Schulstrukturreform: Gymnasium

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Ein Interview mit Dr. Ralf Weskamp im Sommer 2013

Die gesetzlichen, gesellschaftlichen und pädagogischen Anforderungen an die Institution Schule wachsen stetig. Welche Aufgabe soll sie erfüllen und wie wird sie ihr gerecht? Bereits seit Jahren befindet sich das deutsche Bildungssystem im Fokus unzähliger Diskussionen, Reformen werden beschlossen, bestehende Schulformen in Fragen gestellt, neue ins Leben gerufen. Dr. Ralf Weskamp, Mitglied von The English Academy und selbst Schulleiter eines hessischen Gymnasiums, stand Rede und Antwort, welche Rolle Gymnasien in der aktuellen Debatte um Schulneugründungen übernehmen.

 

Was halten Sie von einer neuen Schulstrukturdebatte?

John Hattie, dessen Name jetzt in aller Munde ist, riet bereits im Mai dieses Jahres der Bildungspolitik im Rahmen eines Zeit-Interviews, keine großen Strukturreformen zu beginnen. Dem möchte ich uneingeschränkt zustimmen, insbesondere, was das Gymnasium angeht.

Schauen wir uns doch dazu einige Zahlen aus „meinem“ Bundesland Hessen an. Im Jahre 2000 besuchten etwa 43 Prozent der Sekundarstufe-I-Schüler ein Gymnasium, 2012 waren es bereits 52 Prozent. Die daraus resultierende, größere Heterogenität hat sich offenbar nicht als Problem erwiesen. Denn: der Anteil der Abiturienten ist in der gleichen Zeit um 32 Prozent gestiegen. Studien zeigen zudem, dass die Abiturdurchschnittsnote nach wie vor ein sicherer Indikator für den Studienerfolg ist. Wenn wir also über Schulneugründungen sprechen, dann sollten wir überlegen, warum das Gymnasium so beliebt ist.

Glauben Sie, dass Gymnasien erfolgreicher sind als andere Schulformen?

Es existieren hervorragende Gesamtschulen, Realschulen und Hauptschulen ebenso wie hervorragende Gymnasien. Umgekehrt gibt es auch schlechte Beispiele in allen Schulformen. Häufig werden die Fähigkeiten der Lehrkräfte als Grund angegeben. Das stimmt aber nur zum Teil. Ich glaube, dass das Gymnasium gegenüber den anderen Schulformen einen Vorteil hat, nämlich seinen bildungstheoretischen Kern, der das Ziel dieser Schulform klar beschreibt.

Das Gymnasium bereitet zwar auf Universität und Beruf vor, so wie dies andere Schulformen auch tun, aber es will mehr. Es geht ihm heute wie damals um nichts Geringeres als die Universalbildung des Bürgers, der dadurch überhaupt erst zurgesellschaftlichen Einflussnahme befähigt wird. Diese alte Idee der Aufklärung setzen gute Gymnasien immer wieder neu um. Sie gibt den Lehrkräften, aber auch den Schülern eine gemeinsame Richtung. Den anderen Schulformen fehlt ein solcher Kern weitgehend.

Was bedeutet dies für Schulneugründungen?

Neue Schulen brauchen eine klare Zielrichtung. Sie müssen sich von Anfang an die Frage stellen, was sie bei den ihnen anvertrauten jungen Menschen bewirken möchten, welche Zukunft sie für das Individuum und die Gesellschaft vor Augen haben. Hier kann man vom Gymnasium lernen, aber natürlich auch von anderen Konzeptionen, wie beispielsweise der Montessori-Pädagogik.

Im Zentrum sollte jedoch unabhängig von der Schulform der Gedanke stehen, dass Schulen nicht primär dazu sind, Menschen für etwas auszubilden, zum Beispiel für einen Beruf, sondern dass sie ihnen Wege eröffnen, sich selbst zu bilden und ihre Interessen und Begabungen zu leben.

Wie kann „normaler“ Unterricht dazu beitragen, wie Schülerinnen und Schüler ihre Zukunftswege beschreiten?

Jeder Fachunterricht spricht unterschiedliche Interessen und Begabungen an. Ob er bildungswirksam wird, liegt nicht zuletzt an der Lehrkraft. Da bin ich wieder ganz bei Hattie. Daneben braucht es jedoch übergreifende Lernformen, die in der Schule auch gelebt werden. Die Schülerinnen und Schüler schlüpfen hier in besondere Rollen, in denen sie agieren: Forscher, Musiker, Entdeckungsreisender, Ökonomen in Schülerfirmen, Helfer für Mitschüler, Schauspieler.

Und wie sieht das speziell für den Englischunterricht aus?

Im Englischunterricht ist vielleicht in besonderem Maße ein Blick auf das gymnasiale Bildungsideal notwendig. Wir denken bei der Gestaltung von Aufgaben viel zu sehr an Kompetenzen: hören, sprechen, lesen, schreiben. Das ist sicherlich wichtig. Doch Bildung geschieht an Inhalten. Gerade im aktuellen aufgabenbasierten Englischunterricht fehlt diese Diskussion vollständig.

Ich empfehle, dass wir den Englischunterricht stärker in Richtung bilinguales Lernenentwickeln, dass wir Themen in den Mittelpunkt stellen, dass wir Schüler in die Themenwahl einbeziehen und dass wir sie die Ergebnisse nicht nur in der Klasse, sondern, wann immer möglich, öffentlich präsentieren lassen. Sprachliches Lernen geschieht dann ganz automatisch, auch was die Richtigkeit angeht: Denn wer will sich schon bei einer öffentlichen Präsentation blamieren?


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