Schule für das 21. Jahrhundert: Ein radikaler Wandel im Bildungswesen ist unerlässlich

Andreas Schleicher, weltbekannt geworden durch seine internationalen PISA-Studien, hat mit den Vergleichsdaten den Ländern einen Spiegel über die Effektivität ihres Bildungswesen vorgehalten. In Deutschland gilt er vor allem als der Auslöser des sogenannten PISA-Schocks.

In seinem neuen Buch „Weltklasse, Schule für das 21. Jahrhundert gestalten“ legt Schleicher keine neuen Zahlen und Daten vor, sondern interpretiert seine und andere Untersuchungen. Daraus zieht der Autor Folgerungen für den Einzelnen, die Gesellschaft und die Politik im Zeitalter der Digitalisierung und Globalisierung. Ohne radikale Umkehr im Bildungs- und Schulwesen hat die Menschheit nur geringe Chancen, das Wohlbefinden des Einzelnen, den Wohlstand in der Gesellschaft und Gerechtigkeit zu erhalten respektive zu gestalten. Dies umfasst auch die Minderung der krassen Ungleichheit zwischen Arm und Reich.

Schleicher kommt nicht als moralische Instanz daher. Er bleibt seinem naturwissenschaftlich-sachlichen Duktus verpflichtet. Denn er weiß sehr wohl, dass er keiner Regierung Vorschriften machen kann. Stattdessen präsentiert der Autor Vergleiche: Er stellt dar, dass und wie einzelne Nationen ihr Schulwesen verändert und dadurch ein neues gesellschaftliches Bewusstsein geschaffen haben, etwa in dem Abschnitt „Was zeichnet leistungsstarke Schulsysteme aus?“. Die Verantwortung liegt bei dem Einzelnen, den Kommunen, der Gesellschaft, den Ländern. Die Rolle der Regierung sieht er darin, ein Leitbild für das Lernen im 21. Jahrhundert zu entwickeln.

Bildungsreformen ermöglichen

Um Bildungsreformen zu ermöglichen, gibt er Einsicht in die Wege und Ziele erfolgreicher leistungsstarker Schulsysteme. Folgende Faktoren spielen dabei unter anderem eine große Rolle:

  • Bildung und Erziehung müssen Priorität genießen.
  • Das Vertrauen und Zutrauen in die Lernfähigkeit jedes Einzelnen ist die Bedingung dafür, dass nachweislich alle ein hohes Leistungsniveau erreichen können.
  • Ein hohes Anspruchsniveau ist ausschlaggebend.
  • Hervorragende Lehrkräfte müssen gewonnen und als unabhängige, verantwortungsvolle Profis behandelt werden.
  • ein richtiges Maß an Schulautonomie finden
  • professionelle statt administrative Rechenschaftspflicht
  • Sinnvolle Ausgaben sind wichtiger als höhere Ausgaben.

Mit Vorurteilen aufräumen – Schleicher nennt sie Bildungsmythen

Sozialbenachteiligte

In allen Ländern, die an PISA teilgenommen haben, ist der Zusammenhang zwischen dem sozialen Hintergrund der Schüler sowie der Schule und den Leistungserfolgen festzustellen, was für alle an Schule Beteiligten eine große Herausforderung darstellt. Da Kinder aus ähnlichen sozialen Verhältnissen sehr unterschiedliche Ergebnisse erzielen, je nachdem, in welchem Land sie leben oder welche Schule sie besuchen, ist die Schlussfolgerung richtig, dass schlechte Noten sozial benachteiligter Schüler nicht unvermeidlich sind. Offensichtlich sind Länder, in denen sozial benachteiligte Schüler Erfolg haben, in der Lage, soziale Ungleichheiten, wenn nicht aufzuheben, so doch abzuschwächen. (Linksammlung zu Schulleistungsstudien: https://www.the-english-academy.de/links/)

Migranten

Ähnlich verhält es sich mit dem Vorurteil, dass es schwer bis unmöglich sei, Kinder mit Migrationshintergrund den Einheimischen vergleichbar zu fördern und zu integrieren. Auch hier können die internationalen Vergleichsdaten diesen Mythos entlarven. Denn Schüler mit identischem Migrationshintergrund schneiden in verschiedenen Ländern ganz unterschiedlich ab. Dies heißt, dass Bildungspolitik und Schulpraxis über erhebliche Möglichkeiten verfügen, das Potenzial von Migrantenkindern auszuschöpfen.

Kleine Klassen

Kleine Klassen sind nicht automatisch der Garant für bessere Leistungen. Selbst die GEW – als Arbeitsplatzgewerkschaft – hat diese Feststellung schon vor längerer Zeit treffen müssen. Schleicher bestätigt, dass in den am besten abschneidenden Bildungssystemen der Qualität der Lehrkräfte Vorrang vor der Klassengröße gegeben wird.

Begabung

Heinrich Roth hat schon 1969 mit dem Vorurteil aufzuräumen versucht, indem er dem statischen Begriff der Begabung den dynamischen des Begabens gegenübergestellt hat. Roth hat damit vielen Lehrkräften Mut gemacht, Kinder zum Lernen zu motivieren. In den Studien, die Schleicher in diesem Zusammenhang auswertet, tritt die angeblich angeborene Intelligenz hinter Anstrengung zurück. Eines der schlüssigsten Ergebnisse, heißt es, ist, dass Schüler dort, wo sie für ihren schulischen Erfolg hart arbeiten müssen, praktisch durchgehend hohe Leistungsstandards erfüllen. Schulen sollten anerkennen, „dass alle Kinder hohen Lern- und Leistungsanforderungen genügen können, wenn sie sich anstrengen und genügend gefördert werden.“ (63)

Selektion        

Es muss an dieser Stelle wiederholt werden, was aus den früheren PISA-Studien längst bekannt ist. Keines der Länder, die Kinder nach ihren Fähigkeiten auf verschiedene Schulen oder in verschiedene Klassen aufteilen, gehört zu den Schulsystemen mit dem höchsten Anteil an besonders leistungsstarken Schülern. Die Bildungssysteme schneiden am besten ab, die allen Kindern und Jugendlichen gleiche Lernmöglichkeiten bieten. Durch die Kosten schulischen Versagens, die in der BRD freilich nie berechnet worden sind, ist es sozial nicht nur „ungerecht, sondern auch wirtschaftlich höchst ineffizient, Schulsysteme auf der Basis von Exklusion zu organisieren.“ (69)

Schüler auf ihre Zukunft vorbereiten
Unterricht

Unter veränderten Rahmenbedingungen müssen die Jugendlichen heutzutage nicht nur lernen, sondern Gelerntes auch wieder verlernen und auf neue Anforderungen hin umlernen.

Die Unterrichtspraxis muss eine reflektierende werden, damit die Lernenden eine kritische Haltung einnehmen und verschiedene Perspektiven ausprobieren können – den „reflective practitioner“ hatte Christoph Edelhoff für den Englischunterricht gefordert. Wo kreatives Problemlösen gefragt ist, wird Auswendiglernen obsolet. Anders ausgedrückt ist die Wiedergabe konzeptionellen Wissens ungenügend, wenn Kenntnisse in neuen Situationen kreativ anzuwenden sind. Unterricht muss dazu beitragen, dass Schüler sich auf raschen Wandel einstellen. Es gilt, sich auf Arbeitsplätze vorbereiten, die es noch nicht gibt, gesellschaftliche Herausforderungen bewältigen, die derzeit noch unvorstellbar sind, und Wissensgebiete zusammenführen sowie Ideen miteinander verknüpfen, die vorher in keinem Zusammenhang standen. Das Stichwort dazu ist Antizipation. Diese wiederum, so Schleicher, mobilisiere kognitive Kompetenzen.

Kompetenzen

Als positive Reaktion auf verschiedene internationale Vergleichsuntersuchungen hat die KMK seinerzeit Bildungsstandards, wenn auch schulartspezifische, entwickelt. Diese fordern nicht nur kognitive, sondern auch soziale und emotionale Kompetenzen und die Beherrschung eines breiten Methodenrepertoires. Kognitive, soziale und emotionale Resilienz spielt auch in der „Weltklasse“ eine große Rolle und das Methodenrepertoire, das in den Standards auf die Fächer zugeschnitten wird, erscheint bei Schleicher fächerübergreifend als

  • Denkmethoden: Kreativität, kritisches Denken, Problemlöse- und Urteilsfähigkeit
  • Arbeitsmethoden: Kommunikation und Kooperation
  • Arbeitsinstrumente: das Potenzial neuer Technologien

Als übergeordnetes Ziel muss es Schulen heute vor allem darum gehen, dass die Jugendlichen die Fähigkeit entwickeln, in unserer in jeder Hinsicht durch Vielfalt geprägten Welt als aktiver und verantwortungsbewusster Mensch zu leben.

Fächer

In unserer komplexer gewordenen Welt spielt fächerübergreifendes Arbeiten eine größere Rolle als das Einzelfach, erhalten Zusammen- und Teamarbeit mehr Gewicht als die Einzelarbeit. Das in Unterricht und Schule auf- und auszubauen kann nur gelingen, wenn die entsprechenden Kompetenzen in Leistungsrückmeldungen auch anerkannt und gewürdigt werden.

Schleicher plädiert dafür, die Schule und mit ihr die Lernenden aus ihrer bisherigen Isolation herauszuholen und sie in Kontakt treten zu lassen mit ihrem Umfeld, mit allen in ihrer Umgebung existierenden Institutionen und komplexe Lernbereiche zu schaffen. Der Fachbezug geht damit zwangsläufig in eine Projektorientierung ein. Selbstverständlich bedarf es für diese Art der Arbeit individualisierender und differenzierender Lehr- und Lernverfahren, wie sie in den gängigen Didaktiken seit Jahren längst diskutiert werden, seit keine Schule mehr davor die Augen verschließen kann, dass heterogene Lerngruppen der Normalfall des Lernen geworden sind. Weniger akzeptiert ist hingegen die Forderung, selbst die Unterrichtsinhalte an den Interessen und Fähigkeiten der Lernenden auszurichten. Noch problematischer ist die Bereitschaft der Lehrkräfte, das Lernen von überkommenen Konventionen zu befreien, um das Potenzial der neuen Technologien zu nutzen.

Schule

Dass verändertes Lernen im und für das 21. Jahrhundert eine veränderte Institution Schule braucht, ist geradezu banal. Die Forderungen nach einer Schule, die gestaltet statt verwaltet, sind so alt die Veröffentlichungen von Hellmut Becker (1956) oder Thomas Ellwein (1969), die damals vor allem in Hessen die Diskussion über die Qualität von Schule in Gang gesetzt haben. Wer die Jugendlichen zu Partnerschaftlichkeit und Teamarbeit erziehen will, für den ist eine hierarchisch strukturierte Schule ein kontraproduktives Umfeld. Lehrkräfte und Schulleitungen müssen ebenso umdenken wie die Schulbehörden, die den Fokus auf die Bedingungen für gelingende Unterrichtsgestaltung richten müssen statt auf Schulmanagement. Und an die Stelle von Qualitätskontrolle tritt zunehmend die Qualitätssicherung.

Englischunterricht

Das Folgende ist der Versuch, die von Andreas Schleicher allgemein und übergreifend gehaltenen möglichen Antworten und Reaktionen auf künftige Herausforderungen für Schule und Bildung auf die Ebene eines Faches – hier den Englischunterricht – herunterzubrechen. Da Unterricht sehr unterschiedlich und vielfältig gestaltet wird, können Analysen im Hinblick auf ein Lehrwerk verlässlicher und konkreter an Schleichers Leitlinien gemessen werden.

Language and Communication         

Alle Kinder und Jugendlichen lernen heutzutage in der BRD zumindest Englisch, eine Sprache, die als lingua franca eine fast weitweite Verständigung ermöglicht und Schleichers globale Erziehung untermauert. Damit sind Sprachen generell eine gute Voraussetzung, um in der international vernetzten Welt zu kommunizieren. Gute Lehrwerke wie Notting Hill Gate oder Camden Market legen deshalb großen Wert auf communicative competence und den Vorrang der Mündlichkeit im Unterricht.

Grammar and Vocabulary

Auswendiglernen ist nach Schleicher obsolet. Deshalb werden in progressiven Lehrwerken auch keine Grammatikregeln mehr memoriert, sondern über das Verfahren der detective grammar sollen die Lernenden sprachliche Strukturen selbst entdecken und dadurch ihr Textverständnis vertiefen. Das Gelernte wird im Transfer auf andere Texte geübt und behalten. Eine grammatische Progression, die sich die meisten Lehrkräfte noch wünschen, braucht deshalb nicht mehr die Grundlage eines Textes zu sein. Dieser soll sich vielmehr an herausfordernden Inhalten orientieren.

Auch die Wortschatzarbeit kann und sollte neue Wege gehen und zunehmend auf die englisch-deutsche Abgleichung verzichten. Wörter über Definitionen zu erschließen ist schon deshalb besser, weil sie einsprachig erfolgt. Sehr hilfreich sind chunks, die das zu lernende Wort in formelhafte Wendungen integriert. Noch besser ist die kontextuelle Einbettung, so wie Schleicher das kontextuelle Lernen propagiert, die ebenso Transfer übt wie sie Textverständnis vertieft und durch die wiederholte und variierende Anwendung auch Behaltenseffekte erzielt.

Projects and Tasks

Die aufsteigenden Jahrgangsbände der genannten Lehrwerke ermöglichen am Ende jeder Unterrichtseinheit projektorientiertes Arbeiten, auch eine Priorität in dem besprochenen Buch. Ein Thema wird erarbeitet, zu dem alle unter verschiedenen inhaltlichen Aspekten und unter Berücksichtigung dessen, was die Einzelnen leisten können, beitragen. Das Ergebnis wird als Gruppenleistung abschließend präsentiert.

Die in der Englischdidaktik viel diskutierten tasks, die Eingang in die genannten und andere Englischlehrwerke gefunden haben, entsprechen genau der Devise Schleichers:Schüler auf ihre Zukunft vorbereiten, nicht auf unsere Vergangenheit.“ Es handelt sich um Aufgabenstellungen, die inhaltlich mit den Lernenden abgesprochen werden, die die Jugendlichen herausfordern, an real existierenden Problemen arbeiten und in die Zukunft weisende Lösungen erbringen.

International and Bilingual Learning

Schleicher fordert dazu auf, das Potenzial der modernen Technologien zu nutzen. Denn diese seien für den Englischunterricht eine Riesenchance, zumal viele Funktionen längst zum Einsatz kommen. Über E-Mail und andere Projekte werden internationale Kontakte geknüpft, Länder übergreifende Themen im co-working bearbeitet und internationaler Austausch angebahnt. Genau hier erfüllt das Englische seine lingua-franca-Funktion.

An fächerübergreifenden Projekten im klassischen Sinn kann sich das Englische nicht beteiligen, weil dies zwar ein Unterrichtsfach, aber zugleich ein Kommunikationsmedium ist. Seine klassische Rolle findet es im bilingualen Unterricht. Da Sprachen in der aufzubauenden Europäischen Union ein wichtiger Faktor des gegenseitigen Verstehens ist, hat die europäische Union bereits in den 1990er-Jahren die Länder aufgefordert, Fremdsprachen in der Grundschule und bilingualen Unterricht in der Sekundarstufe einzuführen. Hier wird der Englischunterricht seiner Zukunft weisenden Rolle in der globalen Gesellschaft gerecht.

Fazit

Wenn es denn zulässig ist, aus den Darlegungen Schleichers einen Appell an die für Unterricht und Schule Verantwortlichen herauszufiltern, dann könnte er lauten: Habt mehr Vertrauen in die Entwicklungspotenziale der Schüler und fordert sie mit höheren Ansprüchen mehr heraus.


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