The Power of Play

Vorstellungskraft und Theaterspielen als wirkungsvolle Lernbegleiter:

Wer hat nicht schon vor einer wichtigen Begegnung  – z. B. einem Job-Interview, der Frage nach einem Sonderurlaub oder aber dem Krisengespräch mit der Schwiegermutter – die Gesprächssituation antizipiert und versucht, sich im Geiste darauf vorzubereiten und die Worte dafür zurechtzulegen? Nicht selten wird das Badezimmer zum Schauplatz für diese sehr privaten Dramatisierungen, denn der Blick in den Spiegel gewährt ja bekanntlich einen stets ungeschminkten Eindruck vom eigenen Gesamtkunstwerk, mithin auch von der Außenperspektive auf die bevorstehende eigene kleine Hauptrolle. Wir alle wissen „All the world’s a stage“ – aber dass der englische Barde aus Stratford upon Avon ahnte, welche atemberaubende Entwicklung seine Welt der Bühne im globalisierten Zeitalter von Internet, Web 2.0, YouTube und Smartphone nehmen würde, darf getrost bezweifelt werden.  Halt, nein! Wer auch immer der kreative Geist gewesen sein mag, der die zahlreichen Manuskripte verfasste, die als Theaterstücke Shakespeares im Globe Theater ihre Debüts feierten, dieser kreative Kopf muss vor allen Dingen über eines im Übermaß verfügt haben: Vorstellungskraft und Fantasie!

Imaginationen in Alltag und Unterricht

Vorstellungskräfte sind in unserem Denken und Handeln stets am Wirken, sie setzen die äußere mit der inneren Wirklichkeit in Beziehung und dienen nicht nur als Erinnerungs- und Erfahrungsspeicher, sondern auch als Planungsinstrument und Handlungsbegleiter (vgl. Fauser 1999:7). Ähnlich wie Vorurteile strukturieren Vorstellungen unsere Wahrnehmung, indem sie selektieren und komplexe Sachverhalte vereinfachen. Da wir uns Dinge, Räume und Situationen vorstellen können, die real nicht existieren, befeuern Imaginationen die künstlerische Schaffenskraft, können aber auch zu Wahnvorstellungen und Angstzuständen führen. Für die musisch-künstlerischen Schulfächer sind Fantasie und Vorstellungen seit je her konstituierend, aber auch andere schulische Fächer haben mittlerweile die Bedeutung der verschiedenen Spielarten der Imagination für das schulische Lernen erkannt. Kreatives Schreiben und kreative Verfahren haben eine lange Tradition in der Schreibdidaktik und auch für den Fremdsprachenunterricht gab es immer wieder Konzepte, die sich auf die positive Wirkung der Vorstellungskraft beim Sprachenlernen beriefen und spielerische Elemente, Textdramatisierungen und kreative Aufgaben in ihren Ansätzen integrierten (vgl. Schewe 2007). Für den Englischunterricht forderte Hans-Eberhard Piepho seit den 1970er Jahren schematische Unterrichtsabläufe aufzubrechen und jenseits von Sprachdrill und reproduktiven Übungsphasen Szenarien zu entwickeln, die es den Lernenden ermöglichen, echte Kommunikationsabsichten zu realisieren (vgl. Piepho 2003).

Fremdsprachenlernen inszenieren

Piephos „Szenariendidaktik“ findet eine systematische Weiterentwicklung in der Dramapädagogik, die sich inzwischen als eigenständiger Ansatz innerhalb der Fremdsprachendidaktik etabliert hat und kooperativen Unterricht mit Handlungsorientierung und ästhetischem Lernen verbindet. Zentrales Prinzip der Dramapädagogik ist  das „So-tun-als-ob“, wodurch die Unterrichtsrealität fiktionalisiert wird und Lernen zu einer Erfahrung werden kann, die im Hier und Jetzt verankert ist. Dadurch werden einerseits die Vorstellungskräfte der Lernenden konsequent für den Lernprozess genutzt. Andererseits schult die dramapädagogische Arbeit ganz explizit Fähigkeiten wie Fantasie entwickeln und kreatives Denken, also Aspekte schulischen Lernens, die im Post-Pisa Zeitalter und im Zuge des Paradigmenwechsels hin zu einer Orientierung an messbaren Kompetenzen weiter marginalisiert zu werden drohen. Eingebettet in eine reflexive Didaktik kann schulisches Lernen im Dramaprozess so inszeniert werden, dass ganzheitliche Bildungsprozesse möglich sind und neben dem Erwerb von Sachwissen auch ein Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung der Lernenden geleistet werden kann. Eine Übersicht über aktuelle Inszenierungsformen an Schulen und Hochschulen zeigt, dass Theatermethoden und Dramakonventionen mittlerweile in vielfältiger Weise im Bereich des Fremdsprachenlernens nutzbar gemacht werden (vgl. Küppers, Schmidt & Walter 2011). So wird die Dramapädagogik nicht nur als durchgängiges Unterrichtsprinzip verwendet, sondern auch in der Vorbereitung auf Bühnenaufführungen, für szenische Interpretationen von Prosatexten, audiovisuelle Interpretationen für das Internet,  das interkulturelle Lernen oder in der Fremdsprachenlehrerausbildung.  Interessanterweise ist trotz kompetenzorientierter Wende festzustellen, dass ausgewählte Übungen aus dem Bereich des Theaters und der Bühne wie z.B. der populäre „Hot Chair“ oder das Standbild das traditionelle Methodenspektrum des Fremdsprachenunterrichts längst bereichert haben und einzelne Dramakonventionen als Aufgabenvorschläge mittlerweile in Textbüchern der neuen Lehrwerksgeneration zu finden sind.

Mediale Inszenierung, Performance und Theaterwissenschaft

Vom Augenaufschlag bis zur politischen Großveranstaltung: Kleine Dramatisierungen und große Inszenierungen gehören zum Alltag – so wie griechische Tragödien zum Theater. Die zunehmende Technologisierung und die immer unübersichtlicher werdende Medienlandschaft hat dabei vor allen Dingen eins bewirkt: Im Inszenierungsraum Internet verschwimmen die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, und die Möglichkeiten sich selbst (mit anderen) „in Szene“ zu setzen sind nicht nur einfacher, sondern gleichzeitig auch vielseitiger geworden. Die digitale Bühne birgt einerseits Gefahren, die nicht zu unterschätzen sind, andererseits eröffnet sie aber gerade auch dem schulischen Lernen faszinierende Räume, in denen sich Kreativität und Fantasie entfalten können. Die Begriffe „Inszenierung“ und „Performance“ haben – nicht nur – im Zuge der technischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte eine schwungvolle Bedeutungserweiterung erfahren, indem sie die Welt der Kunst, des Tanzes und Theaters verlassen haben und mittlerweile in allen Bereiche des gesellschaftlichen Lebens sei es der Politik, der Wirtschaft, des Sportes oder der Freizeit beheimatet sind. Politiker „inszenieren sich“ in den Medien und Sportler liefern eine „gute Performance“ ab.

Mit der Dramapädagogik, die sich traditionell der Elemente aus dem Theater und der Bühnenarbeit für schulisches Lernen bedient, die sich aber auch den neuen Medien öffnet, hat sich nun weithin unbemerkt eine neue Bezugswissenschaft der Fremdsprachendidaktik und -forschung genähert: die Theaterwissenschaft. Sie bringt mit dem Konzept der Performativität ein alternatives Wissenschaftsmodell in die Fremdsprachendidaktik ein, die sich ja traditionell stark an der Linguistik und der Literaturwissenschaft orientiert und nach deren Verständnis Sprache vor allem als Text modelliert wird. Der sperrige Begriff der Performativität, der sich ableitet aus der Performance im ursprünglichen Sinne einer Aufführung, hat eine lange Tradition im Bereich der bildenden Künste und des (Tanz-) Theaters, ist aber seit etlichen Jahrzehnten auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften wirksam, um die Theatralität des Alltags zu beschreiben und zu erforschen. Sprache ist aus der performativen Sichtweise der Künste lediglich ein (kleiner) Teil eines komplexen Handlungsgefüges, so dass es in der Logik dieses Wissenschaftsverständnisses darum geht den Ereignischarakter von Phänomenen in der Kunst, der Geschichte oder Pädagogik zu ergründen. Nicht ein Kunstwerk, ein Text oder ein Produkt stehen dabei im Zentrum des Erkenntnisinteresses, sondern das soziale Ereignis, der Prozess sowie die emotionalen Wirkungen auf die Beteiligten bzw. deren mentale Transformationen.

Theaterspielen und seine Wirkung

Durch die Betonung der Ganzheitlichkeit und damit auch Körperlichkeit von Sprache als Performance kann die Fremdsprachendidaktik in mehrfacher Hinsicht von den Modellen und Erkenntnissen der Theaterwissenschaft profitieren. In einer Schwerpunktausgabe (No. 1/2012) zum Thema „Theatermethoden und Fremdsprachenforschung“ der frei zugänglichen Online-Zeitschrift SCENARIO. Journal for Theatre and Drama in Foreign and Second Language Education wurden Erkenntnisse wichtiger Studien aus dem Bereich der Theaterarbeit zusammengetragen und in ihrer Relevanz für das Fremdsprachenlernen und die Fremdsprachenforschung diskutiert (vgl. Küppers & Walter 2012). So zeigen innovative Projekte aus dem Bereich des Deutschen als Zweitsprache, wie z.B. das Hamburger TheaterSprachCamp oder das Tübinger Sprachcamp wie durch Theaterarbeit ganz gezielt das Niveau der Bildungssprache gehoben werden kann. Ebenfalls aufschlussreich sind die Ergebnisse einer Longitudinalstudie, die sich mit der Frage beschäftigt hat, welche Wirkung das Theaterspielen auf die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen hat. Die positiven Wirkungen z.B. im Bereich der Extraversion, der Offenheit und Aufgeschlossenheit sowie der Empathie und Bereitschaft Perspektiven zu übernehmen treffen sich mit den Forderungen an den Fremdsprachenunterricht interkulturelle Kompetenzen zu entwickeln – eine Zielformulierung, die seit zwei Jahrzehnten im Zentrum akademischer Diskurse und wissenschaftlicher Theoriebildung steht, mit deren Umsetzung die Lehrenden an den Schulen aber weitgehend alleine gelassen werden, weil es kaum brauchbare Aufgabensammlungen für das interkulturelle Lernen gibt, geschweige denn entsprechende Testverfahren. Die große, von der EU geförderte internationale DICE-Studie (Drama Improves Lisbon Key Competences in Education 2010) bestätigt die Wirkung der Longitudinalstudie im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung von Schülern und hier wiederum in Facetten, die den interkulturellen Kompetenzen zuzuschreiben sind: Lernende, die Theater spielen, sind Minderheiten und Fremden gegenüber toleranter, sie zeigen mehr Empathie für und sorgen sich stärker um andere, verändern leichter ihre Perspektiven und sind aktivere Bürger.

Fragen und Perspektiven

Beide oben genannten Studien zur Wirkung von Theaterarbeit auf die Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen liefern aber auch empirische Anhaltspunkte, die neben all den positiven Wirkungen auch Anlass für die eher kritische Vermutung sind, dass das schulische Theaterspielen ähnlich wie der Bilinguale Unterricht ein sogenanntes Enrichment-Programm für besonders leistungsstarke Schüler sein könnte. Denn ist das Theaterangebot an den Schulen freiwillig, so scheinen sich hier die motivierten, neugierigen, offenen und leistungsbereiten Lernenden zu treffen. Die BAG-Studie zum Interkulturellen Theater (vgl. Hoffmann & Klose 2008) bestätigt zudem, dass das Fach Darstellendes Spiel vor allen Dingen an den Gymnasien fest verankert ist. In der Konsequenz dieser Beobachtung käme dem Fremdsprachenunterricht eine neue Rolle zu. Denn die Integration von Theatermethoden in einem Pflichtfachbereich wie dem Kernfach Englisch könnte Lernenden aus bildungsbenachteiligten Schichten einen Zugang zu ästhetischen Lernprozessen eröffnen und damit eine Teilhabe an kultureller Bildung ermöglichen, von der diese Jugendlichen in aller Regel im Alltag ausgeschlossen sind.

Fazit

Ob sich Shakespeares Kreativität auch in der verrückten Welt der digitalen Bühne entfesselt hätte, in der sich Protagonisten mit Zwei-und Mehrfachidentitäten durch ein Second Life twittern, bleibt der Vorstellungskraft der Leser überlassen. Ohne viel Fantasie ist sicherlich das Potenzial auszumachen, dass in der Verbindung der Dramapädagogik, den neuen Medien und der Theaterwissenschaft mit dem Fremdsprachenlernen liegt und das noch längst nicht hinreichend ergründet wurde.

Literatur

DICE Consortium (Hrsg.): The DICE has been cast. Research findings and recommendations on educational theatre and drama. Budapest: European Commission.

Fauser, Peter: Was ist ‚Imaginatives Lernen’? In: Pädagogik, Jg. 51, 1999, H7-8, S. 6 – 9.

Hoffmann, Klaus & Rainer Klose (Hrsg.): Theater Interkulturell. Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Berlin: Schribi Verlag, 2008

Küppers, Almut; Torben Schmidt & Maik Walter (Hrsg.): Inszenierung im  Fremdsprachenunterricht: Grundlagen, Formen, Perspektiven. Braunschweig und Bad Heilbrunn: Diesterweg, Klinkhardt, 2011

Küppers, Almut & Maik Walter: Theatermethoden auf dem Prüfstand der Forschung. Einführung in die Themenausgabe „Theatermethoden und Fremdsprachenforschung“ In:SCENARIO. Journal for Drama and Theatre in Foreign and Second Language Education, 1/2012

Piepho, Hans-Eberhard: Lerneraktivierung im Fremdsprachenunterricht. „Szenarien“ in Theorie und Praxis. Hannover und Bad Heilbrunn: Schroedel, Klinkhardt, 2003

Schewe, Manfred: Drama und Theater in der Fremd- und Zweitsprachenlehre – Blick zurück nach vorn. In: Scenario, 1 , 2007.


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