Unterrichtsvideos zur Kompetenzentwicklung

Unterrichtsvideos zeigen Wege zur Kompetenzentwicklung im Englischunterricht auf:

Die TEA-Beiräte Prof. Dr. Marita Schocker und Prof. Dr. Andreas Müller-Hartmann entwickelten im Auftrag des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) gemeinsam mit 16 Lehrkräften unterschiedlicher Schulformen und Bundesländer Lernaufgaben zur Kompetenzschulung im Englischunterricht. Alle Aufgaben wurden in den Klassenzimmern erprobt, weiterentwickelt und gefilmt. Über 100 videografierte Unterrichtsstunden veranschaulichen Strategien zur Kompetenzschulung unter Berücksichtigung der Kontextgebundenheit von Lehr-Lernprozessen. Im Interview erläutern die Klassenraumforscher, was Unterrichtsvideos für die Lehrerbildung und Unterrichtsentwicklung leisten können.

Ihr Lehrbuch enthält die umfangreichste Sammlung an Unterrichtsvideos, die in Deutschland bislang publiziert wurde. Was kann ein Film, was ein Fachtext nicht kann?

Marita Schocker: „Fachtexte sind oft abstrakt. In ihnen ist zwar häufig von einem kompetenz- und lernerorientierten Lehren die Rede und auf einer theoretischen Ebene herrscht schnell Einigkeit darüber, was guten Unterricht ausmacht. Aber konkret zu sehen, wie guter Unterricht unter ganz alltäglichen Rahmenbedingungen mit 30 Schülern auf Englisch gelingen kann, ist etwas ganz anderes. In meinen Augen kann man sich nur qualifiziert über Möglichkeiten der Kompetenzentwicklung verständigen, wenn man Pädagogen in ihren Klassen konkret erlebt. Vom Wissen zum Handeln ist es meist ein weiter Weg, ebenso wie von einer guten Lernaufgabe zu einem guten Vermitteln dieser Aufgabe im Unterricht. Die Videos ermöglichen es, sich anschaulich und konkret über angemessene Lehrstrategien zu verständigen.“

Werden Unterrichtsvideos in Deutschland bislang zu zögerlich für die Lehreraus- und -fortbildung eingesetzt und wenn ja, wie sähe der ideale Einsatz von Unterrichtsvideos aus?

Marita Schocker: „Mir ist kein deutsches Lehrbuch bekannt, in dem Unterrichtsvideos für die Weiterbildung von Englischlehrern veröffentlicht wurden, die alle Phasen der Kompetenzentwicklung illustrieren: Wie kann sie initiiert, begleitet, gemeinsam ausgewertet und reflektiert werden? Insofern ist unsere Publikation tatsächlich ein Novum. Es ist sehr aufwändig, Videoaufzeichnungen zu produzieren – allein schon wegen der vielen Genehmigungen, die für einen Dreh im Klassenzimmer erforderlich sind. Dies ist sicherlich ein Grund, wieso es so wenig veröffentlichtes Material gibt. Unterrichtsvideos sind das geeignete Mittel, sich über qualitätsvollen Unterricht in der Lehrerbildung zu verständigen. Wir haben dazu ein erprobtes Seminarkonzept entwickelt, das wir mit allen Videobeispielen verbinden: eine Aufgabe vor dem Betrachten eines jeden Videos regt die Lehrer zunächst dazu an, ihre eigene Praxis zu reflektieren. Beispielsweise fragen wir, was sie tun, um zu Beginn einer Stunde eine konzentrierte und motivierende Lernatmosphäre zu schaffen. Auf der Grundlage dieses Erfahrungswissens regen wir dann in einem zweiten Schritt an, die eigenen Strategien mit denen der Lehrer in unseren Videos zu vergleichen: Was machen sie gleich oder anders? Welche Lehrstrategien scheinen auf den eigenen Lernkontext übertragbar? Die Aufgabensequenz schließt mit der Einschätzung der unterrichtenden Lehrkräfte und ihren Schülern, die gemeinsam reflektieren, was in der Stunde gut und was weniger gut lief. Zudem kommentieren mein Kollege und ich die Unterrichtsequenz. Vor allem heben wir dabei die Kompetenzen der Lehrer hervor und schlagen mögliche Weiterentwicklungen vor. Damit ermöglichen wir mehrere Perspektiven auf das Unterrichtsgeschehen und ermuntern dazu, eigene Routinen zu hinterfragen.“

Haben Sie zum Schluss noch einen Tipp für Lehrer, die ihren Unterricht gern mithilfe Ihres Lehrbuches verändern möchten? Auf was sollten sie am Anfang besonders achten?

Andreas Müller-Hartmann: „Wir würden uns wünschen, dass sich mehrere Englischlehrer an einer Schule zusammenschließen und Anregungen aus unserem Lehrbuch gemeinsam diskutieren und umsetzen. So erreicht man oft mehr als allein. Die Mühe, kompetenzorientierte Lernaufgaben in der Klasse einzusetzen, lohnt sich: Es ist eine große Freude zu sehen, wozu Schüler fähig sind, wenn sie mit den richtigen Aufgaben zum Lernen motiviert werden. Generell empfehlen wir, Kinder und Jugendliche stärker in die Unterrichtsgestaltung einzubeziehen. Lehrer müssen Schülern nicht alles minutiös vorgeben. Das ist für sie anfangs eine ungewohnte, aber schlussendlich beflügelnde Erfahrung.“


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