Sündhafte Verstöße: Über den Umgang mit Fehlern

5 Leitsätze für den produktiven Umgang mit Fehlern

Seien Sie viel gelassener
im Umgang mit Fehlern. Das rät Prof. Dr. Konrad Schröder Lehrern im Gespräch über Sprachrichtigkeit und kommunikative Kompetenz.
Das Interview

Besser kommunizieren können
ist das entscheidende Kriterium im Englischunterricht, betont Otfried Börner im Gespräch über Sprachrichtigkeit und das Üben in heterogenen Lerngruppen.
Das Interview

Fehler gehören zum Lernen. Das zu akzeptieren, fällt gerade Fremdsprachenlehrern schwer. Fehler gelten als Regelverstöße und seien somit zu vermeiden. Gefragt sind Gelassenheit und Sprachkompetenz.

Seriöse, umfassende und kritische Sichtungen der Forschungsergebnisse zum Lernen von Fremdsprachen bestätigen, dass alle Lerner durch ein Tal der Fehler, eine unumgängliche Phase der Entwicklungsfehler müssen. Dies trifft für Lerner der Muttersprache, einer natürlichen Zweitsprache und – im schulischen Bereich – einer Fremdsprache zu. Der Grund: Das Gehirn organisiert das überaus komplexe System einer Sprache gemäß interner Prinzipien in einer gewissen Stufenfolge.

Diese Stufenfolge wird individuell unterschiedlich schnell durchlaufen. Für den Lehrer ist entscheidend, dass sie durch den Unterricht nicht verändert werden kann (Diehl u.a. 2000). Das Insistieren auf bestimmten Formen kann sogar kontraproduktiv sein (Pienemann 2006). Gelernte grammatische Konstruktionen, wie intensiv sie auch geübt worden sind, werden nur dann produktiv, wenn sie der augenblicklich anstehenden Stufe entsprechen. Andernfalls wird das Gelernte relativ schnell wieder vergessen.

Korrekturen helfen nicht

Korrektur von außen ist wirkungslos, solange sich der Lerner die „Regel“ nicht selbst konstruieren konnte. Das zeigen alle Untersuchungen zur Wirkung von Korrektur (vgl. Bleyhl 1984, Übersicht zuletzt in Krashen 2009).

Die Frage ist, weshalb sich die Fremdsprachenlehrer so schwer tun, diesen – im Grunde täglich in der Schule erlebten – Sachverhalt anzuerkennen. Weshalb meinen sie immer noch, es liege primär an ihrem Unterricht, wenn die Schüler die gelernte Sprache nicht fehlerfrei gebrauchen? Zeigen sich die Schüler resistent gegen Berichtigungen, müssen die Lehrer dies der „Dummheit“ der Schüler zuschreiben, um ihr eigenes Ego vor dem Gefühl des Versagens zu schützen.

Der Fehler als Sünde

Jeder „Fehler“ ist ein Verstoß gegen eine Regel, und Regel steht für Ordnung. Ein Verstoß gegen die Ordnung ist identisch mit einem Auftreten des Bösen. Ein Fehler ist mithin, mit der Bezeichnung von Brooks aus behavioristischen Zeiten, „a sin“, eine Sünde.

Ein solches – unbewusstes – Verständnis leitet sich aus altem urchristlichen, gnostischen Denken ab. Dieses aus verschiedensten altorientalischen, jüdischen, griechischen und weiteren Quellen schöpfende Denken schlägt sich herum mit dem Dualismus zwischen Gottheit und Materie, zwischen Gut und Böse, wobei das Göttliche die Ordnung, das Teuflische das Chaotische ist. Es weiß um das Böse als Teil der menschlichen Natur, der conditio humana. Das Gute, die Ordnung muss etwa durch strenge Gebote, genaue Regeln und abgesteckte Pfade geschützt werden. Dem Bösen darf kein Zutritt gewährt werden. Freiheit ist der Gegenpol, das Tor des Bösen.

Es ist schon auffällig, wie mächtig dieses Denken heute noch ist. Ist es etwas immanent Menschliches? Gerade im Fremdsprachenunterricht lässt sich beobachten, wie sehr vor allem unsichere Lehrer (existenzielle?) Angst haben, ihren Schülern Freiheiten einzuräumen. Man stellt stattdessen ein präzises Curriculum auf und nimmt das Lehrbuch durch – den Garant der Ordnung. Man achtet auf die Einhaltung der Grammatik-Regeln (früher waren die Verstöße gegen sie die Doppelfehler) und zeigt durch abgestimmte Texte und Übungen genau den einzuschlagenden Weg. Die Schüler bekommen, meist recht bewusst, zu spüren, wann sie Fehler begangen haben. Eher unbewusst merken sie, dass sie „gesündigt“ haben.

Diesem landläufigen Denken liegen unter anderem folgende Missverständnisse zugrunde:

  1. Die Dynamik von Sprache als Sprache wird nicht gesehen. Sprache wird als ein festgefügtes System verstanden.
  2. Das Wesen, die Substanz dieses Systems liege in der Abstraktion, in dem, was die Tradition als Grammatik versteht. Doch spätestens seit der philosophischen Schule der Phänomenologie* etwa eines Edmund Husserl ist es Konsens der Denker, dass die Substanz nicht im theoretisch Allgemeinen, sondern in der jeweils individuellen Realisation einer Sache bzw. für Fremdsprachenlehrer in einer Sprachäußerung liegt. Die methodische Konsequenz daraus ist: „Zu den Sachen!“, zurück zum jeweils situativen Gebrauch, wie es charakteristisch ist für den Erstspracherwerb, den natürlichen Zweitspracherwerb und den bilingualen Sachfachunterricht, der mit seinem primären Fokus auf Inhalte, wie sie für die Welt relevant sind, gegenüber dem traditionellen Unterricht viel erfolgreicher ist.
  3. Die Schulgrammatik sei das Maß aller Dinge. Doch durch die moderne Korpuslinguistik (z.B. Biber et al. 1999, Carter and McCarthy 2006, Mukherjee 2008) ist die traditionelle Schulgrammatik zwar nicht komplett falsifiziert, aber in ihrer Angemessenheit sehr eingeschränkt und als Kriterium für Richtigkeit weitgehend fraglich worden.
  4. Sprachformale Korrektur sei eine Hauptaufgabe des Lehrers. Diese ist aber ineffektiv (vgl. Krashen 2009) und emotional sogar oft kontraproduktiv. Erfährt der Lerner dagegen Sprache in der Interaktion mit Rückmeldungen in kürzeren Abständen als drei Sekunden (vgl. Bleyhl 2009), mit sprachkompetenten Experten, die anhand von Inhalten simultan Sprachformen und auch die relevanten Informationen dazu anbieten, bzw. sammelt der Lerner viel Erfahrung durch eigenes Hören und Lesen, so organisiert sich Sprache im Lerner optimal.
Lehrer sollten geistiges Wachstum fördern

Die Rolle des Lehrers ist nicht die des Ordnungshüters, sondern die des Förderers von geistigem Wachstum. Eine Voraussetzung dafür ist der angemessene Gebrauch von Sprache als Werkzeug des Denkens und der Kommunikation. Diesen angemessenen Gebrauch muss jeder Lerner „vor Ort“, d.h. im Umgang mit Sachen und Mitmenschen selbst entdecken. Er muss – meist unbewusst – seine Hypothesen bilden und testen können und dabei seine Fehler machen dürfen. Lehrer brauchen somit dreierlei:

  1. Sprachkompetenz für einen einsprachigen Unterricht
  2. Gelassenheit gegenüber Fehlern und
  3. Wissen um die Spracherwerbsfolgen als stabiles Fundament für diese Gelassenheit.

zuerst veröffentlicht in Praxis Englisch 3/2009

Der Grundsatzartikel zum Thema: Werner Bleyhl (2001): Leistung und Leistungsbeurteilung. In: Christoph Edelhoff (Hrsg.): Neue Wege im Fremdsprachenunterricht. Perspektiven Englisch Heft 1. Braunschweig: Diesterweg


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