Universal Design for Learning

Ein tragfähiges Konzept für den (inklusiven) Englischunterricht? 

Universal Design for Learning (UDL) hat seinen Ursprung in der Architektur – konzipiert in den 1970er-Jahren von Ron Mace (Center for Universal Design, 1997) mit dem Ziel, bauliche Strukturen zu erschaffen, die einer großen Anzahl von Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen deren Nutzung ermöglichen, und zwar ohne die Notwendigkeit, im Nachhinein Anpassungen vorzunehmen, zum Beispiel automatische Türen für Rollstuhlfahrer, aber auch Menschen mit Rollatoren, Kinderwagen oder Menschen, deren Kraft nicht ausreicht, eine mitunter schwere Tür allein aufzustemmen, oder diejenigen, die in beiden Händen Einkaufstaschen halten. Nicht nur diejenigen mit Einschränkungen profitieren von der baulichen Struktur, sondern alle Nutzerinnen und Nutzer können sie selbstständig nutzen, auf der Grundlage ihres entsprechenden universellen Designs.

Übertragen auf den Bereich der Bildung wurde Universal Design weiterentwickelt zu Universal Design for Learning. Darunter verstehen wir einen Rahmen, der die Lernbedürfnisse aller Schülerinnen und Schüler durch bewusste, proaktive und reflektierende Anweisungen und Interaktionen unterstützt (CAST 2018). Universal Design for Learning (UDL) wurde unter anderem vom Entwicklungs- und Neuropsychologen David Rose entwickelt und beinhaltet drei Prinzipien des Lernens, bei denen drei kortikale Netzwerke des Gehirns von nahezu allen Lerner/innen aktiviert werden (s. auch Rose & Meyer 2002, Krause & Kuhl 2018).

Barrierefreie Lernumgebung, die alle Lernenden unterstützt

Das Ziel von UDL ist die Ermöglichung einer barrierefreien Lernumgebung, die alle Lernenden unterstützt, damit diese selbst Verantwortung für ihr eigenes Lernen übernehmen können (Gauvreau et al. 2019). Insofern ist das Konzept im Fremdsprachenunterricht eng mit dem der Lernerautonomie verbunden. Bei Lernprozessen bedeutsam sind laut Rose und Meyer (2002) drei kortikale Netzwerke des Gehirns: Wahrnehmungsnetzwerke, strategische und affektive Netzwerke (Hall et al. 2012):

  • Wahrnehmungsnetzwerke ermöglichen die Wahrnehmung und das Verständnis von Konzepten, Ideen und Informationen.
  • Strategische Netzwerke determinieren die Organisation und den Austausch von Ideen, mit anderen Worten vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten etwa bei der Präsentation und Darstellung eigener Lernergebnisse sowie in Hinblick auf exekutive Funktionen die Anwendung von Strategien zur Steuerung kognitiver Verarbeitungsprozesse von Informationen (Krause & Kuhl 2018).
  • Affektive Netzwerke schließlich betonen die Notwendigkeit, das Engagement und die Motivation aller Lernenden sicherzustellen (Timpe-Laughlin & Laughlin 2018).

Ihr Interesse, ihre Motivation und ihr Durchhaltevermögen wird gefördert unter anderem durch das Setzen von Lernzielen, durch die Unterstützung ihrer Selbstwirksamkeit, Selbstregulation und Selbstmanagement. Hierbei ist eine Feedbackkultur von besonderer Bedeutung für die Entwicklung eines positiven Selbstbildes (Krause & Kuhl 2018).

Strategien und Prinzipien von UDL

Dieser Überblick über die drei Typen von Strategien wird mit den entsprechenden UDL-Prinzipien vervollständigt (CAST 2018). Die Prinzipien finden Anwendung in sehr unterschiedlichen Bildungsbereichen, von der frühkindlichen Erziehung über inklusive Lernkontexte bis hin zum Hochschulwesen.

Wahrnehmungsnetzwerke: Darstellung und Erläuterung 

  • UDL-Prinzip: Anbieten von multiplen Möglichkeiten der Darstellung von Informationen
  • Beispiele: Verwenden von Optionen für geschriebene/gesprochene Sprache, Videos, audiovisuelle Darstellung, Einsatz von (assistiver) Technologie wie Spracherkennung, Mutlimediatools

Strategische Netzwerke: Handeln und Ausdruck

  • UDL-Prinzip: Anbieten von multiplen Möglichkeiten zur Verarbeitung von Informationen und Darstellung von Lernergebnissen
  • Beispiele: kollaborative Methoden, diverse Präsentationen von Ergebnissen (Text, Audio, Video), Zulassen von szenischer Darstellung, Realia, Bildkarten etc., Einbezug von (assistiven) Technologien und Tools

Affektive Netzwerke: Engagement und Beteiligung

  • UDL-Prinzip: Anbieten von mutliplen Möglichkeiten zur Förderung und Aufrechterhaltung von Motivation im Lernprozess, Förderung der Selbstwirksamkeit
  • Beispiele: Auswahl von Themenbereichen den Lernenden überlassen, wertschätzende und angstfreie Fehler- und Korrekturkultur, Formulierung von Lernzielen durch die Lernenden, konstruktives Feedback durch Lehrkräfte und Peers, Assessment for Learning

Vorlieben, Interessen, Lernausgangslagen und -bedürfnisse

Wie kann man die Prinzipien und Leitlinien des UDL auf den (inklusiven) Englischunterricht übertragen? Ist Universal Design for Learning ein tragfähiges Konzept für den Englischunterricht? Das Ziel von UDL kann auch für den Englischunterricht formuliert werden, nämlich die Anwendung der Prinzipien von UDL als Leitlinien für das Curriculumdesign und die Unterrichtsplanung, um lernförderliche fremdsprachliche Lernumgebungen für alle Lernenden zu schaffen. Dabei ist es im Englischunterricht wie in allen Fächern wichtig, die Lernenden und ihre Vorlieben, Interessen, Lernausgangslagen und spezifischen Lernbedürfnisse etc. zu kennen.

Timpe-Laughlin und Laughlin (2018, S. 167) weisen zu Recht darauf hin, dass diese Kenntnis über die individuellen Merkmale der Lernenden eine Grundvoraussetzung für die Anwendung der UDL-Prinzipien ist. Die UDL-Prinzipien werden mittels weiterer Checkpunkte inhaltlich kategorisiert, wobei es bei der Unterrichtsplanung nicht darauf ankommt, alle Punkte auf der Checkliste in jeder Unterrichtsstunde zu bedenken und in der Unterrichtsplanung zu berücksichtigen. Vielmehr sollen die Checkpunkte eine Orientierung bieten und können mit anderen fremdsprachendidaktischen Zugängen flexibel kombiniert werden.

Ein Beispiel aus dem aufgabenorientierten Englischunterricht der 8. Klasse verdeutlicht das. Die Lernenden sollen das Thema „National Parks in the US“ bearbeiten:

  • Purpose: Die Lernenden sollen aus unterschiedlichen Materialien zu einem National Park ihrer Wahl Informationen entnehmen, zusammentragen und vor Kleingruppen die wichtigsten Informationen präsentieren können. Auf Basis des Lehrwerkstexts, Internetseiten, GoogleMaps, Videos, Podcasts etc. (=> Anbieten von multiplen Möglichkeiten der Darstellung von Informationen) stellen die Lernenden Informationen über einen Park ihrer Wahl  (=> Anbieten von multiplen Möglichkeiten zur Förderung und Aufrechterhaltung von Motivation im Lernprozess, Förderung der Selbstwirksamkeit) zusammen in Form von kurzen Posterpräsentationen, Videoclips, Flyern, Podcasts etc. (=> Anbieten von multiplen Möglichkeiten zur Verarbeitung von Informationen und Darstellung von Lernergebnissen).  
  • Product: Mögliche Produkte der Präsentation sind Poster, Videoclips, Soundfiles, Flyer o.ä.
  • Procedure: Nach einem Advance organizer als Einführung mit Visualisierung plus verbaler Einführung werden die Erwartungen an das Produkt formuliert. Die Kriterien für eine gute Präsentation werden zusammen erarbeitet  (=> Anbieten von multiplen Möglichkeiten zur Förderung und Aufrechterhaltung von Motivation im Lernprozess, Förderung der Selbstwirksamkeit), bevor die Gruppen an dem gewählten Nationalpark individuell oder in Teams arbeiten. Sie tragen Informationen aus den unterschiedlichen Quellen (mit unterschiedlichen Modalitäten, => Anbieten von multiplen Möglichkeiten der Darstellung von Informationen) zusammen (=> Anbieten von multiplen Möglichkeiten zur Verarbeitung von Informationen und Darstellung von Lernergebnissen). Die Gruppen einigen sich auf eine Präsentationsform (=> Anbieten von multiplen Möglichkeiten zur Verarbeitung von Informationen und Darstellung von Lernergebnissen) und bereiten diese vor sowie üben die Präsentation ein. In Kleingruppen stellen sich die Gruppen ihre Ergebnisse gegenseitig vor, die Zuhörer/innen erhalten ein Feedbacksheet mit den zuvor erarbeiteten Kriterien und erhalten je nach Bedürfnis Peer feedback und / oder Feedback von der Lehrkraft Wahl  (=> Anbieten von multiplen Möglichkeiten zur Förderung und Aufrechterhaltung von Motivation im Lernprozess, Förderung der Selbstwirksamkeit).

An dieser Stelle ist nur eine grobe Darstellung der UDL-Prinzipien auf der Grundlage einer nicht näher beschriebenen fiktiven Lerngruppe möglich. Anpassungen innerhalb der Unterrichtsplanung für die Bedürfnisse, Interessenlagen einzelner Lernender lassen sich in einer detaillierten Planung berücksichtigen. Ebenso können die UDL-Prinzipien viel kleinteiliger anhand der Checkpoints beachtet und umgesetzt werden, etwa bei der Beschreibung des Gruppenproduktes: Vary the methods for response and navigation, Optimize access to tools and assistive technology, Use multiple media for communication, Use multiple tools for construction and composition, Optimize individual choice and autonomy, Foster collaboration and community etc., s. CAST 2018). Es wird jedoch deutlich, dass die Prinzipien von Universal Design for Learning hilfreich sind. Denn sie ermöglichen das Lernen an einem gemeinsamen Gegenstand (Feuser 2011) im Englischunterricht mit einem einzigen flexibel angepassten Gerüst für die Unterrichtsplanung, die für die gesamte Lerngruppe effektiv ist.

Literatur

CAST (=Center for Applied Special Technology) (2018). Universal Design for Learning Guidelines Version 2.2. Abgerufen von: http://udlguidelines.cast.org

Center for Universal Design (1997). Environments and products for all people. Raleigh: North Carolina State University, Center for Universal Design. Abgerufen von: https://projects.ncsu.edu/ncsu/design/cud/about_us/usronmace.htm.

Feuser, Georg (2011). Entwicklungslogische Didaktik. In: Kaiser, Astrid, Schmetz, Dietmar, Wachtel, Peter & Werner, Birgit (Hrsg.). Didaktik und Unterricht. Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik. Stuttgart: Kohlhammer, 86-100.

Gauvreau, Ariane N., Lohmann, Marla J. & Hovey, Katrina A. (2019). Using a Universal Design for Learning framework to provide multiple means of representation in the early childhood classroom. The Journal of Special Education Apprenticeship 8(1), ISSN 2167-3454.

Hall, Tracey E., Meyer, Anne & Rose, David H. (2012). Universal Design for Learning in the classroom: Practical applications. New York: Guilford Press.

Kieran, Laura & Anderson, Christine (2019). Connecting Universal Design for Learning with culturally responsive teaching. Education and Urban Society 51(9), 1202-1216. DOI: 10.1177/0013124518785012.  

Krause, Katharina & Kuhl, Jan (2018). Was ist guter Fachunterricht? Qualitätsverständnis, Prinzipien und Rahmenkonzeption. In: Roters, Bianca, Gerlach, David & Eßer, Susanne (Hrsg.). Inklusiver Englischunterricht. Impulse zur Unterrichtsentwicklung aus fachdidaktischer und sonderpädagogischer Perspektive. Münster: Waxmann, 175-195.

Rose, David H. & Meyer, Anne (2002). Teaching every student in the digital age: Universal design for learning. Alexandria, VA: Association for Supervision and Curriculum Development.

Timpe-Laughlin, Veronika & Laughlin, Michael (2018). Universal Design for Learning.  Review and recommendations for EFL instruction. In: Roters, Bianca, Gerlach, David & Eßer, Susanne (Hrsg.). Inklusiver Englischunterricht. Impulse zur Unterrichtsentwicklung aus fachdidaktischer und sonderpädagogischer Perspektive. Münster: Waxmann, 161-173.

Bildquellen

  • Shutterstock.com: Anson0618

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