Die Zukunft des Englischunterrichts als Utopie

Eine Zukunftsvision:

Wir schreiben das Jahr 2030. Der Fremdsprachenunterricht hat sich in den letzten zehn Jahren maßgeblich verändert: Intensive, interdisziplinäre Forschungs- und Entwicklungsarbeiten haben viele Problemstellungen gelöst. Ich werde nachfolgend in dieser utopischen Zukunftsvision auf zwei dieser Problemstellungen respektive Entwicklungsfelder eingehen, um aus meiner Sicht zentrale Merkmale des Englischunterrichts der Zukunft zu beschreiben. Dies wäre zum einen die Inklusion und zum anderen die Digitalisierung.

So schön kann #Englischunterricht werden: #Digitalisierung, #Inklusion, #Teamteaching, #Kreativität
Vielfältige Differenzierungs- und Unterstützungsangebote

Im Jahr 2030 werden dann bereits seit mehr als zehn Jahren Englischlehrkräfte flächendeckend durch empirisch fundierte Aus- und Weiterbildungsprogramme auf den inklusiven Englischunterricht vorbereitet. Dabei stehen in den mittlerweile an allen lehrerbildenden Universitäten fest in die Ausbildungscurricula verankerten Programmen vor allem folgende Themen im Fokus, die sowohl von Fremdsprachendidaktik als auch von Psychologie und Erziehungswissenschaften im Zusammenspiel behandelt werden und in enger Abstimmung von Theorie und Praxis, universitärer Forschung und Lehre mit Schulen und Studienseminaren in phasenübegreifenden Communities of Practice entwickelt und erprobt wurden:

  • inklusive Unterrichtsentwicklung: Vermittlung spezifischer, heterogenitätssensibler didaktischer und fachdidaktischer Fähigkeiten, Sensibilisierung für das Spannungsfeld von Individualisierung und Leistungsdifferenzierung im Fremdsprachenunterricht, Aufgaben- und Übungskonzeption und Fähigkeit zur Entwicklung von Hilfs- und Unterstützungsangeboten, Formen der Leistungsbewertung
  • multiprofessionelle Teamarbeit: Aspekte der fachspezifischen Kooperation und Teamarbeit, gemeinsamer Unterricht, Beratungs- und Kommunikationsstrukturen
  • sonderpädagogische Förderung: fachspezifische Diagnostik und Förderplanung

Die Schule im Jahr 2030 ist personell wie räumlich längst zur inklusiven Schule geworden. Jede Schule verfügt über ausreichend Fachlehrkräfte, Sonder- und Förderpädagogen und Psychologen, um in multiprofessionellen Teams mit ausreichend zeitlichen Ressourcen für die gemeinsame Planung und Reflexion von Unterricht sowie die Diagnose und Entwicklung von Förderplänen inklusive Lernsettings mit der Möglichkeit der Partizipation für alle am gemeinsamen Lerngegenstand und eine bestmögliche individuelle Förderung zu schaffen.

Zwischenzeitlich überwiegend digitale Lehrmaterialien sind mittlerweile optimal auf die Bedürfnisse eines inklusiven Fremdsprachenunterrichts abgestimmt, bieten vielfältige Differenzierungs- und Unterstützungsangebote (und zwar ohne Etikettierungsprozesse verstärkende Bezeichnungen wie Inklusions-Materialien, I-Aufgaben etc.) sowie technische Einstellungsmöglichkeiten (Schriftgröße und Schriftart, Kontrast, Audioausgabe von Texten etc.), um allen Lernenden barrierefreie, auf die individuellen Förderbedarfe und Lernziele abgestimmte Lernprozesse zu ermöglichen. Methodische Zugänge, wie beispielsweise zum Üben und zum aufgabenorientierten Fremdsprachenlernen, wurden von der Fremdsprachendidaktik gezielt weiterentwickelt, um auf die besonderen Bedürfnisse zu reagieren und in einem differenzensensiblen Fremdsprachenunterricht kompetenzorientiert an bedeutungsvollen Aufgaben und Inhalten Partizipationsgelegenheiten zu ermöglichen.

Die Digitalisierung birgt eine ungeahnte Vielfalt in sich

Der Englischunterricht im Jahr 2030 stellt eine wissenschaftlich fundierte Blended-Learning-Umgebung dar. In der auf der zwischenzeitlich etablierten, bundesweit einheitlichen Bring-Your-Own-Device-Lösung sowie in technologisch gut ausgestatteten schulischen Fremdsprachenlernwerkstätten genießen Lernende vielfältige Gelegenheiten zur Kommunikation, Kollaboration, Reflexion, Multiplikation, Modifikation und Kreation. Sie haben also einen höchst authentischen und vielfältigen Umgang mit der Fremdsprache erhalten. Gut ausgebildete und in ihrer Mediennutzung kompetente, kritische und reflektierte Lehrkräfte nutzen an wertvollen Lerninhalten orientierte und mit sinnvoll konstruierten, herausfordernden, kommunikativen Lernaufgaben und Übungsgelegenheiten verknüpfte, empirisch fundierte mediale Nutzungsszenarien. So lassen sich fremdsprachliche Kompetenzen vermitteln.

Die nun an jeder Schule arbeitenden Educational Technologists, also didaktisch und technologisch speziell ausgebildete Lehrkräfte für den Bereich des digitalen Lernens, entwickeln und betreuen diese Lernszenarien mit den Englischlehrkräften gemeinsam. Den Schulbuchverlagen ist es gelungen, aus dem früheren analog-digitalen Medienverbund – mit dem Schulbuch im Zentrum und bis zu 30 Begleitmaterialien – EINE hochgradig adaptive und auf die Bedürfnisse des individuellen Lernenden sehr gut abgestimmte Lernplattform zu bauen, die alle Materialen, Übungen, Inhalte sinnvoll verknüpft. Das gedruckte Schulbuch ist im Jahr 2030 somit zu einer interaktiven, multimedialen, adaptiven Lern- und Übungsumgebung geworden, die sowohl perfekt auf die Bedürfnisse des Präsenzunterrichts als auch auf Phasen des individuellen Übens und Selbstlernens perfekt abgestimmt ist.

Das digital angereicherte Klassenzimmer

Experten aus der Fremdsprachendidaktik, der Computerlinguistik, der Lernpsychologie sowie aus den Bereichen Machine Learning und Big Data ist es in enger Kooperation gelungen, eine digitale Lernumgebung zu generieren. Diese hilft die Bedürfnisse und Lernfortschritte zu diagnostizieren und hält differenzierende und an den Bedürfnissen orientierte Unterstützungsangebote direkt bereit. Die im Jahr 2030 genutzte Lernplattform ist folglich ein digitales Lern-Assistenzsystem, eine Ressource, ein Werkzeug für die Schüler und die Lehrkraft, das genau dann eingesetzt wird, wenn es für den Lernprozess einen Mehrwert darstellt. Das digital angereicherte Klassenzimmer der Zukunft verbindet somit gekonnt die Vorteile des digitalen Lernens mit bewährten, computerfreien Methoden, Inhalten und Aufgaben des Präsenzunterrichts, die für ein erfolgreiches Fremdsprachenlernen weiterhin unverzichtbar und höchst bedeutsam sind.

Und ein kleiner Nachtrag: In dieser digital angereicherten Lernwelt spielen Klassenarbeiten und Tests übrigens keine Rolle mehr. Jeder Lernende kann sein Potential frei entfalten, weil er beziehungsweise sie individuell gefördert wird. Digitales Lernen und die Daten, die sich beim Lernen generieren lassen, machen das 2030 möglich – und eigentlich auch schon aktuell. Wer mag da noch von Utopie sprechen?

Hintergrund: TEA-Talk kontrovers

Mitglieder von The English Academy diskutierten 2017 beim TEA-Talk während des DGFF-Kongresses in Jena mögliche Zukunftsszenarien für den Englischunterricht. Prof. Dr. Torben Schmidt (Leuphana Universität Lüneburg) stellte eine Utopie vor. Prof. Dr. Jürgen Kurtz (JLU Gießen) übernahm in der Debatte die dystopische  Perspektive. Prof. Dr. Konrad Schröder (em. Universität Augsburg) band die Perspektiven zurück an die Geschichte des Englischunterrichts und seine gegenwärtige Funktion als Gateway to languages.


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