Was ist Lehrwerkforschung? Teil 2/2

Teil 2 des  Interviews mit Prof. Dr. Jürgen Kurtz

Den ersten Teil können Sie hier lesen.

Welche Erkenntnisse haben Sie bislang aus Ihrer Lehrwerkforschung gewinnen können?

Die derzeit vorliegenden Fallstudien lassen keinerlei Verallgemeinerungen zu. Es ist jedoch interessant zu sehen, dass das Schülerbuch in der englischunterrichtlichen Alltagspraxis in allen bislang untersuchten Kontexten – in allgemeinbildenden Schulen und in Volkshochschulen – nach wie vor im unterrichtlichen Mittelpunkt steht.

Die Vielzahl der verfügbaren bzw. zusätzlich zu erwerbenden Materialien und Medien wird in den untersuchten Unterrichtskontexten offenbar nicht in Anspruch genommen bzw. ausgeschöpft. Über die Gründe lässt sich bislang nur spekulieren. Ich vermute, dass dies unter anderem auch kostenbedingt ist. Ein komplettes Lehrwerkpaket für eine Jahrgangsstufe, inklusive aller angebotenen gedruckten und digitalen Komponenten, kann heute weit über einhundert  Euro kosten. Wer kann sich das heute noch leisten? Ist es für die Verlage vor diesem Hintergrund weiterhin sinnvoll, nach dem Maximalprinzip zu verfahren, d.h. alles denkbar Mögliche anzubieten?

Wie ordnen Sie Ihre Forschung in die aktuelle internationale Diskussion ein?

Ich sehe mit großem Interesse, dass das Lehrwerk – mehr vielleicht noch der Nutzen und der Umgang mit ihm – derzeit verstärkt über das Internet diskutiert wird. An diesem weltweiten Diskurs beteiligen sich sowohl Unterrichtende als auch Wissenschaftler. In entsprechenden Foren, Blogs und Wikis stehen gegenwärtig zwei größere, durchaus kontrovers diskutierte Initiativen im Mittelpunkt: Dogme ELT und Demand High ELT.

Während Dogme die Bedeutung von Lehrwerken und ihre Verwendung im Unterricht gänzlich infrage stellt, wirft Demand High die Frage auf, ob Lehrwerke – vor allem aber die Lehrkräfte, die mit ihnen tagtäglich umgehen – in allen zentralen Lernbereichen hinreichend fordern und zweckmäßig fördern. Die englischdidaktische Lehrwerkforschung wird sich diesen Diskursen stellen müssen.

In welchen Punkten können aktuelle Lehrwerke für den Fremdsprachenunterricht optimiert werden?

Optimierung kann Vieles bedeuten. Als Beispiel nenne ich „dead-tree textbooks are a thing of the past”, das Motto der Apple™ Worldwide Developers Conference im vergangenen Jahr. Es ist jedoch fraglich, welchen Mehrwert die völlige Abkehr von gedruckten Lehrwerken für das Lehren und Lernen fremder Sprachen haben kann. Auf der diesjährigen didacta in Köln – soweit ich sie diesbezüglich zu überschauen vermag – war zwar nicht von der völligen Abkehr vom Lehrwerk als Printmedium, gleichwohl aber von der Zusammenführung gedruckter und elektronischer Materialen und Medien die Rede.

Ich denke, dass eine Optimierung der bisherigen Englischlehrwerke allein unter technologischen Gesichtspunkten kaum möglich ist. Es muss vielmehr gefragt werden, welche Bedeutung gedruckten oder elektronischen Medien bei der Förderung der diversen fremdsprachlichen und interkulturellen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten zukommen kann – auch und gerade im Zeitalter der Kompetenz- und Standardorientierung

Ein Mehrwert der digitalen Medien liegt sicherlich in ihrer technologisch heutzutage weitgehend unproblematischen Aktualisierbarkeit oder auch vielleicht in ihrem Potenzial, authentische Inhalte relativ einfach zugänglich zu machen. Authentizität ist jedoch ein schillernder Begriff. Häufig wird er einseitig als Gegenteil von Didaktisierung verstanden. Dies ist jedoch so nicht haltbar, da didaktisierte Materialien und Medien eben auch authentisch sind, wenn sie unter dem Gesichtspunkt des Lehrens und Lernens in institutionellen Kontexten betrachtet werden.

Webbasierte, nicht für den Fremdsprachenunterricht erstellte Informationen und Inhalte sind jedenfalls längst noch keine Unterrichtsthemen. Vielmehr müssen sie über geeignete Aufgaben und Aktivitäten für die Lernenden aufgeschlossen werden. Den jeweiligen Lehr- und Lernzielen bzw. Kompetenzerwartungen entsprechend müssen also geeignete didaktisch-methodische Unterstützungssysteme – im weitesten Sinne von scaffolding – entwickelt und bereitgestellt werden. Eine Kernfrage, die sich daraus ergibt, ist die sinnvolle Anordnung und Progression von nicht-didaktisierten und didaktisierten zielsprachlichen Unterrichtsinhalten. Dieses Problem ist derzeit allerdings noch weitgehend ungelöst.

Das nach wie vor größte Problem, dem sich die Lehrwerkforschung stellen muss, ist die Entwicklung von Mündlichkeit im Klassenzimmer. In der internationalen Forschung wird zunehmend hervorgehoben, dass sich alltagstaugliche Sprechhandlungsfähigkeit in einem Fremdsprachenunterricht, der auf eine systematische Vorbereitung im Sinne einer so weit wie möglich antizipierten Planung mithilfe von Lehrwerken setzt, nicht optimal entwickeln lässt. Eine lebendige mündliche Unterrichtsgestaltung erfordert eben mehr als preparationbzw. lesson planning mithilfe von Lehrwerken, auch und gerade, wenn der Unterricht über das Internet „weltweit“ geöffnet werden soll.

Wie können sich Lehrkräfte auf mehr Mündlichkeit im Unterricht vorbereiten?

In der aktuellen internationalen Diskussion geht es – bislang noch recht verschwommen – zunehmend auch um preparedness. Gemeint ist damit das lehrerseitige Vorbereitetsein auf all die Lerngelegenheiten, die sich im Hier und Jetzt der jeweiligen Unterrichtsituation plötzlich ergeben können. Aufschlussreich finde ich in diesem Zusammenhang ein Interview mit Alan Maley, in dem er genau auf diesen Unterschied eingeht.

Ich vertrete seit vielen Jahren die Auffassung, dass der Verlauf einer fremdsprachlichen Unterrichtsstunde oder einer längeren unterrichtlichen Sequenz nur bedingt vorhersehbar ist und von daher auf der unterrichtlichen Interaktionsebene nicht gänzlich durchgeplant werden kann bzw. vorab durchgestylt werden sollte. Interessierte können sich dazu auch gerne in meine Veröffentlichung aus dem Jahr 2011 vertiefen, die unter diesem Text aufgelistet steht.

Den komplexen Anforderungen, die sich hieraus für die Gestaltung moderner, gedruckter wie elektronischer Bildungsmedien ergeben, wird sich die Lehrwerkentwicklung stellen müssen. Die in entsprechenden Internetforen, Blogs und Wikis zunehmend erkennbare, von der fremdsprachendidaktischen Forschung derzeit allerdings noch kaum wahrgenommene Zerrissenheit der weltweiten Lehrerschaft zwischen im Extremfall einerseits Dogme und der Vision eines teaching unplugged sowie andererseits einer weiterhin das Lehrbuch abarbeitenden Grundorientierung ist für die Weiterentwicklung von Lehrwerken von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Im Kern bedeutet dies, dass nach Jahrzehnten der Lernerorientierung in der Theorie des Fremdsprachenunterrichts, die zu einem Zuwachs an qualitativ in der Regel hochwertigen unterrichtlichen Medien und Materialien geführt hat, die Lehrerperspektive verstärkt in den Blick rückt. Damit ist keineswegs eine Abkehr von der Schülerorientierung gemeint, sondern ein gründliches Überdenken der Unterstützungsfunktion moderner Lehrwerke für die Unterrichtenden.

Erste Schritte in Richtung einer digitalen Toolbox für die Lehrenden sind bereits getan, insbesondere im Bereich des Lehren und Lernens der deutschen Sprache als Fremd- oder Zweitsprache. Ich möchte hier jedoch unterstreichen, dass es keineswegs sinnvoll und nützlich wäre, der Vielzahl der derzeit bereits vorhandenen Lehrwerkkomponenten noch weitere hinzuzufügen.

Die Weiterentwicklung der traditionellen Lehrerhandreichungen in Richtung digitaler Unterstützungssysteme sollte letztlich nur als ein erster, sicherlich wertvoller Schritt auf dem Wege zu einem an die jeweiligen unterrichtlichen Verwirklichungsbedingungen anpassbaren didaktisch-methodischen Assistenzsystem sein. Ein solches Unterstützungssystem sollte von den Lernenden wie auch den Lehrenden flexibel genutzt werden können, und zwar im konkreten Hier und Jetzt der jeweiligen, sich ständig im Fluss befindenden, nicht gänzlich vorhersehbaren Unterrichtssituation.

Weiterführende Literatur:

Kurtz, Jürgen (2011). Breaking through the Communicative Cocoon: Improvisation in Secondary School EFL Classrooms. In: Sawyer, R. Keith (ed.) (2011). Structure and Improvisation in Creative Teaching. Cambridge, NY: Cambridge University Press, 131-160.

Thornbury, Scott, and Luke Meddings. (2009). Teaching Unplugged. London: Delta Publications.


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