TEA-Forum: Mündliche Leistungen sinnvoll bewerten

TEA-Forum auf der didacta 2012:

„Etwa 95 Prozent unserer Kommunikation ist mündlich, weshalb der Fokus in unseren Schulen immer mehr zum Sprechen hingehen muss“, fasste Susanne Quandt die diesjährige TEA-Podiumsdiskussion auf der didacta zusammen. Gemeinsam mit  Sanja Wagner und Dr. Ralf Weskamp diskutierte sie über das von Dr. Christa Lohmann moderierte und als „schwierig, weil sehr komplex“ angekündigte Thema „Mündlichkeit differenziert bewerten“. Dass der Umgang mit und die Bewertung von mündlichen Leistungen aktuell ein heißes Eisen ist, zeigte auch die große Zahl der zahlreich anwesenden Lehrkräfte und Interessierten im Publikum.

Schon bald werden mündliche Prüfungen in Niedersachsen wie auch in anderen Bundesländern verbindlich, schon immer fließen mündliche Leistungen in die Benotung ein. „Dass der Frage-Antwort-Stil, der mitunter immer noch praktiziert wird, nicht wirklich förderlich ist, dürfte klar sein. Doch welche Kriterien erlauben eine gerechte, transparente und entwicklungsfördernde Bewertung mündlicher Leistungen im Fremdsprachenunterricht? Wie sollen prüfende Lehrkräfte mit Fehlern umgehen?“, eröffnete Christa Lohmann von The English Academy (TEA) die Runde.

School knowledge und action knowledge

„Zunächst einmal gilt es sich zu vergegenwärtigen, dass es zwei Arten von Fremdsprachenwissen gibt“, betonte die niedersächsische Gesamtschullehrerin Susanne Quandt. Das Ziel von school knowledge-Lernenden sei es, das Sprechen an sich zu trainieren und dabei zu erreichen, sich in diversen Situationen adäquat verständlich zu machen. Im Gegensatz dazu steht action knowledge, bei dem es auf die tatsächliche Anwendung, also auf die Verständigung mit englischen Muttersprachlern, ankommt.

Task achievement vs. task fulfilment

Deswegen sind die Zielstellungen von Schule und Universität auch verschiedene. In der Schule steht das task achievement im Vordergrund. Es geht also darum, eine Fremdsprache zu erlernen. Die sprachlichen Mittel, ihre Struktur (Grammatik) und Vokabeln dienen der Bewältigung von Alltagssituationen, die den Schülern als tasks (Lernaufgaben) vorgegeben werden. Das akademische task fulfilment in der Oberstufe baut darauf auf, fokussiert jedoch stärker die inhaltliche Seite. Gymnasien, die auf ein akademisches Studium vorbereiten, geraten deshalb aktuell zwangsläufig in die Zwickmühle zwischen Form und Funktion: Wie stark geht die Erfüllung inhaltlicher Anforderungen in die Bewertung ein und wie stark wiegt die Beherrschung der Fremdsprache in kommunikativen Situationen?

Bewertung: Nachvollziehbar für alle

„Die vielen Prüfungen und Lernstandserhebungen sind auch ein Problem“, fährt Dr. Ralf Weskamp, der ein Gymnasium in Nordhessen leitet und Mitglied der TEA ist, fort. „Es geht ja vor allem um das Erlernen der mündlichen Sprache. Die Inhalte müssen von Bedeutung sein und wir brauchen ein System, in dem Fehler sinnvoll korrigiert werden und vor allem der Hintergrund der Korrekturen erklärt wird. Die Diesterweg-Lehrwerke geben dazu gute Empfehlungen.“

Der Knackpunkt sei, dass Lehrer wie Schüler meist nur darauf achten, was falsch ist, aber nicht, warum ein Fehler aufgetreten ist. Dem könnten Lehrkräfte Abhilfe leisten, indem sie Aufgaben stellen, deren Zielrichtung sie vorher klar kommuniziert haben. Geht es um flüssiges Sprechen oder geht es um Richtigkeit? „In Projekten kann man beides miteinander verbinden“, erklärt Dr. Weskamp und konkretisiert das an einem Beispiel.

„Die Schüler einer Klasse finden sich zu Paaren zusammen und halten ihrem Partner eine Rede zu einem bestimmten Thema. Derjenige, der nach Meinung des anderen überzeugender war, ‚duelliert‘ sich mit dem besseren Redner eines anderen Paares. Das wird solange durchgeführt bis der überzeugendste Redner gefunden ist, der dann zum Beispiel gegen den besten Redner einer anderen Klasse antritt. Nebenbei erarbeiten die Schüler gemeinsam die Kriterien, die für eine überzeugende Rhetorik notwendig sind und überarbeiten ihre Reden solange, bis sie fehlerfrei sind. Fehlerfreiheit ist ja auch ein Qualitätskennzeichen.“

Lehrkraft und Klasse bewerten

„Und warum sollen nur Lehrer die Bewertungshoheit innehaben?“, stellt Sanja Wagner, Gesamtschullehrerin für Deutsch, Englisch und Gesellschaftslehre aus Hessen, eine Frage in den Raum. „Zum Beispiel haben wir von Anfang an in den Lernkontrollen zu Notting Hill Gate den Vorschlag gemacht, die Überprüfung von mündlichen Leistungen in kleinen Gruppen einzuüben und dabei die Bewertung dem language referee anzuvertrauen. Diese Rolle kann jedes Teammitglied abwechselnd annehmen, nachdem die Bewertungskriterien im Unterricht genau besprochen wurden. Als Grundlage dafür diente uns das norwegische „Bergen Can do Project“.“

Zwei Teilnehmer führen dabei nach bestimmten Vorgaben ein Gespräch. Wie das geht, erklärt ihnen der language monitor und der language referee vermerkt die Leistungen nach seinem Urteil in einer Tabelle. Wenn die Lernenden die Kriterien kennen, kann man diese Tabelle in beliebigen Situationen anwenden, z.B. bei Rollenspielen und Kurzvorträgen Weil jeder jede Rolle annimmt, motivieren sich alle gegenseitig und lernen voneinander. Für Schüler, Lehrkräfte und auch Eltern sind dann die Lernfortschritte einfacher nachzuvollziehen.

Bewertungskriterien dringend notwendig

Wie mündliche Leistungen generell zu benoten sind, scheint nach dieser Podiumsdiskussion noch nicht eindeutig geklärt zu sein. Jedoch wurde die Schaffung allgemein gültiger Kriterien gefordert. Ralf Weskamp schlägt dazu vier Punkte vor, die diesen zur Grundlage gelegt werden können:

  1. Selbstbezug:
    Inwiefern haben sich die Leistungen eines Schülers innerhalb eines bestimmten Zeitraums verbessert?
  2. Standardbezug:
    Inwiefern haben sich diese Leistungen in Bezug auf vorgegebene Kriterien verbessert?
  3. Gruppenbezug:
    Inwiefern haben sich die Leistungen eines Schülers im Vergleich zu seinen Mitschülern verbessert? und
  4. Dynamic assessment:
    Wie viel und welche Art von Hilfe hat der Schüler in Anspruch genommen, um seine Verbesserung zu erreichen?

Fremdsprachenlehrkräfte wie Schülerinnen und Schüler dürften gespannt sein, wie die verbindliche Einführung mündlicher Prüfungen für den mittleren Bildungsabschluss in Niedersachsen umgesetzt und ihre Bewertung aussehen wird.


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