Europa setzt auf Virtual Exchange (Teil 1)

Die Basis für eine umfassende digital-pädagogische Kompetenz

Alle reden über Digitalisierung. Doch was heißt das konkret für die Fremdsprachen? Der Einsatz von neuen Wortschatz-Apps oder Tablet-Klassen ist sicherlich sinnvoll – was aber bringt die Digitalisierung vor allem für die kommunikative Anwendung der Fremdsprachen im Ernstfall?

Ein Ansatz, den schon Reinhard Donath, der weißbärtige E-Mail-Papst aus Ostfriesland, Ende der 1990er-Jahre publik gemacht, sind die sogenannten E-Mail-Projekte, heute als telecollaboration projects oder als virtual exchange projects beschrieben, die viele verschiedene Austauschformate umfassen.

Was ist virtual exchange?

Im virtuellen Austausch zwischen Schulklassen geht es darum, dass sich zwei Lerngruppen über einen längeren Zeitraum (von drei bis maximal acht Wochen) über ein bestimmtes Thema in der Fremdsprache mit ihren Partner/innen auf Englisch oder einer anderen Fremdsprache austauschen, wobei Englisch in den meisten Fällen als Lingua Franca genutzt wird. D.h., wenn man keinen Kontakt zu englischsprachigen Muttersprachlern hat, so ist dies kein Problem, denn man kann mit anderen Sprechern und Sprecherinnen der Zielsprache kommunizieren.

Der Austausch findet über unterschiedliche Medien wie Foren, Text- und Video-Chat sowie die sozialen Medien statt. Hierbei werden bedeutungsvolle Inhalte in der Fremdsprache, etwa Unterschiede in den Schulsystemen, intensiv verhandelt. So lassen sich mündliche und schriftliche Kompetenzen im kommunikativen Ernstfall ausbilden.

Austausch in internationalen Gruppen

Dies geschieht in der Regel auf Basis einer Lernplattform, wie z.B. Moodle oder Canvas, auf der die Schüler und Schülerinnen, die in der Zeit in internationalen Gruppen zusammenarbeiten, ihre zu erstellenden Dateien (Texte, Bilder, Videos etc.) sammeln. Somit haben alle Partner Zugriff darauf. Zum Einstieg bieten sich die vielen Websites zur Partnersuche an. Diese stellen zahlreiche Projektideen vor.

Das mediale Nutzungsverhalten der Jugendlichen hat sich im Laufe der Jahre verändert. Folglich verbindet man heutzutage die Arbeit auf den Lernplattformen mit unterschiedlichen sozialen Medien wie Facebook oder WhatsApp, um den Schülern und Schülerinnen die ihnen bekannten Kommunikationsformen zu ermöglichen. Die sogenannten digital natives zeigen dabei allerdings auch oft, dass sie über die Nutzung bestimmter sozialer Medien hinaus nicht unbedingt weitere digitale Kompetenzen mitbringen.

Die Arbeit mit den unterschiedlichsten Tools trägt im Sinne der Digitalisierung zur Ausbildung einer umfassenderen digital-pädagogischen Kompetenz bei: Zum Einsatz kommt zum Beispiel about.me für die Präsentation der eigenen Person oder google docs, um gemeinsame Texte in Echtzeit zu erstellen oder die Inhalte dazu im parallelen Chat zu diskutieren. Mithilfe von Präsentationstools wie padlet.com lassen sich die Arbeitsergebnisse der internationalen Gruppen der Gesamtgruppe vorstellen.

Kompetenzen durch virtual exchange entwickeln

Von Beginn an wurde auf die positive Komplexität dieser Lernumgebungen verwiesen, die es Schülern und Schülerinnen ermöglicht, sowohl fremdsprachliche wie auch transkulturelle und im Umgang mit den eingesetzten Technologien digital-pädagogische Kompetenzen zu entwickeln. Die Aufgabenstruktur dieser Lernumgebungen ist durch das Progressive Exchange Model charakterisiert (siehe Beitragsbild).

Progressive Exchange Model nach O'Dowd & Lewis 2016

Progressive Exchange Model nach O’Dowd & Lewis 2016

Es gibt zu virtual exchange schon vielerlei Forschung, die sich aber meistens auf den Austausch zwischen zwei Lerngruppen bezieht. In einem großen europäischen Erasmus+-Projekt namens Evaluate haben in den letzten zwei Jahren Partner aus sechs europäischen Ländern (Deutschland, England, Italien, Portugal, Spanien und Ungarn) untersucht, inwiefern virtual exchange tatsächlich digital-pädagogische, interkulturelle und fremdsprachliche Kompetenzen entwickelt.

Zusammen mit 34 Lehrerbildungsinstitutionen wurden 25 virtual exchange projects in Europa und Übersee mit insgesamt über 1.000 Studierenden durchgeführt und quantitativ wie auch qualitativ beforscht. Die Ergebnisse zeigen eindeutig, dass selbst ein einziges virtual exchange project von vier bis acht Wochen Länge zu positiven Ergebnissen in diesem komplexen Kompetenzcluster führt (siehe Abschlussbericht). Die beteiligten Studierenden wiesen nicht nur auf die Tatsache hin, dass sie viele neue Technologien für den Einsatz im Unterricht für alle Altersstufen kennengelernt haben:

I would say that we have learnt a lot of online techniques to be learning English [and] teaching English, in classes” (student of virtual exchange).

Neben den fremdsprachlichen Kompetenzen haben die Lernenden durch die intensive Zusammenarbeit in internationalen Teams auch soziale und andere interdisziplinäre Kompetenzen entwickelt:

I learned a lot with this experience. It was different from any other activity that I have done.  It help[ed] me for my communication skills, in the practice of the second language, team work, learning about the education in a different culture and more” (student of virtual exchange).

Dabei standen vor allem die inter- oder transkulturellen Kompetenzen im Zentrum:

„I think it is a great experience as you get to share your ideas with people from other cultures who have different life experiences so you learn from each other. Now that the world is globalized it is important that we learn how to collaborate with people from other countries” (student of virtual exchange).

Unterschiedliche Herausforderungen

Gerade bei dem komplexen Kompetenzcluster der transkulturellen Kompetenz zeigt sich, dass die Lernenden oft mit hohen Erwartungen, aber genauso mit einer oft naiven Sicht der transkulturellen Kommunikation in die Projekte eingestiegen sind. Im Laufe der Projekte wurden die Schüler und Schülerinnen dann mit vielen Herausforderungen konfrontiert. Hierbei ging es unter anderem um Kommunikationsprobleme, negative Emotionen, Schwierigkeiten in der Teamarbeit oder sprachliche Probleme bei der Bearbeitung der gemeinsamen Aufgaben.

Durch die intensive Auseinandersetzung mit diesen Herausforderungen und den regelmäßigen Reflexionen in den Face-to-Face-Phasen dieser Blended-Learning-Umgebungen haben die Teilnehmer während der Projekte ein Gefühl für die Bewältigung der Herausforderungen bekommen. Zudem verfügen sie über eine Sicherheit in diesen Lernumgebungen. Kompetenzen im Bereich Teamarbeit und Problemlösungsfertigkeiten kommen hinzu. Vor allem haben die Schüler und Schülerinnen ein Gefühl der interkulturellen Effektivität gewonnen. Dies ist auf den Umgang mit Sprechern und Sprecherinnen der Zielsprache aus anderen kulturellen Kontexten zurückzuführen.

Lesen Sie im zweiten Teil weiter: Innovative pädagogische Ansätze und die Nutzung digitaler Werkzeuge


Diesen Artikel kommentieren

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.