

In der Folge wurden in den diversen fremdsprachendidaktischen Disziplinen einige sehr bemerkenswerte Kriterienkataloge zur wissenschaftlich fundierten Lehrbuchkritik bzw. -analyse entwickelt, die letztlich auch für die Hand der Lehrerinnen und Lehrer gedacht waren. Diese sind jedoch so umfangreich ausgefallen, dass sie in der Praxis kaum abzuarbeiten waren.

Welchen Einfluss sie letztlich auf die Beschaffung von Lehrwerken an einzelnen Schulen ausgeübt haben bzw. derzeit vielleicht immer noch haben, lässt sich auf Grund mangelnder wissenschaftlicher Erhebungen und Erkenntnisse hierzu nicht sagen.

Eine zeitgemäße fremdsprachendidaktische Lehrwerkforschung, wie ich sie gegenwärtig an der Justus-Liebig-Universität in Gießen zu etablieren versuche, kann sich meines Erachtens nicht vornehmlich auf das Schülerbuch beschränken. Heutige Lehrwerke sind in der Regel hoch komplexe Medienverbundsysteme, die Sprache, Inhalte, Übungen und Aufgaben multimodal präsentieren. Zusätzlich müssen die vielfältigen gedruckten wie auch die elektronischen Komponenten heutiger Unterrichtswerke in ihrem angedachten und sicherlich noch zu verbesserndem Zusammenspiel fremdsprachendidaktisch unter die Lupe genommen werden.

In diesem Zusammenhang muss dringend untersucht werden, wie Lehrwerke oder einzelne Lehrwerkkomponenten in der Unterrichtspraxis konkret verwendet werden. Erst auf der Grundlage einer derartigen, theorie- und datengestützten Klassenzimmerforschung werden sich wissenschaftlich und handlungspraktisch aussagekräftigere Erkenntnisse generieren lassen, die die Weiterentwicklung oder Neukonzipierung von Lehrwerken substanziell voranbringen können.

Im Kern geht es mir also um das, was ich unlängst als die drei sich gegenseitig stützenden Säulen der modernen Lehrwerkforschung bezeichnet habe:

  1. die Lehrwerkkritik bzw. -analyse,
  2. die Lehrwerkverwendung und
  3. die Lehrwerkentwicklung.

In den unter diesem Text genannten Publikationen aus den Jahren  2010 und 2011 habe ich mich ausführlich damit beschäftigen.

Welche Aspekte der Lehrwerkforschung interessieren Sie persönlich am meisten?

Als Englischdidaktiker interessieren mich im Wesentlichen drei Kernaspekte der Erforschung komplexer Englischlehrwerke:

  1. Unter den Gesichtspunkten der Entstehung und Zulassung befasse ich mich mit Fragen, die die Fundierung, Konzipierung und Ausgestaltung sowie die ministerielle Anerkennung von Englischlehrwerken betreffen. Ich denke, dass es  weiterhin wichtig ist, sich mit Lehrwerken aus historischer Perspektive zu befassen, weil aktuelle Materialien und Medien in der Regel auf einem Mix von älteren und neueren Entwicklungen, Erkenntnissen und Erfahrungen basieren. Ältere Lehrwerke betrachte ich dabei, auch und gerade im Zeitalter der Kompetenz-, Standard- und Testorientierung, keineswegs als „Schnee von gestern“. Mir geht es vielmehr darum, auf aktueller wissenschaftlicher Grundlage herauszufiltern, was es zu bewahren, zu verändern und gegebenenfalls zu verwerfen gilt. Weil die Entstehung und Zulassung von Lehrwerken an vielfältige gesellschafts-, bildungs- und sprachenpolitische, pädagogische, fachdidaktische, fachwissenschaftliche, medientechnologische, medienpädagogische und nicht zuletzt auch unterrichtspraktische Ansprüche und Forderungen gebunden ist, müssen diese sorgfältig analysiert werden.
  2. Der derzeitige Schwerpunkt meiner Forschungsbemühungen liegt nun allerdings auf dem unterrichtlichen Umgang mit dem Englischlehrwerk, seiner konkreten Nutzungoder Verwertung in der facettenreichen Realwelt des Englischunterrichts und den damit verbundenen Wirkungen und Nebenwirkungen. Dies erscheint mir besonders wichtig zu sein. Denn obwohl das Englischlehrwerk in der Sekundarstufe I nach wie vor das Leitmedium des Unterrichts ist, gibt es interessanterweise noch kaum tragfähige empirische Erkenntnisse, wie Englischlehrerinnen und -lehrer mit dem aktuell verfügbaren Materialangebot – in der Englischdidaktik ist in diesem Zusammenhang gelegentlich von einer Materialschwemme die Rede – konkret umgehen.
  3. Fragen der weiteren Verbesserung oder Neuentwicklung von Lehrwerken gliedern sich für mich als Wissenschaftler daran an.
Zu welchen konkreten Fragestellungen forschen Sie aktuell?

Eine theoretisch fundierte Klassenzimmerforschung muss auf Grund der Komplexität aktueller Englischlehrwerke und ihrer Verwendungsbedingungen in überschaubare Projekte untergliedert werden, die wiederum konkreten, gleichermaßen überschaubaren wie handhabbaren Forschungsfragen nachgehen.

In der jüngeren Vergangenheit sind hierzu an der Justus-Liebig-Universität in Gießen bereits eine Reihe von kleineren Praxisforschungsprojekten durchgeführt und von mir betreut worden. So befassten sich einige angehende Englischlehrerinnen und -lehrer, aber auch Masterstudierende, in ihren jeweiligen Abschlussarbeiten  mit speziellen Fragen der Lehrwerkverwendung an allgemeinbildenden Schulen und an Volkshochschulen. Unter anderem ging es dabei um Fragen des lexikalischen, des grammatischen oder auch des interkulturellen Lernens mit einem ganz bestimmten Englischlehrwerk. Größer angelegte Dissertationsprojekte zu diesen und weiteren Bereichen sollen folgen.

Weiterführende Literatur:

Kurtz, Jürgen (2010). Zum Umgang mit dem Lehrwerk im Englischunterricht. In: Fuchs, Eckhardt; Kahlert, Joachim & Sandfuchs, Uwe (Hrsg.) (2010). Schulbuch konkret. Kontexte, Produktion, Unterricht. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 149 – 163.

Kurtz, Jürgen (Koord.) (2011). Lehrwerkkritik, Lehrwerkverwendung, Lehrwerkentwicklung. Tübingen: Narr.


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