Vom Umgang mit Grammatik

Im klassischen Lateinunterricht ging es ums Übersetzen. Denn Latein war keine gesprochene Sprache mehr. Im Übersetzungsprozess wurden komplexe Satzperioden bedeutender Schriftsteller „dekonstruiert“, verstehend aufgelöst. Dafür brauchte man zwei Dinge: Wortschatz und Grammatik. In der Grammatik war es wichtig, die Formen mit ihren Endungen zu erkennen.

Lateinunterricht stand seit Humboldt im Zentrum gymnasialen Bildungserwerbs, und das Gymnasium war das Flaggschiff des neuen, staatlichen Schulwesens. Die neueren Sprachen mussten sich am Lateinunterricht orientieren, wollten sie als Schulfächer überleben. Sie übernahmen seine Taktung: grammatisierender Sprachunterricht mit nachfolgender Klassikerlektüre, das Ganze nach der Grammatik-Übersetzungsmethode.

Kommunikativer Fremdsprachenunterricht heute hat ganz andere Zielsetzungen: Es geht um Diskurstüchtigkeit, weitgehend auf Basis sprachlicher Fertigbauteile (chunks). Übersetzungskompetenz steht im Hintergrund; Mediation jedoch ist etwas anderes. Im Diskurs spielt die Konstruktion komplexer Satzperioden allenfalls in der Oberstufe eine Rolle (rhetorische Übungen). Sie ist ein Randphänomen. Und Texte aus dem englischen Sprachraum braucht man nicht zu „dekonstruieren“; sie sind parataktisch formuliert, die Syntax ist durchschaubar (fixed word-order), im Gegensatz zur deutschen, aus dem Lateinunterricht ererbten Hypotaxe.

Trotz dieser Gegensätzlichkeiten betreiben wir im Englischunterricht nach wie vor lateinische Formalgrammatik. Und wir tun es auch in der Hoffnung, dass damit etwas vom bildenden Wert des Lateinischen auf unser Fach übergehe. Denn Formenreichtum galt im Zeitalter neuhumanistischer Allgemeinbildung als Anzeichen für Bildungswert – ein Grund, warum in älteren Schulgrammatiken das formenarme Englisch einen AcI (Accusativum cum Infinitivo: I asked her to go) und sogar ein Supin (horribile dictu: terrible to say) erhielt, und warum die Analyse von Partizipial- und Gerundialkonstruktionen als etwas besonders Edles für mündliche Abschlussprüfungen galt: Englisch als kleine Schwester des Faches Latein.

Wichtig für den Umgang mit Grammatik: function before form

Wir stellen heute noch die Sprachform in den Mittelpunkt des Englischunterrichts, so als gelte es, im Diskurs in undurchschaubaren Monstersätzen Formen analysierend zu erkennen – eine absurde Vorstellung, denn dafür hätten wir im Fluss des Kommunizierens gar keine Zeit. Wir tun das nicht: Wir nutzen chunks als Fertigbauteile, wobei wir die grammatischen Formen als Teil eines rich input aufnehmen. Weil das so ist, muss auch für den Umgang mit Grammatik gelten: function before form. Wir müssen zunächst klären: Was leistet ein bestimmtes grammatisches Phänomen (die Continuous Form, eine Zeitform, usw.) kommunikativ? Welche kommunikative Absicht kann mittels des Phänomens verwirklicht werden? Wie wird die Funktion in der eigenen Sprache abgedeckt (Sprachvergleichung)?

Der Zusammenhang von grammatischer Form und kommunikativer Absicht muss dabei erfühlt (Continuous Form als „sprachliche Zeitlupe“) und dann automatisiert werden, und er ist komplexer als die schulgrammatischen Kochbuchregeln, die daher auch meist falsch sind („Wenn gerade eben etwas passiert, dann…“). Letzteres macht aber nichts, da lernende Grammatikregeln ohnehin kaum rezipieren. Warum auch? Die grammatischen Lösungen für die kommunikativen Absichten müssen automatisiert abrufbar sein. Da die Lernenden Gehirne haben, bedeutet das aber auch, dass die grammatischen Phänomene in ihrer kommunikativen Bedeutsamkeit durchschaut sein müssen.

Noch ein abschließendes Wort zum Bildungswert von Regelgrammatik: Schulgrammatische Regeln sind Wenn-Dann-Regeln, haben jedoch keinen Bildungswert. Diesen aber hat die Durchschaubarmachung der kommunikativen Mechanismen einer Sprache und der kulturbedingten Kommunikationsstrategien und -abläufe der Menschen, die sie sprechen. 

Bildquellen

  • Grammar: Shutterstock.com/Undrey

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