Mündlichkeit im Englischunterricht systematisch und nachhaltig entwickeln

Die systematische Entwicklung des Mündlichen gehört seit mehr als einem Jahrhundert zu den zentralen Aufgaben und den großen Herausforderungen des Englischunterrichts. Entsprechend vielschichtig und abwechslungsreich stellt sich die historische Entwicklung dieses wichtigen Lehr- und Lernsegments dar.

Beginnend mit der grundsätzlichen Aufwertung des Mündlichen im neusprachlichen Reformunterricht (direkte Methode/vermittelnde Methoden) erstreckt sie sich über die kleinschrittige, zumeist eng gesteuerte Gewöhnung an das Hörverstehen und das Sprechen im Sinne eines zunehmend medial gestützten Darbietens, Einschleifens und Anwendens von Sprachstrukturen (audiolinguale/audiovisuelle Methode) bis hin zum heutigen Bemühen um ein schülerorientiertes, nach und nach möglichst selbstreguliertes kommunikatives Sprechhandeln in realitätsnahen Kontexten bzw. in realen oder virtuell realisierten transkulturellen Begegnungssituationen (kommunikativer Ansatz/interkulturelle bzw. transkulturelle Handlungsbefähigung). Rückblickend bleibt zunächst festzuhalten, dass sich die Vorstellung von dem, was unter Mündlichkeit zu verstehen ist und wie das Mündliche im Englischunterricht bestmöglich gefördert werden kann, in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten deutlich verändert hat.

Ausschlaggebend für unsere heutige Sicht auf das Mündliche, seine Bedeutung und systematische Entfaltung im Englischunterricht sind zum einen veränderte Bedürfnisse und Ansprüche an das Lehren und Lernen von Fremdsprachen insgesamt. Diese sind eng an die gesellschaftspolitischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen der letzten Jahre gebunden (postnationale Konfiguration Europas, Globalisierung, Migration, sprachlichkulturelle Diversität und Hybridität u. a.). Unser gegenwärtiges Verständnis von Mündlichkeit und von nachhaltiger mündlicher Handlungsbefähigung im Englischunterricht ist zum anderen aber auch geprägt durch rasante, vor einigen Jahren noch kaum für möglich gehaltene technologische Entwicklungen im Informations- und Kommunikationssektor.

Formen verschrifteter Mündlichkeit in diversen Ausprägungen

Im digitalen Zeitalter beschränkt sich mündliche Kommunikation eben nicht mehr nur auf Face-to-Face-Begegnungen; vielmehr sind zunehmend Formen verschrifteter Mündlichkeit in diversen Ausprägungen zu beobachten, so beispielsweise in E-Mails oder in kurzen Textnachrichten per Telefon. Die englischdidaktische Forschung versucht sich der bemerkenswerten Dynamik dieser hoch komplexen Wandlungsprozesse zu stellen, jedoch gelingt es ihr nur in Teilen, mit dem rasanten und keineswegs geringer werdenden Tempo der Entwicklungen mitzuhalten. Unter Einbeziehung von Forschungsergebnissen aus der internationalen Sprachlehr- und -lernforschung, der Fremdsprachendidaktik, der kognitiven und der pädagogischen Psychologie, der Pädagogik und der angewandten Linguistik lässt sich das Folgende in Bezug auf den systematischen Auf- und Ausbau von Mündlichkeit im Englischunterricht zurzeit vor allem festhalten:

Sprechen und mündliche Interaktion sind für das Fremdsprachenlernen unabdingbar, vor allem wegen der großen Bedeutung des zunehmend eigenständigen, kreativ-flexiblen Formulierens und Artikulierens der Lernenden für den Grammatikerwerb und für das kommunikative Sprachhandeln. Sprechen lässt sich nicht auf die Anwendung von sprachlichem Regelwissen reduzieren. Vielmehr müssen die sprachliche, inhaltliche und zwischenmenschliche Dimension des Mündlichen in Einklang gebracht werden, das heißt mitteilungsbezogenes, situations- und adressatengerechtes Sprechen und Hörverstehen.

Unterrichtsmethodisch gilt dabei nach wie vor der Grundsatz message before accuracy (kommunikatives Paradigma). Eine unsystematische Vermengung von sprachformbezogener und mitteilungsbezogener Kommunikation sollte in diesem Sinne so weit wie möglich vermieden werden, d.h. in mitteilungsbezogenen Unterrichtsphasen ist Fehlertoleranz geboten (zentrales Kriterium: Verständlichkeit der Schüleräußerungen).

Unterrichtsgestaltung ohne Sprechhandlungsdruck

Das Sprechen einer fremden Sprache lässt sich nicht erzwingen. Auch kann das über traditionelle unterrichtliche PPP-Sequenzen (presentation, practice, production) und IRF-Interaktionen (initiation, response, feedback) vom rein reproduktivimitativen über das responsiv-reaktive bis hin zum initiativ-kommunikativen Sprechen nicht optimal entwickelt werden. Es bedarf vielmehr einer abwechslungsreicheren, längerfristig zyklisch angelegten Unterrichtsgestaltung ohne Sprechhandlungsdruck, die es den Lernenden ermöglicht, vielfältige, nicht lediglich fremdbestimmte Kommunikationserfahrungen zu sammeln.

Dies kann gut gelingen, wenn kontextualisierte (ggf. auch bilingual angelegte) vorkommunikative Sprechübungen und aufforderungsstarke information and opinion gap activities mit komplexeren Spielen, Rollenspielen, Simulationen, Improvisationen, Diskussionen, Projekten in eine sinnvolle unterrichtliche Reihung gebracht werden. Dem Konzept der Aufgabenorientierung kommt vor diesem Hintergrund – als Gegenentwurf zur vorwiegend linearen Organisation der Lehr- und Lernprozesse – eine zukunftsweisende Bedeutung zu.

Blickt man auf die Geschichte des Englischunterrichts in Deutschland zurück, die durch zahlreiche Pendelschläge zwischen den eingangs kurz zusammengefassten didaktisch-methodischen Großkonzeptionen gekennzeichnet ist, so lässt sich daraus lernen, dass sich die optimale Entwicklung von Mündlichkeit im Englischunterricht nicht im Sinne einer ‚Entweder-oder-Logik‘ begreifen lässt.

Es bedarf stattdessen einer ausgewogenen Unterrichtsgestaltung im Sinne einer ‚Sowohl-als-auch-Logik‘. Strukturiertes, anfangs enger geführtes Sprachhandeln muss – den Fähigkeiten und Bedürfnissen der Lernenden entsprechend – mit offenerem, in Teilen improvisierendem mündlichen Handeln in Einklang gebracht werden. Entsprechende Unterrichtsempfehlungen und konkrete Unterrichtsbeispiele liegen hierzu mittlerweile vor (vgl. beispielsweise Kurtz 2011; Stichwort: Improvisation ‚Bus Stop‘).

Eine sorgfältige, vom Hörverstehen (Hördiskriminierungsvermögen) bzw. vom Zuhören unter Aufmerksamkeitsschwerpunkten ausgehende Schulung der Aussprache ist unverzichtbar. Dies gilt insbesondere für den Anfangsunterricht in der Grundschule. Da hier der Grundstein für die gesamte weitere zielsprachliche Entwicklung gelegt wird, bedarf es geeigneter, durchaus auch drillartig angelegter und medial sinnvoll gestützter Übungs- und Spielformen, insbesondere in denjenigen Bereichen der Aussprache und Intonation, die sich von den Mutter- bzw. den Herkunftssprachen der Lernenden deutlich unterscheiden. Im weiterführenden und im fortgeschrittenen Unterricht sollte die Ausspracheschulung dagegen wesentlich stärker anlassbezogen-integrativ erfolgen, d. h. sie sollte unaufdringlich in das unterrichtliche Geschehen eingebunden werden.

Die (nicht nur) für die Ausspracheschulung wichtige Frage, welche fremdsprachliche Norm in den Vordergrund zu stellen ist, wird derzeit intensiv diskutiert. Galt etwa im Englischunterricht vor einigen Jahren noch Received Pronunciation (RP) als der einzige allgemein anerkannte Standard, so werden heute weiter gefasste (sprech-)sprachliche Standards akzeptiert; in der Regel Standardvarietäten des British und des American English.

Seit einiger Zeit wird überdies darüber nachgedacht, sich vom Konzept der muttersprachlichen Standards (bzw. der Modified Standards) als Zielvorstellung zu lösen und stattdessen Englisch als Weltsprache (Verständlichkeit als oberstes Kriterium) in den Vordergrund zu stellen. Dieser Ansatz ist jedoch keineswegs unumstritten. Fremdsprachenunterrichtlich (Bildungspläne, Lehrwerke, Handlungspraxis) ist er bislang noch von geringer Bedeutung.

Bei aller notwendigen Unterrichtsplanung muss die mündliche Ausdrucksfähigkeit der Lernenden in der Zielsprache Englisch letztendlich im Hier und Jetzt der Unterrichtsstunde kollektiv, individuell und vor allem auch differenziert entwickelt werden. Dazu bedarf es eines geübten didaktischen Blicks für die sich im konkreten Unterrichtsverlauf spontan ergebenden Lerngelegenheiten, eines präzisen kommunikativen Timings sowie einer hohen zielsprachlichen Beweglichkeit der Lehrperson.

Vier Aufmerksamkeitsschwerpunkte hinsichtlich der mündlichen Beiträge der Schülerinnen und Schüler in der Alltagspraxis des Englischunterrichts sind dabei grundsätzlich zu berücksichtigen:

  • Sprachrichtigkeit (accuracy)
  • Flüssigkeit (fluency)
  • Ausdruckskomplexität (complexity of learner utterances) sowie
  • situative Angemessenheit (contextual appropriateness of learner contributions).

Der Erwartungshorizont der Lehrkraft sollte bezüglich dieser gleichermaßen wichtigen Facetten von Mündlichkeit aufgefächert sein, vor allem auch bei der Lernstandserhebung sowie der Bewertung und Benotung von mündlichen Leistungen der Schülerinnen und Schüler im Englischunterricht.

In der heutigen Zeit, die geprägt ist von standardisierten Kompetenzerwartungen, welche in den entsprechenden Verlautbarungen der Regel als niveaustufenbezogene can-do statements verfasst sind, empfiehlt es sich zudem, die derzeit verfügbaren technischen Möglichkeiten der Aufzeichnung von mündlichen Äußerungen in Betracht zu ziehen, um der Spezifik des Mündlichen, das heißt. dessen Flüchtigkeit, zu begegnen. Mündliche Schüleräußerungen lassen sich hinsichtlich der oben genannten vier Aufmerksamkeitsbereiche wesentlich differenzierter und letztlich in der Tendenz auch gerechter beurteilen und benoten, wenn sie gelegentlich aufgezeichnet und mehrmals gehört werden. Auch hierzu sind die technischen Möglichkeiten längst vorhanden.

Literatur

Hüllen, Werner (2005): Kleine Geschichte des Fremdsprachenlernens. Berlin: Schmidt.
Kurtz, Jürgen (2001): Improvisierendes Sprechen im Fremdsprachenunterricht. Tübingen: Narr.
Kurtz, Jürgen (2008): Sprechhandlungsfähigkeit entwickeln. In: Grundschulmagazin Englisch 3, 6 – 9.
Kurtz, Jürgen (2010): Sprechen und Aussprache. In: Hallet, Wolfgang & Königs, Frank G. (2010) (Hrsg.): Handbuch Fremdsprachendidaktik. eelze-Velber: Klett-Kallmeyer, 87 – 92.
Kurtz, Jürgen (2011): Breaking through the Communicative Cocoon: Improvisation in Secondary School EFL Classrooms. In: Sawyer, R. Keith (ed.) (2011): Structure and Improvisation in Creative Teaching. Cambridge, NY: Cambridge University Press, 131 – 160.
Luoma, Sari (2004): Assessing Speaking. Cambridge: Cambridge University Press.
Vollmer, Helmut J. (1998): Sprechen und Gesprächsführung. In: Timm, Johannes-Peter (Hrsg.): Englisch lernen und lehren. Berlin: Cornelsen, 237 – 249.

weitere Literaturhinweise

Küppers, A., Schmidt, T., Walter, M., (Hrsg. 2011): Inszenierungen im Fremdsprachenunterricht. Grundlagen, Formen, Perspektiven.
Braunschweig: Schroedel, Diesterweg, Klinkhardt (= Unterrichts-Perspektiven Fremdsprachen).

Bildquellen

  • PantherMedia 19378140: PantherMedia GmbH (panthermedia.net), München/Monkeybusiness Images

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